Von Frank Patalong
Im Juli dieses Jahres packte Shevaun P., zwölf Jahre, ihre Reisetasche. Toby S., 31, hatte versprochen, sie mitzunehmen, und gemeinsam reisten, nein: flohen sie für knapp eine Woche durch Europa. Die Boulevardpresse stürzte sich mit Begeisterung auf die vermeintlich romantische Geschichte vom GI, der sich in einem Chat in ein angeblich 19-jähriges Mädchen verliebt und mit ihr durchbrennt. Die Begeisterung flaut abrupt ab, als bei einer Hausdurchsuchung in der Wohnung von Toby S. kinderpornografisches Material auf einem Rechner gefunden wird.
Womit die Geschichte wieder in "normalen" Bahnen gelandet wäre: Seit Jahren liest man regelmäßig darüber, dass Pädo-Kriminelle Chats nutzen, um gezielt Kinder anzusprechen. Eine ganze Reihe von Verhaftungserfolgen in den letzten zwei Jahren zeigte, dass das Problem durchaus real ist. Ein Zugriff auf Pädo-Kriminelle ist am einfachsten, wenn Fahnder sich unter vorgeblich kindlicher Identität mit ihnen verabreden.
Den Serviceprovidern ist das alles nicht nur peinlich. Sie müssen sich auch immer öfter mit der Justiz auseinander setzen.
Microsoft zog nun in Bezug auf die eigenen MSN-Chaträume die Konsequenz. Ab dem 14. Oktober ist das weltweite Quasseln Geschichte: MSN schaltet die Services fast überall ab. Allein in den USA, Brasilien, Kanada, Neuseeland und Japan will MSN einige Chats weiter betreiben. Wer da allerdings künftig chatten will, muss sich entweder von einem Moderator bewachen und gegenfalls zensieren lassen, oder aber bezahlen. Allein in MSN-Chats, für die per Kreditkarte bezahlt wurde, wird noch frei geschrieben werden. "So haben wir zumindest immer einen Namen", meint dazu Microsoft-Sprecherin Lisa Gurry.
Programmierter Missbrauch
Ohne Aufpasser, gesteht MSN damit zu, geht es nicht im Internet. Chaträume bieten die Möglichkeit, weltweit und fast in Echtzeit auf einer gemeinsamen Plattform Textnachrichten auszutauschen. Gut gemachte Chaträume bieten dazu die Möglichkeit, "Hinterzimmer" zu öffnen, in die man sich dann für vertraulichere Konversationen zurückziehen kann.
Doch Chats lassen sich auch anders nutzen.
Viele erlauben - wie Messenging-Services - den Austausch von Daten. Ganze Bereiche der IRC-Chats gerieten so in den Ruch, Tauschbörsen für Pädophile zu sein. Porno-Spammer nutzen Chats, um E-Mail-Adressen abzugreifen für künftige Massenaussendungen. Microsoft-Sprecherin Lisa Gurry bezeichnete vor diesem Hintergrund die Abschaltung der MSN-Chats als Teil eines Versuches, für MSN-Kunden eine "möglichst sichere Umgebung zu schaffen".
In Pressemitteilungen begründet MSN die Abschaltung der Chats vornehmlich mit dem auch unter Internet-Nutzern sehr populären Kampf gegen den "Spam" genannten Internet-Werbemüll. Judy Gibbons, Corporate Vice President MSN International, wörtlich: "Wir haben diese Änderungen
Der zweite Grund dürfte wohl der wichtigere sein: Das Abschöpfen von einzelnen E-Mailadressen von Chattern mag geschehen, gehört aber wohl kaum zu den Lieblingsmethoden der Spam-Mafia.
Das Ende des Freiraums
Chats waren in den Neunzigern eine erste, zeitweilig sehr populäre Möglichkeit, in schriftlicher Form und Echtzeit zu diskutieren. Längst haben Messenging-Services, die ähnliche und mehr Möglichkeiten bieten, den Chats den Rang abgelaufen. Wie die Foren des Usenet entwickeln sich Chats seitdem zu Oasen für das Nischenpublikum - im guten wie im üblen Sinne.
Der Schritt von MSN zeichnet wohl einen Trend vor. Seit Serviceprovider für das Geschehen auf ihren Seiten zunehmend in die Verantwortung genommen werden, kann kaum mehr jemand auf eine Moderation ehemals freier Diskussionsräume verzichten. Auch Usenet-Foren werden von den meisten Serviceprovidern nur noch in begrenztem (und zensierten) Umfang zur Verfügung gestellt, und von manchen gar nicht mehr: Usenet und Chats sind die letzten Orte im Internet, in denen man wirklich zufällig über Dinge wie Kinderpornografie stolpern kann - mit rechtlichen Risiken für Provider wie Kunden.
MSN will solche Dinge innerhalb des eigenen Angebotes künftig ausschließen. Dass der Schritt zudem Kosten einspart und neue Umsatzquellen eröffnet, dürfte ein willkommener Nebeneffekt sein.
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