• Drucken
  • Senden
  • Feedback
23.04.2004
 

Handy-Soap

Foto-Love-Story als Werbekulisse

Von Fiete Stegers

Bescheidene Schauspielkünste und viel Product-Placement - dafür waren Seifenopern schon immer bekannt. Die Macher von "Jong-Zuid" aus den Niederlanden übertragen das ins digitale Zeitalter - und haben die erste multimediale Daily Soap fürs Handy kreiert. Jetzt wird's bedrohlich: Denn bald schwappt das Format über die Grenze.

Nah an der Realsatire: Mimik wie im Stummfilm
Zur Großansicht

Nah an der Realsatire: Mimik wie im Stummfilm

Barkeeper und Womanizer Jim, die modebewusste Schönheit Daya, der charmante Agenturchef Alex - die Charaktere von Jong-Zuid lassen sich in einem Halbsatz beschreiben. Ihre Schauspielkünste gestalten sich ähnlich kompakt und sind im Wesentlichen auf übertriebene Gesichtsausdrücke und Gestik beschränkt. Denn die Abonnenten von Jong-Zuid, zu deutsch "junger Süden", holen sich die Soap als moderne Bravo-Foto-Love-Story per WAP aufs Handy.

Zweimal täglich kündigt eine SMS eine Episode an. Fünf, sechs Fotos im Hanuta-Format, was nicht zu sehen ist, müssen kurze Texte erzählen - inklusive "cu", "n8" und Smilies aus der SMS-Sprache.

Empfangen kann die Soap, wer ein WAP- oder GPRS-fähiges Handy mit Farbbildschirm besitzt. MMS nutzt Jong-Zuid nicht: "Noch nicht zuverlässig genug, wir denken aber für die Zukunft darüber nach", sagt Martin de Ronde von Produzent Media Republic.

Die Serie ist in den Niederlanden im September 2003 gestartet. Laut Media Republic verfolgen inzwischen rund 50.000 Abonnenten das Wer-mit-Wem rund um eine Studenten-WG, eine Werbeagentur und ein Café in einer hippen reichen Gegend im alten Süden Amsterdams. Von denen gucken sich allerdings drei Viertel die neuesten Soap-Folgen nicht auf dem Mobiltelefon, sondern im WWW beim niederländischen MSN an. Dort ist Jong-Zuid inzwischen die am meisten geklickte Rubrik.

Der Riss im Business-Konzept: Die meisten lesen im Web
Zur Großansicht

Der Riss im Business-Konzept: Die meisten lesen im Web

Bei MSN gibt's die Soap nach Registrierung gratis. Handy-Nutzer müssen zusätzlich zu den Telefonkosten für ein Abo 1,10 Euro pro Woche bezahlen, zumindest, wenn sie keine Kunden von Netzbetreiber Telfort sind. Für die ist auch die Handy-Variante kostenlos, da das Mobilfunkunternehmen die Seifenoper vor allem als Marketingmaßnahme sieht.

Telfort profitiert vom Rummel um die erste Handy-Soap und deren crossmedialer Verwertung. Ein Jugendmagazin produziert spezielle Jong-Zuid-Ausgaben, eine Gratiszeitung druckt die Fotostories nach, Musiksender TMF sendet ein Making-of. Mehr als 6000 Fans bewarben sich für eine Gastrolle in Jong-Zuid. Für zusätzliche Aufmerksamkeit sorgen Frauke de Both und andere, bereits aus TV-Soaps bekannte, Sternchen. Winston Gerschtanowitz, einer der Kreativköpfe hinter der Soap, ist selbst ehemaliger Serien-Star und spielt auch bei Jong-Zuid mit.

Auch anderen Marken bietet Media Republic die Foto-Story als Werbeplattform an. Sponsoren waren bisher unter anderem Durex, die Pharmafirma Organom, der Riegelproduzent Twix und Sony Ericsson. "Unsere Nutzer sind zwischen 15 und 25 Jahre alt und zu 70 Prozent weiblich", erläutert Martin de Ronde.

Soap für unterwegs: Das Leben anderer Leute  endlich auch mobil
Zur Großansicht

Soap für unterwegs: Das Leben anderer Leute endlich auch mobil

80.000 Euro kostet ein Sponsorenpaket für einen Monat Banner-Präsenz auf der Jong-Zuid Website. Product-Placement im Bild und Einbau des Produkts kämen quasi als Prämie dazu, preist de Ronde das Angebot an.

Gesponsert wird aber nicht nur im großen Stil: Im Gegensatz zu Studio-Soaps lässt sich die Foto-Soap an echten Schauplätzen fotografieren. Die findet das Team meist in der Nachbarschaft des Media-Republic-Büros. Für Cafés und andere Schauplätze gibt es als Gegenleistung für die Drehgenehmigung eine Namensnennung in der Soap. Ein halbes Jahr Jong-Zuid ist so mit rund 500.000 Euro ungefähr so teuer wie eine Folge der niederländischen "Gute Zeiten, schlechte Zeiten". Einzig das Jong-Zuid-Straßenschild hängt nicht an einer echten Straße, sondern nur in der Einfahrt zum Büro von Media Republic.

Auch Deutschland bekommt seine Soap

Die Firma bemüht sich derzeit, das Soap-Konzept auch nach Deutschland zu verkaufen. Gespräche mit Netzbetreibern laufen. Der deutsche Produktionspartner Icon Mobile sucht nach Gesichtern, die die Zielgruppe aus TV-Soaps und Casting-Shows kennt. "Unter anderem wird "Starsearch"-Gewinnerin Maureen Sauter mitmachen", sagt de Ronde. Mehr Details will er noch nicht mitteilen: "Wir probieren aber noch vor der Ferienzeit zu starten, sonst im Spätsommer." Auch Großbritannien soll dann ein eigenes Jong-Zuid bekommen.

Der Unterhaltungsgigant Endemol schmiedet nach niederländischen Zeitungsberichten ebenfalls Pläne für eine Handy-Soap. Media Republic ist schon einen Schritt weiter: In diesen Tagen startet eine Doku-Soap, "crossmedial", in Echtzeit. Hauptperson: Hollands Filmstar Katja Schuurman. Sie will sich (fast) 24 Stunden am Tag von Reporter Damien Hope begleiten lassen. Ob bei Dreharbeiten, zu Hause auf dem Sofa oder auf Partys - Hope filmt und schickt Bilder und Berichte per Laptop in die Redaktion, die Katjas Eskapaden und Alltäglichkeiten für Handy und Internet aufbereitet.

"Ohne Skript", versichert de Ronde "mehrere Monate lang". Genaues will er auch noch nicht sagen, bevor die Show tatsächlich anläuft "Wir ziehen das auch durch, wenn die Nutzerzahlen anfangs niedrig sind", sagt de Ronde. Aber es hätten sich vor dem Start mehr als 16.000 Abonnenten für einen Newsletter angemeldet. Falls ihm beim Start dennoch der Schweiß ausbricht: Hauptsponsor ist neben Partner MSN Deo-Fabrikant Axe.

Diesen Artikel...

Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks posten:

  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Xing
  • Digg
  • Google Bookmarks
  • reddit
  • Windows Live

News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Netzwelt
alles aus der Rubrik Web

© SPIEGEL ONLINE 2004
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH









TOP



TOP