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29.07.2003
 

Musikindustrie gegen P2P

Warnung vor dem Rohrkrepierer

Von Markus Becker

Der Feldzug gegen Nutzer von Internet-Tauschbörsen könnte der US-Musikindustrie teure Siege bescheren. Die wahllose Jagd auf P2P-Nutzer trifft mittlerweile Familien, Betroffene wehren sich, Internet-Serviceprovider und Hochschulen verweigern der Plattenindustrie die Hilfe.

Attacke auf KaZaA und Co.: Die RIAA bellt und beißt
[M] AP; SPIEGEL ONLINE

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Lange hat die Musikindustrie gedroht, nun macht sie Ernst: In knapp 1000 Abmahnungen an Hochschulen und Internet-Serviceprovider verlangte die RIAA die Herausgabe der persönlichen Daten von P2P-Nutzern. Der Branchenverband will an ihnen Exempel statuieren, mit Strafanzeigen und Schadenersatzforderungen von bis zu 150.000 Dollar pro angebotenem Song.

Der juristische Feldzug ist noch keine zwei Wochen alt, und schon mehren sich die Hinweise, dass die Warnungen selbst unabhängiger Experten vor einem Rohrkrepierer wahr werden könnten. Denn mittlerweile ist eingetreten, was selbst innerhalb der Musikindustrie mit mulmigem Gefühl erwartet wurde: Die willkürliche Hatz auf P2P-Nutzer hat Ziele gefunden, die dem Image der Musikindustrie schaden könnten.

Geschichten über fassungslose Eltern

Die "New York Times" etwa berichtet von den fassungslosen Eltern eines 14-Jährigen, die von ihrem Internet-Serviceprovider (ISP) informiert wurden, dass ihre Kundendaten den Anwälten der RIAA übergeben würden. "Man hätte ein anderes Mittel wählen können, als die Menschen zu Tode zu ängstigen", sagte die Mutter des 14-Jährigen der Zeitung. "Hätte mich jemand durch einen Brief informiert, dass mein Sohn etwas Falsches tut, hätte das mit Sicherheit meine Aufmerksamkeit erregt. Aber das hier wirkt einfach drastisch." Der Sohn habe mittlerweile Stubenarrest, die Tochter aber müsse sich jetzt Sorgen um die Finanzierung ihrer College-Ausbildung machen.

Pro-P2P-Kampagne der EFF: Kriminell durch Musiktausch?
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Es sind solche Geschichten, die an Warnungen wie die von Eric Hellweg erinnern: "Studenten an den Wickel zu gehen ist eine Sache", sagte der CNN-Finanzkolumnist. "Jemandes Mama eine 15-Millionen-Dollar-Klage anzuhängen, weil sie versucht hat, ihrem Strickkreis die Barry-Manilow-Sammlung zugänglich zu machen, eine ganz andere."

Zugleich formiert sich Widerstand gegen die RIAA-Kamagne. Hochschulen wie das renommierte Massachusetts Institute of Technology und das Boston College verweigerten die Herausgabe persönlicher Daten von P2P-Nutzern, sowohl wegen rechtlicher Bedenken als auch zum Schutz der Privatsphäre ihrer Studenten. Die Internet-Serviceprovider Verizon und SBC Communications empfehlen ihren Kunden, innerhalb von sieben Tagen Einspruch gegen die Abmahnung der RIAA zu erheben. Dann, so die ISPs, müssten sie keinerlei persönlichen Daten herausgeben.

Boykott-Aufrufe gegen die Plattenindustrie

Die Electronic Frontier Foundation (EFF) hat mittlerweile eine Webseite eingerichtet, auf der sich P2P-Nutzer informieren können, ob gegen sie bereits eine Verfügung vorliegt. Zugleich richtete die EFF zusammen mit der US Internet Industry Association (USIIA) eine Seite mit rechtlichen Hinweisen ein, wie der RIAA juristisch zu begegnen sei. Im Filesharing-Portal "Zeropaid" rufen P2P-Freunde bereits zum Boykott der großen Plattenverlage auf und bitten User außerhalb der USA, künftig noch mehr Dateien anzubieten.

"Tausende Klagen einzureichen bringt gar nichts", sagte Jonathan Zittrain, Direktor an der Harvard Law School, der "New York Times". "Die Musikindustrie steht vor der schwierigen Aufgabe, die Öffentlichkeit davon zu überzeugen, dass die Klagewelle im öffentlichen Interesse ist." Das aber sei mit der jetzigen Strategie des "Schrotflintenfeuers" gegen einzelne Tauschbörsen-Benutzer kaum zu erreichen.

Feldzug gegen die eigene Kundschaft

Zittrain vergleicht die Blaue-Brief-Kampagne eher mit Razzien während der Prohibition oder Radarfallen auf Autobahnen. Beides genieße keinerlei Ansehen in der Bevölkerung, meint der Jurist, "auch wenn damit nur dem Gesetz Geltung verschafft werden soll".

Dem Staat kann es zwar relativ egal sein, ob er sich mit Radarfallen beim Bürger unbeliebt macht. Im Verhältnis zwischen kommerziellen Plattenfirmen und deren Kunden aber gelten andere Gesetze, zumal nach Zahlen der RIAA knapp 60 Millionen Amerikaner Online-Tauschbörsen nutzen. Die Musikindustrie trifft mit ihrer Klage-Strategie einen Großteil der eigenen Kundschaft.

Dass die RIAA nach Ansicht der meisten Experten juristisch alle Trümpfe in der Hand hält, könnte sich als schwacher Trost erweisen. "Sie wird jede Schlacht gewinnen", prophezeit Michael Goodman vom Marktforschungsinstitut Yankee Group der RIAA. "Und sie wird den Krieg verlieren."

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