Von Markus Becker
Wer hätte das gedacht? Als am 1. August 1972 die erste synchronisierte Folge der Sesamstraße im deutschen Fernsehen lief, schrien hiesige Pädagogen Zeter und Mordio. Manch einer fürchtete um nichts weniger als die seelische Gesundheit der Nachkommenschaft. 31 Jahre später schreien sie wieder: Diesmal weil Ernie, Bert, das Krümelmonster und Tiffy ihren letzten abendlichen Sendeplatz im öffentlich-rechtlichen Fernsehen räumen mussten.
Den schwarzen Peter hat der NDR. Alle anderen öffentlich-rechtlichen Sender hatten die Sesamstraße schon längst aus ihrem Abendprogramm verbannt, was offenbar niemandem weiter auffiel, da der NDR dank Kabelfernsehen bundesweit zu empfangen ist und das Krümelmonster weiterhin um 18 Uhr Kekse mampfen ließ. Seit dem 4. August aber ist die Sesamstraße nur noch frühmorgens im NDR und mittags im öffentlich-rechtlichen Kinderkanal ("KiKa") zu sehen.
NDR bezieht Prügel von rechts und links
Mit beißendem Sarkasmus kommentierte etwa die "taz", dass abends nunmehr Informationssendungen der Landesfunkhäuser die Zuschauer in der angeblich ersten Reihe - nun ja, unterhalten. Am anderen Ende des Blätterwalds setzte die "Welt" voller Grimm zur Grätsche an: Wie der NDR mit Kindern umgehe, werfe die Frage auf, mit welchem Recht die Öffentlich-Rechtlichen überhaupt noch Zwangsgebühren kassierten - wenn es jetzt auch bei ihnen nur noch um die Quote gehe.
Abseits der gut befestigten Argumentationsgräben steht kopfschüttelnd die Initiative "Sesamstraße retten". Auf deren Webseite haben sich seit dem 4. August 4456 Unterstützer eingetragen, so dass bei weiter anschwellender Wut schnell fünfstellige Zahlen erreicht sein werden. Mit tausenden Unterstützern im Rücken gibt sich Jan Kellermann, Sprecher der Initiative konziliant: "Die Entscheidung des NDR, sein regionales Programm nicht mit einer Sendung von bundesweitem Charakter zu belasten, ist völlig in Ordnung", sagte Kellermann gegenüber SPIEGEL ONLINE. "Die Sesamstraße gehört in den Kinderkanal."
Nur eben nicht auf Sendeplätze wie morgens um acht oder mittags kurz vor halb eins. "Die Sesamstraße ist eine spezielle Familiensendung und gehört ins Vorabendprogramm", meint Kellermann. Damit die Eltern das Gesehene anschließend auch mit den Kleinen diskutieren können. Die deutsch-japanischen, kanadischen und australisch-deutschen Trickfilme, die der Kinderkanal derzeit um 18 Uhr zeigt, seien keine Alternative. "Die Sesamstraße", sagt Kellermann, "ist einzigartig".
"Interfraktionelles Statement" für Ernie und Bert
Recht hat der Mann, und das will er den NDR spüren lassen. Schließlich ist er Mitarbeiter in einer Agentur für politische Kommunikation (Motto: "Politik gestaltet Gesellschaft - wir gestalten Politik") und weiß als solcher, wie man in Deutschland Dinge bewegt: "Wir streben ein interfraktionelles Statement an." Im August sollen alle Bundestagsparteien ihre Meinung zum Casus Sesamstraße zu Papier gebracht haben.
Sofern das nicht ohnehin schon passiert ist. Grünen-Bundesgeschäftsführerin Steffi Lemke etwa geißelte das Vorgehen des NDR als "bemerkenswerte Fehlentscheidung". Bundestagspräsident Wolfgang Thierse (SPD), als Ostdeutscher eigentlich nicht Sesamstraßen-sozialisiert, outete sich jüngst als "großer Fan" der plüschigen Figuren - in einer Bildzeile unter einem Foto, das den Politiker in stürmischer Umarmung des Krümelmonsters zeigt.
Noch gibt der NDR sich unnachgiebig: "Die Entscheidung steht fest", bekräftigte eine Sprecherin. Die Liebesbezeugungen von Politikern in Richtung Sesamstraße aber lassen Kellermann und seine Mitstreiter hoffen, dass es dem NDR-Rundfunkrat doch noch mulmig zumute werden könnte. "Nach der Sommerpause tagt die Programmkommission", sagt der Sesamstraßen-Aktivist. "Dann gehört das Thema auf die Tagesordnung."
Bis es soweit ist, bleibt den geplagten Eltern wohl nur der Einsatz des Videorekorders. Mit dessen Hilfe lässt sich nach neuesten Erkenntnissen nicht nur das Abendprogramm völlig individuell gestalten - besorgte Eltern könnten die Sesamstraßen-Folgen damit sogar archivieren. Denn womöglich wird die Sesamstaße irgendwann ganz von der Mattscheibe verbannt. Man weiß ja nie!
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