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30.04.2004
 

Dialer-Abzocke

30 Euro für im Netz abgekupferte Referate

Von Holger Dambeck

Das skrupellose Geschäft mit Dialern läuft trotz strengerer Gesetze wie geschmiert. Auf hausaufgaben.de werden für 30 Euro aus dem Internet zusammenkopierte Texte verkauft, bei waehrungsrechner.de kostet die Umrechnung von Euro in Dollar ebenfalls 30 Euro.

Hausaufgaben.de: 30 Euro für 30 Minuten
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Hausaufgaben.de: 30 Euro für 30 Minuten

Es gehört zu den Besonderheiten der Computertechnik, dass sich aufwendig erstellte Werke im Handumdrehen kopieren lassen. Der Preis einer Kopie liegt praktisch bei null, teuer ist im Grunde nur das Original. Mit diesem Problem müssen alle kämpfen, seien es nun Musiklabels, Filmkonzerne oder Softwareanbieter.

Ein findiger Unternehmer aus der hessischen Kleinstadt Büttelborn bei Darmstadt hat das problematische Businessmodell nun umgedreht. Er verkauft Kopien teuer, deren Vorlagen es im Netz umsonst gibt.

Andreas Schmidtlein von der Firma Internet Services Solutions betreibt eine ganze Reihe von Dialerseiten. Viele davon richten sich gezielt an ein junges Publikum, etwa www.kinder-malvorlagen.de, www.bild-ausmalen.de oder www.hausaufgaben.de. Die Seiten sind so gestaltet, dass sich Kinder und Jugendliche angesprochen fühlen, nur ein leicht zu übersehender Text am unteren Rand verrät: "Das Angebot ist nicht geeignet für Personen unter 18 Jahren."

Geschäfte mit Kids

Referate Affen: Kostenlos auf fundus.org
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Referate Affen: Kostenlos auf fundus.org

Bei kinder-malvorlagen.de werden 1,99 Euro pro Minute fällig, die beiden anderen Seiten sind noch teurer: Die Einwahl wird pauschal mit 29,95 Euro berechnet - das ist der laut Gesetz maximal mögliche Betrag, der für einen Anruf einmalig kassiert werden darf.

Schlimm genug, dass Schmidtlein auf die Unerfahrenheit von Kindern setzt, um mit seinen Malvorlagen ordentlich Reibach zu machen. Bei der Hausaufgaben-Seite, die Schülern beim Verfassen von Referaten helfen soll, geht der Büttelborner noch dreister vor. SPIEGEL ONLINE hat das Angebot ausprobiert und dabei einige Überraschungen erlebt. Zuallererst hat man für 29,95 Euro Einwahlkosten nicht etwa unbegrenzten Zugriff auf die Referate - die Verbindung wird vielmehr nach 30 Minuten wieder getrennt. Ungestörtes Stöbern funktioniert so natürlich nicht.

Referate Affen: Für 30 Euro auf Hausaufgaben.de
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Referate Affen: Für 30 Euro auf Hausaufgaben.de

Auch wenn die Seite in den Rubriken Biologie, Physik oder Deutsch jeweils mehrere Hundert Referate verspricht, sind jeweils nur 30 Arbeiten pro Fach abrufbar. Und es kommt noch dreister.

SPIEGEL ONLINE lud eine Stichprobe von 13 Arbeiten herunter - das Spektrum reichte von Abwasserreinigung über Dreiecke und Dadaismus bis zu einer Arbeit über George Orwells "Animal Farm". Um zu prüfen, was für Texte Schmidtlein da eigentlich verkauft, wurde die Google-Suchmaschine bemüht. Und siehe da: Sämtliche 13 Texte waren im Internet zu finden - natürlich kostenlos. Vier Artikel standen beispielsweise auf fundus.org - einer frei zugänglichen Referate-Datenbank mit Tausenden Dokumenten, gegen die hausaufgaben.de wie ein schlechter Witz wirkt.

Texte frei verfügbar

Hatte Schmidtlein die Texte etwa wahllos aus dem Internet zusammenkopiert? Weil teilweise unter den Dokumenten auch die Namen und E-Mail-Adressen der Autoren standen, war die Nachfrage bei den Autoren kein Problem. Manche E-Mail-Adresse erwies sich als nicht mehr gültig, doch das Referat Nummer 13 über Dadaismus brachte einen Volltreffer. Ein Münchner namens Corbinian Lehner, ein heute 23 Jahre alter Computerspezialist, hatte es 1998 als Schüler verfasst.

Lehner kopierte den Text damals auf fundus.org, "weil es dort kostenlos ist", wie er im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE erklärt. "Ich habe auch selbst viele Referate aus dem Netz genutzt und wollte auch etwas zurückgeben." Vor etwa zwei Monaten entdeckte er zufällig, dass sein Text über einen Dialer angeboten wird - ohne je die Zustimmung dazu gegeben zu haben. "Ich wurde garantiert nicht gefragt", betont Lehner. "Ich finde es nicht in Ordnung, dass jemand damit Kohle macht." Auf seine Aufforderung per E-Mail, den Text von der Seite zu nehmen, erfolgte keinerlei Reaktion. Auch mehrere Anfragen von SPIEGEL ONLINE per E-Mail und Telefon an Andreas Schmidtlein blieben unbeantwortet. Die ausdrückliche Aufforderung, zu den Vorwürfen Stellung zu nehmen, nahm Schmidtlein ebenfalls nicht wahr.

Eigentlich wollte die Bundesregierung dem Treiben der Dialer-Branche längst ein Ende bereitet haben. Im August 2003 trat das Mehrwertdienstegesetz in Kraft. Seitdem müssen die Einwahlprogramme, die eine Verbindung zu 0190er oder 0900er Nummern aufbauen, bei der Regulierungsbehörde registriert werden. Die Beamten achten unter anderem darauf, dass die Preise korrekt angegeben und die Dialer nur so lange aktiv sind, wie der Surfer das kostenpflichtige Angebot tatsächlich nutzt.

Dialer, Zertifikate und Vereine

Wer allerdings glaubt, dass damit die dreiste Abzocke ein Ende hat, sieht sich getäuscht. Die Branche hat sich schnell auf die neue Gesetzeslage eingestellt, wie das Beispiel Andreas Schmidtlein zeigt. Die meisten Dialer schmücken sich nun mit einer Versionsnummer und einem so genannten Hashwert, der die Authentizität des Einwahlprogramms beweist. Die gesetzlich geforderte Kennzeichnung verleiht somit selbst unseriösen Anbietern den Anschein von höchster Seriosität.

Impressum Waehrungsrechner.de: Ausschlussverfahren IVNM läuft
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Impressum Waehrungsrechner.de: Ausschlussverfahren IVNM läuft

Schmidtlein brüstet sich im Impressum einiger seiner Dialer-Seiten außerdem als Mitglied im Interessenverband Neue Medien e.V. (IVNM) und nennt als Jugendschutzbeauftragten die Freiwillige Selbstkontrolle Multimedia-Diensteanbieter e.V. (FSM).

Die FSM-Geschäftsführerin Sabine Frank erklärt, warum ihr Verein überhaupt im Impressum auftaucht: "Wir ersetzen den Jugendschutzbeauftragten, den der Anbieter sonst anderweitig bestellen müsste." Dies sei jedoch nicht gleichzusetzen mit einer Wertung. "Das heißt nicht, dass wir das Angebot empfehlen oder nicht empfehlen", betonte sie.

Derzeit genügt eine Erklärung des Websitebetreibers, dass er den FSM-Verhaltenskodex beachtet, um die FSM als Jugendschutzbeauftragten angeben zu können. Geprüft wird sein Angebot erst, wenn Beschwerden gegen ihn erhoben werden.

Verfahren läuft

Das ist im Falle von Andreas Schmidtlein bereits geschehen, bei FSM und IVNM gingen mehrere Beschwerden ein. Beim IVNM läuft nach Auskunft seines Sprechers Christoph Lattreuter bereits ein Ausschlussverfahren. Schmidtleins Handeln widerspreche den Interessen seines Verbandes, erklärte Lattreuter gegenüber SPIEGEL ONLINE. Zudem erwecke der Anbieter den Eindruck, dass der Interessenverband ein solches Handeln unterstützt.

Teuer und veraltet: Waehrungsrechner.de mit Kursen vom 17.4.
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Teuer und veraltet: Waehrungsrechner.de mit Kursen vom 17.4.

Andreas Schmidtlein hat es jedoch nicht allein auf arglose Kinder abgesehen. SPIEGEL ONLINE testete noch ein zweites Angebot von ihm - seinen Währungsrechner. Mal eben den aktuellen Dollarkurs abfragen - das kostet bei www.waehrungsrechner.de 29,95 Euro. Moment, das stimmt nicht ganz. Auf Schmidtleins Seite gibt's nämlich nicht etwa aktuelle Daten, sondern zehn Tage alte Kurse. Schmidtlein hat dies extra auch deutlich vermerkt - dreister geht's kaum.

Ein Fall für den Wucherparagraphen?

Die Website wurde offenbar so schnell zusammengestrickt, dass auf der Startseite statt einer Begrüßung noch der Blindtext aus dem Webeditor steht. Unter der Überschrift "Willkommen auf währungsrechner.de!" folgt "Hier könnte der Begrüßungstext stehen und einige Erläuterungen, worum es auf dieser Seite geht. Hier könnte der Begrüßungstext stehen und einige Erläuterungen, worum es auf dieser Seite geht."

Bei der Regulierungsbehörde sieht man sich gegenüber derartiger Abzocke machtlos: "Wir machen keine inhaltliche Kontrolle der Angebote", erklärt Sprecher Rudolf Boll gegenüber SPIEGEL ONLINE. "Weder in Bezug auf Jugendschutz noch in Hinblick darauf, ob die Leistungen angemessen sind." Dies falle nicht in den Bereich des Telekommunikationsgesetzes. Ein unverhältnismäßig hoher Preis, wie er möglicherweise im Fall waehrungsrechner.de vorliegt, könnte eventuell unter den Wucherparagraphen fallen, meint Boll. Hat es je solche Fälle gegeben? "Sind mir leider nicht bekannt."

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