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11.11.2003
 

Die erste Partie

Deep Fritz erzwingt Remis gegen Kasparow

In einer ungewöhnlich spannenden Partie zeigte das Schachprogramm Deep Fritz, warum es als "Anti-Kasparow-Programm" gilt. Schwarz spielend wehrte es den aggressiv vorgetragenen Angriff des Weltranglisten-Ersten ab, drehte das Spiel und erzwang ein Remis.

Garry Kasparow: Kein Erfolg im ersten Anlauf
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AP

Garry Kasparow: Kein Erfolg im ersten Anlauf

Langeweile kam nicht auf in einer Partie, die Kasparow aggressiv begann. Nach wenigen Zügen schien er auch in Vorlage zu gehen: Sein Angebot, einen Bauern zu schlagen, hätte kein menschlicher Spieler angenommen. Fritz schlug, und die Experten sahen ihn bereits in die Falle tapsen - doch das Programm wieselte sich heraus. Einige Züge weiter analysierten Programm wie Experten den Spielverlauf gleich: als offen, ausgeglichen.

Überraschend aggressiv die Verteidigung von Fritz. In den späten Zwanziger-Zügen lag Kasparow, was die Qualität seines Materials anging, zwar leicht vorn, doch Fritz sah die Sache anders: Mit Beginn der Dreißiger-Züge errechnete der Computer für sich einen leichten Vorteil.

Wohl nicht unberechtigt, und auch unter den durchaus überraschten Experten kippte die Stimmung. "Das", meinte Schach-Großmeister Lev Alburt, "sieht jetzt mehr nach einem Remis aus als nach einem Gewinn für Kasparow" nachdem dieser offenbar eine Gefährdung seines Spieles durch die schwarze Dame übersehen hatte. Und Rechner verzeihen keine Fehler.

Der amerikanische Kommentator Mig Greengard, bekannt für sein Schach-untypisch sarkastisches Mundwerk, wollte das noch nicht so sehen. Und falls Kasparow gewinnen sollte, wusste er auch, wo er die Analyse ansetzen würde: "Ich für mein Teil meine, wir sollten Kasparows neue Schuhe eingehend untersuchen lassen. Ich kann mich an keinen Fall erinnern, in dem ein Spieler während des Spieles die Schuhe wechselte!"

Zug 34: Das Spiel kippt zugunsten des Rechners

Doch die flappsigen Töne verstummten zwischen den Zügen 30 und 34 schnell: Fritz ging in die Offensive. Knapp 15 Minuten vor Ablauf der ersten Zwei-Stunden-Frist trennten Kasparow noch sechs Züge bis zum Vierzigsten - und erst dann würde er eine weitere Stunde Bedenkzeit zugeschlagen bekommen. Zu allem Überfluss brachte Fritz nun die schwarze Dame vor und Kasparows König direkt unter Druck: Spätestens an diesem Punkt durfte sich Kasparow nicht mehr den geringsten Fehler erlauben - und er musste schnell ziehen.

In Vorlage lag nun einwandfrei der Rechner: Mit dem vierunddreißigsten Zug eröffnete sich für Fritz die Möglichkeit, auf eine permanente Schachstellung Kasparows hinzuspielen und ein Remis zu erzwingen - oder weiterzumachen und auf Gewinn zu gehen. Kasparows Möglichkeiten hingegen waren auf ein Minimum zusammengeschnurrt. Mig Greengards Kommentar zur ersten Schachstellung Kasparows: "Der Nike-Zug hat ihm nicht sehr gut getan. Er stand besser da, bevor er seine Schuhe wechselte!"

Ab dem 35. Zug war Kasparow die Initiative endgültig genommen, die Rollen von Angreifer und Verteidiger vertauscht. Fritz ging den König an - und damit den Versuch, ein Remis zu erzwingen.

Kasparow wollte das noch nicht einsehen. Mit dem 36. Zug stellte Fritz ihn erneut Schach: Das Spiel begann, zum Wechselspiel von Damenattacke und Antwortzug des weißen, den König deckenden Turms zu werden - potenziell bis in alle Ewigkeit. Ein Gewinnchance weit und breit nicht in Sicht, für keine Seite.

Kasparows letzter Zug zementierte die Sache: Mehr als König-decken war da nicht mehr drin. Die erste Partie endete im Remis, erzwungen von einem aggressiv und effektiv aufspielenden Fritz-Programm. Das mag Kasparow sich anders gedacht haben, doch mehr war nicht drin. Daran, dass er seinen Gegner unterschätzt hätte, hat es nicht gelegen.

Fritz: Ein echter Gegner

Denn Kasparows Respekt vor der Maschine ist bekannt. Mehr als einmal hat er inzwischen erfahren müssen, wie unerbittlich der Rechner sein kann: Der kann sich nicht nur auf seine schier unglaubliche Rechengeschwindigkeit verlassen, sondern zudem auf sein "Buch". Aus einer riesigen Datenbank schöpft das Programm effiziente, vorteilhafte "Antworten" auf die Züge des Gegners.

Deep Fritz in der derzeitigen Implimentierung auf einem Vier-Prozessor-Rechner mit je Prozessor 2,8 Ghz rechnet pro Sekunde rund vier Millionen mögliche Spielzüge durch. Das ist eine Menge unerbittlich konsequenter Rechenkraft: Einen Lapsus kann sich da auch ein Spieler wie Kasparow nicht mehr leisten.

Trotzdem, meinte wenige Tage vor dem Turnier sein Dauerrivale Wladimir Kramnik in einem Interview, müsste ein menschlicher Spieler eine solche Aufgabe bei entsprechender Vorbereitung schaffen. Eine unbescheidene Äußerung, wenn man bedenkt, dass der Mann aus teils bitterer Erfahrung sprechen sollte: Er selbst schaffte beim Bahrain-Turnier im letzten Jahr gegen Fritz nur ein Remis.

Kasparow, selbst auch schon gebranntes Kind, äußerte sich im Vorfeld darum weit vorsichtiger: Er ging sogar soweit, das Spiel gegen die Maschine als "größere Herausforderung" zu bezeichnen, als das Spiel gegen einen menschlichen Gegner. Sich einem mächtigen Programm zu stellen erfordere "ein Maß an Perfektion, das in einer normalen Begegnung nicht erforderlich ist". Gerade das reize ihn an den Computer-Turnieren: "Es hilft mir, meine Schach-Fähigkeiten intakt zu halten".

Die erste Partie im Turnier gegen Fritz wird ihm frischen Stoff zur Analyse bieten. Die zweite Partie ist für Donnerstag angesetzt, und dann spielt Kasparow Schwarz: Es dürfte spannend werden, wie stark Fritz als Angreifer agiert. Fritz-Entwickler Frans Morsbach jedenfalls verriet, dass Deep Fritz mehr sei als der Fritz 8 aus dem Kaufhaus-Regal: "Wir haben ihn zum Anti-Kasparow-Fritz optimiert".

Offensichtlich.

Frank Patalong

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Mensch gegen Maschine: Die zweite Partie

Im zweiten Spiel des auf vier Partien angesetzten Turnieres von New York spielt Kasparow Schwarz - und kann somit die Strategie nicht vorgeben. Die Offensive ist für das Programm Fritz jedoch die schwerere Herausforderung: Perfekt verteidigen ist eine Sache, kreativ angreifen eine andere. Ihr Tipp für den Ausgang der zweiten Partie:

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