Von Frank Patalong
Der erste Anruf aus dem Kanzleramt kam wenige Minuten nach Veröffentlichung des SPIEGEL-ONLINE-Artikels zur Eröffnung von Phonoline, dem gemeinsamen Downloaddienst der deutschen Musikindustrie. Ein zweiter folgte, ein Rückruf schließlich: Dann hatten sich endlich zwei Gesprächspartner gefunden, um kein Tacheles miteinander zu reden.
"Sachliche Fehler" seien im SPIEGEL-ONLINE-Artikel zu finden, bemängelte der Mitarbeiter des Bundeskanzleramtes, über die er "nicht glücklich" sei. Nicht viele, nur folgende:
Kurzum: So gut wie alles, was den Kanzler und sein nicht existentes Verhältnis zu irgend so einer Musikbörse, die da irgend jemand heute eröffnet habe, betrifft, sei in dem Artikel falsch dargestellt worden. So gut wie alles, was an der Eröffnung von Phonoline interessant war, wäre damit hinfällig.
Sowas passiert: Hatte nicht Phonoline selbst seit Wochen getrommelt, der Kanzler käme zur Eröffnungszeremonie und gäbe sich die Ehre und der Downloadbörse so die höheren Weihen? Hatte nicht auch die Deutsche Messegesellschaft diesen Eindruck erweckt? Und war Schröder dann nicht zur Eröffnung erschienen und hatte einen Song, den er sich angeblich selbst gewünscht hatte, entgegen genommen?
Er hatte und auch sie hatten, und das noch wenige Stunden vor dem großen Event, der dann ausfiel, obwohl er stattfand.
Der Kanzler ist unschuldig
Sei's drum, man soll berichtigen, was berichtigenswert ist. Alles ist eine Frage der Feinheiten, der Nuancen. So lief die Sache also wirklich:
So lief das und nicht anders.
Warum das so war und warum das wiederum so wichtig sein sollte, mit einem Anruf aus dem Kanzleramt darüber zu informieren, wollte der Mitarbeiter des Kanzlers nicht verraten.
Das verpfiff stattdessen wohl ein Vögelchen gegenüber Heise Online.
Ist Phonoline ein Piraten-Angebot?
Demnach habe es im Vorfeld zur Cebit-Eröffnung einen Brief der Gema an das Kanzleramt gegeben, dem zufolge es fraglich sei, ob der Start von Phonoline auf der Cebit überhaupt legal sei. Für das Downloaden auf der Cebit seien "noch von keiner Seite die erforderlichen Lizenzen eingeholt worden", habe es in dem Brief geheißen. Heise Online weiter: "Grund genug für den Kanzler, nicht aktiv zur Maus zu greifen und sich das Branchen-Portal erst eine Minute nach dem ersten Download vorführen zu lassen."
Die Rückfrage beim Kanzleramt, ob das denn nun so alles stimme, erbrachte eine nur geringe verbale Ernte. Zur Frage des angeblichen Briefes von der Gema zum Kanzleramt heißt es: "Das wollen wir nicht kommentieren." Zur Frage, ob es denn bekannt und richtig sei, dass es da eine offene Frage wegen Lizenzen gäbe: "Das sind interne Vorgänge zwischen denen, das können wir nicht kommentieren".
Damit ist der Kanzler aus dem Schneider: Er darf nun mit Fug und Recht darauf bestehen, die Musikplattform eben nicht eröffnet zu haben und damit auch an keinem Rechtsbruch beteiligt gewesen zu sein, sollte sich Phonoline als Piraten-Angebot entpuppen. Reichlich begossen stehen dagegen alle Beteiligten an Phonoline da - und das sind so ziemlich alle im deutschen Musikbusiness, bis auf die entfesselten Bürokraten der Gema.
Die waren schon am Hickhack um die Gründung der Plattform massgeblich beteiligt und hatten ihren Anteil daran, dass Phonoline als "Toll Collect des Musikbusiness" verspottet wurde. Die Forderungen der Gema, fürchteten schon vor Jahresfrist Brancheninsider, würden die möglichen Profite des legalen Musikdownloads in Deutschland weitgehend fressen. Jetzt fressen sich hinter den Kulissen wohl eher die Vertreter der verschiedenen Branchenverbände gegenseitig - die Realsatire um legale Downloads in Deutschland geht weiter. Das alles wäre niedlich, wenn es nicht so absurd wäre.
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