Von Steffen Gerth
Nie war der Winkel spitzer als im Sommer 1966, als Lothar ("gib mich die Kirsche") Emmerich bei der Fußball-Weltmeisterschaft eines dieser Tore schoss, die für die Ewigkeit bestimmt sind. Man hat diesem Treffer folgerichtig den amtlichen Titel "Jahrhunderttor" gegeben. Immerhin das offizielle "Tor des Jahrzehnts" schaffte im August 1989 der Münchner Klaus Augenthaler, als er im Frankfurter Waldstadion nicht viel weiter lief als bis zum Mittelkreis, von dort schoss - und traf.
Sind das nun die besten, schönsten, außergewöhnlichsten Tore, die in Fußball-Deutschland erzielt werden? Möchte man meinen, aber nur die werden gezeigt von den TV-Kameras, denn nur die werden gewählt, in Deutschlands offizieller Torebewertungssendung "Tor des Monats", auch bekannt als ARD-Sportschau.
Gibt es in der Kreisliga keine spitzen Winkel? Gibt es keine Mittelkreise, aus denen sagenhafte Distanzschüsse in die Tore flattern können? Doch, aber in der Holzklasse des Fußballs glänzen die Perlen im Verborgenen. Niemand filmt die großen Momente der Kleinen.
Perlentaucher aus Walluf
Zwei Webdesigner aus dem hessischen Walluf betätigen sich seit September vorigen Jahres quasi als Perlentaucher. Holger Hega und Stephan Wazinski haben das Internetportal "Amator des Monats" ins Leben gerufen, eine Plattform für die großen Tore der Kleinen.
Das Konzept: Vereine aus ganz Deutschland sollen Videoclips einschicken mit vermeintlich schönen Toren ihrer Kicker - dann wird online abgestimmt, und prämiert. Gedacht ist das ordentlich gemachte Portal für die wirklich Kleinen, also ab Landesliga abwärts.
Nette Idee - zäher Beginn: Bisher findet alles noch im regionalen, sprich rheinhessischen Rahmen statt, sagt Stephan Wazinski (30), seines Zeichens Mittelfeldspieler in der Kreisliga. Er und Hega klappern zuweilen selbst die Ascheplätze der Region ab und lauern per Videokamera auf das Tor der Tore. Das ist nicht immer eine Freude, vor allem, wenn es 0:0 ausgeht.
Hoffen auf den DFB
Dabei gibt es auch im Kleinen große Momente. Das Amateur-Tor des Monats November hätte auch ein paar Etagen höher für mehr als artigen Applaus gesorgt. Geschossen hat es ein gewisser Thomas Rübsam vom TuS Beuerbach aus der Bezirksliga Wiesbaden: Strafraumgrenze, mit der Innenseite angeschnittener Ball - unhaltbar in den Winkel.
Im Vereinsheim wird man über diesen Treffer lange noch geschwärmt haben, auf der Internetseite von Hega/Wazinski ist Rübsam jetzt ein kleiner Star, ein ganz kleiner. Er konkurriert mit Cracks wie Klaus Rettig, SV Winterkasten, Kreisliga B Bergstraße. Rettigs Hammerschuss besiegelte den legendären 3:1-Sieg über die zweite Mannschaft des VfR Bürstadt. Da geht Fußball-Fans das Herz auf.
Den Wallufer Webdesignern fehlt das Geld, um ihr Portal richtig zu bewerben, damit es in der Zielgruppe wirklich bekannt wird. Exklusivität meldet Stephan Wazinski trotzdem an, "im deutschsprachigen Raum ist uns nichts Vergleichbares bekannt". Er und sein Partner hoffen auf etwas Hilfe vom Deutschen Fußball-Bund, der ja im Hinblick auf die WM 2006 viele Fußball-Werbeaktionen unterstützt.
Im Prinzip könnte ja nur ein bisschen Bekanntheit reichen, denn die Verbreitung von Videokameras sollte in Deutschlands Fußballvereinen leidlich fortgeschritten sein. Man braucht sie nur filmen, die schönen Treffer der Feierabendkicker. Vielleicht wird es ja irgendwann auch gewählt, das "Jahrhunderttor der Ascheplätze."
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