Von Markus Becker, Bochum
Kolla ist einer der seltenen Zeitgenossen, denen es vergönnt ist, zum richtigen Zeitpunkt mit der richtigen Software zur Stelle zu sein. Der Schutz von Daten und speziell der Privatsphäre ist bereits jetzt eines der wichtigsten Themen rund um das Internet, Tendenz steigend. Nach Erhebungen des US-Softwareunternehmens "Pest Patrol" stieg die Zahl der bekannten Adware-Programme zwischen 2001 und 2002 von vier auf 255, die der Spyware-Quälgeister von 16 auf 263 und die der Keylogger von 191 auf 727.
Im Kampf um die Aufmerksamkeit des potenziellen Kunden greifen Werbetreibende zu immer aggressiveren Methoden. Die Waffen der Wahl sind dabei nicht selten Spy- und Adware, die das Verhalten des potenziellen Kunden ausspionieren und die Ergebnisse per Internet an den Auftraggeber zurückschicken. Die kleinen Programme laufen meist ohne das Wissen des PC-Besitzers und haben sich in den vergangenen Jahren rasant ausgebreitet. Earthlink schätzte jüngst, dass bis zu 50 Prozent aller Internet-User kommerzielle Schnüffel-Programme unterschiedlicher Bösartigkeit auf ihren Rechnern haben.
Sicherheitsrisiko für Unternehmen
In Unternehmen mit großen Netzwerken kann Spyware nicht nur ein Ärgernis, sondern eine echte Gefahr werden. Unter den von Spyware aufgezeichneten und verschickten Internet-Adressen können sich auch firmeninterne Intranet-Seiten befinden, so dass im schlimmsten Fall geheime Informationen nach außen gelangen. Zumindest aber kostet Spyware durch ständigen Datenverkehr und Popup-Einblendungen Arbeitszeit, Bandbreite und damit Geld.
Die Großen der Sicherheitssoftware-Branche haben die Entwicklung verschlafen und damit kleineren Herstellern wie Kolla oder "Ad-Aware"-Erfinder Lavasoft eine einmalige Chance gegeben. "Wir bereiten derzeit eine Netzwerk-Version für Unternehmen vor", kündigt Kolla an. Zwei Großkonzerne sollen bereits Interesse angemeldet haben. Ihre Namen sind noch geheim, doch würde es sich bei ihnen um Unternehmen mit Jahresumsätzen von knapp 30 und über 50 Milliarden Dollar Umsatz handeln.
"Spybot muss Freeware bleiben"
Zwar gibt es noch keine Bezahl-Version seines "Spybot" für Unternehmen, doch könnte sich das demnächst ändern. Eines der weltgrößten Sicherheitssoftware-Unternehmen hat laut Kolla Interesse am "Spybot" angemeldet. Die Gespräche hätten sich zunächst schwierig gestaltet. "Ich stelle eine klare Bedingung: Spybot muss Freeware bleiben." Ein Kompromiss könne auf ein Modell hinauslaufen, mit dem bereits Firewall-Hersteller Zonelabs oder Internetfilter-Produzent Webwasher Erfolg hatten: Heimanwender bekommen die Software gratis, Firmen müssen zahlen.
Wo Erfolg ist, sind Langfinger nicht fern. Auf seiner Webseite listet Kolla mittlerweile die dreistesten Plagiateure auf, die Teile des "Spybot" als eigene Produkte verkaufen oder, wie jüngst geschehen, gleich das komplette Programm abkupfern und dabei vergessen, den Copyright-Vermerk des ursprünglichen Autors zu entfernen. Auch der Name "Spybot" weckte bereits Begehrlichkeiten. Zwei Spitzbuben, erzählt Kolla, sicherten sich die Domain "Spybot.com" und schickten ihm einen Brief, in dem sie ankündigten, sich das Warenzeichen in den USA sichern zu lassen und ihm, Kolla, den Vertrieb seines Programms in Amerika zu verbieten.
Der Vater arbeitet für den Sohn
Kolla machte die Episode öffentlich. "Das hat für einen Aufschrei in der Szene gesorgt." Da die beiden "Hintermänner" der falschen Spybot-Seite selbst Sicherheitssoftware herstellten, hätten sie schnell eingelenkt, um ihr eigenes Geschäft nicht zu gefährden. "Sie haben eingewilligt, mir das Warenzeichen kostenlos zu übertragen, wenn es registriert ist", schmunzelt Kolla. Die Seite www.spybot.com leitet mittlerweile auf eine Seite über PC-Sicherheitssysteme um, die einen großformatigen Link auf die echte Spybot-Seite enthält.
Was bleibt, ist die Lotto-Frage: "Was machen Sie mit all dem Geld?" Kolla schaut irritiert aus seinem knitterigen T-Shirt. "Ich habe mir eine bescheidene Eigentumswohnung gekauft." 57 Quadratmeter in einem Haus von 1962, als "kleine Verbesserung" gegenüber seiner jetzigen 11-Quadratmeter-Kemenate auf dem Dachboden des Elternhauses. Größer wohnen wolle er erst einmal nicht. "Es gibt schließlich auch Kosten", meint Kolla. Wie zum Beispiel das Web-Hosting, bis dato ein vierstelliger Euro-Betrag im Monat. Oder sein promovierter Vater. "Er arbeitet jetzt auch für mich", grinst Kolla. "Und der ist Doktor, das kostet."
Auf anderen Social Networks posten:
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Netzwelt | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Web | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2003
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH