Was wünscht sich der TV-Konsument vom Fernsehen der Zukunft? Glaubt man den Heilsversprechungen der TV-, IT-Industrie und der werbetreibenden Wirtschaft, dann ist die Antwort klar: Mehr Fernsehen, mehr Interaktion, mehr Internet, mehr Möglichkeiten, mehr technische Qualität, mehr Vernetzung.
Die Produktion hat längst begonnen. Das Wohnzimmer wird zum Home Entertainment Center: Allein, über welche Schnittstelle die Entertainment-Vernetzung des Heimes laufen wird, ist noch strittig. Längst drängen erste Produkte auf den Markt, deren Verkaufserfolge die Marketing-Strategen zu bestätigen scheinen. Keine Frage: Festplattenrekorder sind im Kommen, das digitale Fernsehen sowieso - aber heißt das auch, dass sich die Anwender und Zuschauer wirklich die "Konvergenz", das Zusammenwachsen von TV- und PC-Welt wünschen?
Im Vorfeld zur Cebit 2004 leistete sich das Neunkirchener Unternehmen Buhl Datentechnik in Kooperation mit der Uni Siegen und der dortigen Fortbildungsakademie Medien eine Studie, die dieser Frage auf den Grund gehen will. Repräsentativität können die Macher nicht beanspruchen, aber das wollen sie auch nicht. Ihre rund 700 Befragten sind Early Adopters, Technik-affine Menschen, die täglich mit IT zu tun haben, Mitglieder der viel beschworenen Info-Elite, sagt Buhl, Herausgeber der Studie.
Unter dem Strich ist "TV 2010" nicht mehr als eine Kundenbefragung, die Ergebnisse sind trotzdem nicht ohne Belang: Wer sonst, wenn nicht die Kunden eines hoch spezialisierten Softwareentwicklers (Finanz- und Steuersoftware), sollte den Verheißungen neuer Technologien zugänglich sein?
Das Fazit der Studie, deren Zusammenfassung im Internet zum Download bereit liegt, ist für die Hardware-Hersteller und Medienzukunfts-Bastler ernüchternd: Die meisten angedachten oder denkbaren Visionen sind demnach vom Konsumenten nicht gewollt - und für die, die er haben will, will er nicht zahlen.
Wirklich überraschend ist das nicht. Es bedeutet aber auch nicht, dass die neuen Modelle am Markt dann nicht funktionieren werden: Mit der Digitalisierung des Fernsehens wurde ein technischer Generationenwechsel eingeleitet, der viele Dinge möglich macht, an die sich der Konsument erst einmal gewöhnen müsste. Trotzdem: Selbst in ihrer statistischen Aufarbeitung sind die Antworten sehr konsistent und plausibel. Zumindest die nicht repräsentative Gruppe der Befragten scheint sehr genau zu wissen, was sie will - und was nicht.
Einige Schlaglichter
Und es kommt noch dicker: Was sich die Befragten wirklich wünschen, ist für die Fernsehmacher oft kontraproduktiv. Dass die absolute Mehrheit der Befragten die neuen Möglichkeiten von Festplattenrekordern mit den Möglichkeiten direkter Aufzeichnungen und zeitversetzten Zuschauens begrüßen, mag ihnen noch gefallen. Doch die Konsumenten wissen auch, wozu sie diese Technik am liebsten nutzen würden: Um die lästige Werbung herauszukicken. 96,64 Prozent aller Befragten wünschen sich eine "TV-Washer"-Funktion, die die TV-Werbung endgültig in den digitalen Orkus befördern würde.
Mehr TV-Kanäle, die große Verheißung der TV-Entwickler, wünscht sich dagegen kaum jemand. Gefragt ist vielmehr mehr Qualität: sowohl inhaltlich, als auch technisch.
Doch gerade in Bezug auf die inhaltliche Qualität gerät das Fernsehen der Studie nach ins Hintertreffen - und zwar gegen das Internet. Das biete inzwischen größere und bessere Inhaltstiefe, Fernsehen sei und bleibe "dumm" - so die erste und zentrale These, die die Studienmacher aus ihrer Befragung ziehen. "Die Fusion von PC und TV wird nicht funktionieren", sagte einer der Befragten - und lieferte so schon fast das Fazit der Studie.
Das gießen die Studienmacher in sieben knackige Thesen:
Immerhin. Unter dem Strich heißt das: Glotze bleibt Glotze, nur bequemer, komfortabler und zeitunabhängiger. Die Produktion von Inhalten würde aufwändiger und teurer, weil sie besser werden muss - sonst verkomme das TV zum DVD- oder Stream-befütterten Entertainment-Monitor, während sich die Nutzer ihre Informationen aus dem Web holen. Jedes Medium behält also, bei zunehmender Vernetzung, seine Nische.
Und die ist und bleibt die ewig gleiche: Vor dem einen Bildschirm sitze oder liege man entspannt und suche eben die nicht-interaktive Berieselung, mit dem anderen Bildschirm interagiere man gern. Für die Entwicklung zukünftiger Anwendungen würde das Marschrichtung Pragmatismus bedeuten. Die Industrie wünscht sich deutlich mehr.
Frank Patalong
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