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19.05.2004
 

Ketzerei

Randale im virtuellen Gotteshaus

Die "Church of Fools" soll als virtuelles Gotteshaus Raum für Kontemplation, Gebet und Gespräch bieten. Am dritten Tag nach ihrer Eröffnung mussten nun Teile geschlossen, die Sicherheitsmaßnahmen verschärft werden. Das von Kirchen finanzierte Gotteshaus hat Probleme mit Hetzern, Ketzern, Pöblern - und jemandem namens "Satan".

Bischof Chartres, Pfarrer Clines beim Eröffnungsgottesdienst: Evaporierung irgendwo in York
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REUTERS

Bischof Chartres, Pfarrer Clines beim Eröffnungsgottesdienst: Evaporierung irgendwo in York

Knapp drei Tage nach Eröffnung der wohl seltsamsten Kirche der Welt sind Teile schon wieder geschlossen: Die "Church of Fools", in der die Besucher als Avatare das Gespräch mit Gott und miteinander suchen, hat Probleme. Schon am ersten Tag ächzten die Server unter der Last von rund 60.000 Besuchern. Beim feierlichen Eröffnungsgottesdienst evaporierte der leitende Pfarrer ins virtuelle Nirvana, nachdem sein Rechner "irgendwo in York, England" abstürzte - und er gleich mit. Das brachte Richard Chartres, den Anglikanischen Bischof von London, in die Verlegenheit, nicht nur Eröffnungsredner zu sein, sondern gleich die Leitung übernehmen zu müssen.

Und dann kam die erste Nacht.

Als Fehler erwies sich schnell die Idee, ins Programm Funktionen einzubauen, die es Besuchern ermöglichen, öffentlich das Wort zu erheben und sich überall zu bewegen. Heraus kam wenig Erbauliches. Besonders "Satan" tat sich mit einer stark blasphemischen Rede hervor, die er von der Kanzel herab hielt. Eine Häufung solcher Vorfälle verursachte Kopfzerbrechen und hektische Betriebsamkeit bei Betreibern und Sponsoren: Das sind einerseits "Ship of Fools", ein religiöses Magazin, andererseits die Methodistische Kirche Großbritanniens, der Bischof von London und die Christian Ressources Exhibition.

Jetzt patrouillieren zahlreiche zusätzliche Ordner im virtuellen Gotteshaus und setzen ihre virtuellen Füße ins virtuelle Gesäß der immer wieder auftauchenden Lästerer und Ketzer. Vorsichtshalber schlossen die Betreiber ganze Bereiche des virtuellen Hauses für den Publikumsverkehr, um die Ordnung aufrecht erhalten zu können. Reden kann man nun noch mit Gott und miteinander, aber nicht mehr halten.

Woher die unfrommen Spielverderber kommen, glauben die Betreiber auch zu wissen: Sie kommen zur Londoner Nacht - nämlich dann, wenn man in Australien und in den USA wacht.

"Ship of Fools" bemüht sich, zumindest die geregelten Gottesdienste und Reden zu den angesagten Zeiten aufrecht zu erhalten. Viele Interessierte bleiben dabei vor der virtuellen Tür, wenn auch aus anderen Gründen: Die Berichte über die Gotteslästerungen in der virtuellen Kirche machten das Angebot so populär, dass die Webseite kaum noch zu erreichen ist.

Frank Patalong

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