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18.07.2003
 

(No more) E-Mail

Bushs Aschenputtel-Test

Macht definiert sich im 21. Jahrhundert zunehmend als Kontrolle über die Kommunikations- und Informationsflüsse. Wer der Bush-Administration per E-Mail schreiben will, muss sich zunächst einem Gesinnungstest unterziehen. Oder haben wir da was falsch verstanden?

"Contact"-Webseite der Bush-Regierung: Kurzer Draht nur für Freunde?
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"Contact"-Webseite der Bush-Regierung: Kurzer Draht nur für Freunde?

Als das Internet Mitte der neunziger Jahre endgültig seinen Siegeszug begann, schien so vieles möglich: Die Welt schien kleiner zu werden, die Kontakte unmittelbarer, und alle Menschen ein kleines bisschen gleicher. War es nicht so, dass man mit einem Mal Staatslenker und Popstars, Künstler und Großkopferte mit nur einem Mausklick und binnen Sekunden erreichen konnte? "E-Mail senden", und schon sprach man zu, wenn schon nicht mit den Mächtigen?

Nein, natürlich war das nicht so. Aber es sah zumindest so aus.

Chefs, lautet eine Web-Weisheit, surfen nicht - sie lassen surfen. Und so hatten und haben gerade Politiker Referenten, die für die Sichtung der E-Mail zuständig waren und sind.

Und trotzdem: Es hatte schon was, sich hinsetzen zu können und mal eben dem mächtigsten Menschen auf Erden brieflich die Meinung zu geigen. "president@whitehouse.gov" wurde zu einer der bekanntesten Mailadressen der Welt.

Wer da heute hinschreibt, berichtet John Markoff in der "New York Times", kann sich nicht darauf verlassen, dass sein Brief überhaupt noch gelesen wird. Das ist keine steile Behauptung, sondern ein fast wörtliches Zitat von der neuen "Webmail"-Seite des Weißen Hauses. Denn klammheimlich hat die Bush-Administration die Regeln für die Kommunikation mit der Regierung geändert.

Neues aus Washington, Preussen

Wer künftig kommunizieren will, steht vor einem Formular-Parcour, bei dem selbst preußische Einwohnermeldeamts-Beamte glänzende Augen bekämen. Neun Seiten Hindernislauf gilt es zu überwinden bis zur persönlichen Bemerkung.

Es beginnt mit dem Aschenputtel-Test: Will man meckern oder loben? Ist man für oder gegen Bush?

Nur ein Heiliger nimmt das nicht als Gesinnungstest wahr und vertraut darauf, dass Lob wie Tadel ihren Adressaten erreichen - und nicht das Gute ins Töpfchen, das Schlechte ins Kröpfchen wandere.

Vorgefilterte Themenauswahl: Nuklearwaffen kann man loben oder tadeln, Überwachungsgesetze nicht
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Vorgefilterte Themenauswahl: Nuklearwaffen kann man loben oder tadeln, Überwachungsgesetze nicht

Jimmy Orr, einer der Sprecher des Präsidenten, versichert natürlich, das alles sei eine Verbesserung und solle die Kommunikation mit dem Bürger erleichtern. Schließlich erhalte der Präsident täglich rund 15.000 E-Mails, und wer wollte damit noch fertig werden?

Also entwarfen die Strategen ein System, dass die eingehende Mail haarklein nach Kategorien ordnet. "Wer schreibt da?" ist die erste Frage, und Lügen gilt nicht: Erst wer in einem mehrstufigen Prozess seine Identität bewiesen und per E-Mail einen Freischalt-Code erhalten hat, darf seinem Präsidenten schreiben. "Seinem" ist hier wörtlich zu nehmen, weil E-Mail aus dem Ausland überhaupt nicht mehr vorgesehen ist.

Man darf alles sagen, was man sagen darf

Für US-Bürger geht es dann weiter: Auf zwölf Politikbereiche mit etlichen Unterpunkten darf man Bezug nehmen. Ein System mit eingebautem Galgenhumorfaktor: So darf man zwar die Atomwaffenpolitik Bushs loben, findet aber keinen Unterpunkt, unter dem man beispielsweise Bushs Bürgerbeschnüffelungs-Gesetze kritisieren könnte. Was soll's, das hat schließlich am Donnerstag schon der Senat übernommen, als er die Mittel für Bushs "Total Terrorism Awareness"-Programm strich.

Es gibt Themen, über die redet Georg Walker Bush nicht gern: Der gesamte Themenblock "Arbeit" bis hin zu "Arbeitslosigkeit" gehört zu den Unthemen der Kontaktseite
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REUTERS

Es gibt Themen, über die redet Georg Walker Bush nicht gern: Der gesamte Themenblock "Arbeit" bis hin zu "Arbeitslosigkeit" gehört zu den Unthemen der Kontaktseite

Trotzdem bleibt hier ein schaler Beigeschmack. Das System quantifiziert offenkundig das E-Mail-Aufkommen nach verschiedenen Gesichtspunkten. Egal ob sie nun gelesen wird oder nicht: Schon die Vorsortierung sorgt dafür, dass in Form einer Ablehnungs- oder Zustimmungsstatistik zu aktuellen Politikbereichen die E-Mail der Bush-Administration nützliche Informationen bietet.

Für Regierungssprecher Orr ist das ganze Prozedere nur eine Teilautomatisierung eines Systems, durch das die Bürger ihre Anliegen dem Präsidenten schneller nahe bringen können sollen. Die Vorfilterung diene dem Zweck, dem Briefschreiber auch dann passgenaue Antworten zu seinem Thema geben zu können, wenn der Brief nicht von einem Menschen gelesen werde: Meckerbriefschreiber gegen den Irak-Krieg erhalten dann automatisch eine sachliche Antwort. Ganz nebenbei sind sie aber auch mit Namen und Adresse registriert.

Automatisierte Abfertigung

Ein Schelm, wer Böses dabei denkt. Orr versichert, beim neuen Mailsystem gehe es gerade darum, persönlich wahrgenommen zu werden: Sogar automatisierte Grußworte des Präsidenten zu Jubiläen, Geburten und ähnlichen Anlässen ließen sich anfordern. Wie schön. Überhaupt kommt der neue "Contact"-Auftritt des Weißen Hauses freundlich-nüchtern daher, mit einem schönen Foto eng befreundeter Partner bebildert: Bush und Blair spazieren da verliebt wirkend und grinsend durchs Bild, und fast scheint es, als hielten sie Händchen. So eng kann freundschaftlicher Kontakt sein, und sicher besitzt Tony Blair auch Georg W. Bushs persönliche Mailadresse.

Seine britischen Landsleute aber müssen sich wie alle Ausländer und alle, die sich frei zu Themen äußern wollen, die die Bush-Administration gerade nicht diskutiert haben will, per Telefon, Fax oder Brief ans Weiße Haus wenden. Die Einzelheiten sind der "Contact"-Seite der Regierungs-Homepage zu entnehmen. Mehr Distanz in einem Medium, von dem sich Bürgerbewegte einst größere Nähe und einen direkteren Draht zur Politik erhofften, hat noch niemand hinbekommen. Die Seite ist beispielhaft - abschreckend.

Frank Patalong

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