Von Frank Patalong
Wofür steht Grimme? Seit nunmehr vierzig Jahren fraglos für Deutschlands renommiertesten Fernsehpreis. Seit erst vier Jahren gibt es dazu den Grimme Online Award, der aus dem Stand vom Prestige seines großen Bruders zehren konnte. "Der Grimme Online Award zeichnet herausragende Internet-Angebote aus, die einen Bezug zum Medium Fernsehen herstellen, neue Crossmedia-Formate entwickeln oder medienjournalistisch bedeutsam sind", heißt es in der Definition des Preises. Und weiter: "Dabei spielen auch journalistische Qualität, kulturelle Ansprüche und gesellschaftliche Relevanz eine Rolle."
In diesem Jahr gehörten zu den Preisträgern unter anderem die fraglos lustige "Dem Ersin und Börek Show", ein in Flash programmiertes Comic-Comedyformat um zwei Deutschtürken, und den Publikumspreis erntete "Gute Zeiten schlechte Zeiten". Nicht nur darum wird man ja wohl mal fragen dürfen: Wofür steht Grimme Online?
Fraglos für Deutschlands bekanntesten, ja renommiertesten Online-Preis - mit der Einschränkung, dass der nur die Teile des deutschsprachigen Internets erfasst, die irgendwie mit der Preisdefinition in Einklang zu bringen sind. "Dem Ersin und Börek Show" ist irgendwie TV-haft, hat gar kürzlich den Sprung auf die Mattscheibe geschafft. Das, heißt es in der kurzen Laudatio, sei "einmalig", was die Tatsache ignoriert, das solche Angebote zahlreiche Vorbilder in den USA haben, die diesen Sprung schon vor Jahren schafften. Davon abgesehen ist die Begründung für einen Online-Preis reichlich skurril: Wird die Website dafür gewürdigt, endlich den Sprung in ein "richtiges" Medium geschafft zu haben?
"Gute Zeiten schlechte Zeiten" wiederum hat einen klaren Fernsehbezug. Aber wo sind da "journalistische Qualität, kulturelle Ansprüche und gesellschaftliche Relevanz"? Aber vielleicht gehört "GZSZ"-Online ja zu den innovativen Formaten, "welche die Möglichkeiten des Mediums Internet auf beispielhafte Weise zur Präsentation und Kommunikation audiovisueller Beiträge nutzen"?
Möglich. Vielleicht gehört "GZSZ" aber einfach auch nur in den Medienkanon der Zielgruppe, die beim Jugendsender Giga über den Publikumspreis abstimmte. Das ist okay und völlig legitim, aber verträgt es sich mit der etablierten Marke Grimme? Wären Ersin und Böreks deutschtürkisches Geblödel, wäre die RTL-Seifenoper nach den Kriterien des Grimme Fernsehpreises preiswürdig gewesen?
Im Clinch: Anspruch und Wirklichkeit
Da beißt sich offenbar was, da steht sich der Grimme Award selbst auf den Füßen. Die Fokussierung auf den TV-Bezug sorgt dafür, dass große Teile des deutschsprachigen Internet-Angebotes einfach ausgespart werden. Dafür landen in den Nominierungslisten zahlreiche öffentlich-rechtliche Angebote, was kein Wunder ist und der Grimme-Jury keineswegs vorzuwerfen.
Denn Hand aufs Herz: Was im deutschsprachigen Internet den selbst gewählten Kriterien des Grimme Awards genügt, kommt meist von den "ÖRs". Die treiben Programmbegleitung, und - wie etwa das Beispiel des diesjährigen Preisträgers "Stauffenberg - Der Film" zeigt - durchaus mit Tiefgang. Die private TV-Konkurrenz bietet dagegen einige Perlen und Perlchen und haufenweise Trash.
Immerhin gingen in diesem Jahr nur drei von sieben Preisen an ARD-Webseiten. 2003 gingen vier von sechs an die öffentlich-rechtlichen Sender.
In der Anmoderation zur Preisvergabe an die Medienjournalismus-Webseite "Die Gegenwart" fällt die Formulierung, dass "ausgerechnet im Internet" diese journalistische Gattung zu neuen Qualitäten aufliefe. Wo denn sonst, liebe Grimme-Mächtige, wo von Tageszeitungen bis hin zu den öffentlich-rechtlichen Sendern fast alle Anbieter die kritische Nabelschau des Medienjournalismus' in den letzten Jahren aus dem Programm kickten? Oder sollte das nur der Überraschung Ausdruck verleihen, in all dem Blödsinn frei produzierter Seiten endlich etwas Sinnvolles gefunden zu haben? Man weiß es nicht.
Dafür erhärtet sich das Gefühl, das der kleine Ableger des Grimme-Preises einer Art halbwüchsigem Fernsehen gewidmet ist: Ein Monitor-Medium, in dem es nun zunehmend zuckt, das aber noch längst nicht so toll funktioniert wie das ernst zu nehmende Muttermedium.
Vielleicht ist der kryptische Satz von NRW-Staatssekretärin Miriam Meckel, den sie in ihrer Rede äußerte, so zu verstehen: Sie wagte die Prognose, 40 Jahre Grimme und vier Jahre Grimme Online abwägend und würdigend, dass wir "für die Digitalisierung weniger als zehn Jahre" brauchen würden.
Die Digitalisierung von was? Der Konsumwelt (seit Anfang der Achtziger)? Des Internet (späte sechziger Jahre)? Des WWW (1993)? Des Geistes? Oder doch nur des Grimme-Preises?
Was bleibt da unter dem Strich?
Der Eindruck einer stilvollen Veranstaltung im noblen Schloss Bensberg zu Bergisch-Gladbach, bei der sich vor allem die TV-Branche feiert und zur Abwechslung Internet-Produzenten für ein, zwei Minuten auf die Bühne lässt. Ein beeindruckendes Promi-Schaulaufen, das herrlich TV-verwertbare Bilder produziert. Eine Preisverleihungszeremonie, bei der der stark geschminkte Teil der geladenen Gäste vorn posiert, während sich hinten die drängen, die entweder ihren Spaß haben oder ihn zumindest suchen.
Das ist schön, hat Glamour und Flitter und den Sexappeal der Wichtigkeit. Die Veranstalter bemühen sich um eine möglichst Oscar-hafte Präsentation, was Moderatorin Barbara Schöneberger den Satz entlockt, bei der dramatischen Musik, die der Verkündigung jedes Preisträgers vorausgeht, sehe sie "Brad Pitt mit einem Schwert in der Hand" zur Bühne traben. Stattdessen traben da irgendwelche Journalisten, Produzenten, Techniker, Grafiker, Computerfreaks und ehrenamtlich arbeitende Überzeugungstäter.
Und immer dann, wenn Schöneberger den Arm zum "Film ab" hebt, in dem die nominierten Seiten vorgestellt werden, bekommt das Publikum nur eine Diashow zu sehen. Screenshots und ein Satz zum Inhalt: Was auch sonst, wo das Internet noch immer vor allem ein Schriftmedium ist? Da freut man sich schon, wenn bei Ersin und Börek mal was in Flash wackelt.
Ein wichtiger Preis ist der Grimme Award, für einen nicht unwichtigen Teil der Internet-Branche. So etwas braucht jede Industrie, auch die Gelegenheit, sich ab und zu eitel selbst zu feiern.
Was der Internet-Branche in Deutschland aber nach wie vor fehlt ist ein Preis, der das Internet und seine Inhalte als eigenständiges Medium ernst nimmt und "auch journalistische Qualität, kulturelle Ansprüche und gesellschaftliche Relevanz" würdigt. Ein Preis für all die vielfältigen Facetten des Webs, vom ehrenamtlichen Heimarbeiter bis hin zur kommerziellen Webseite. Ein Preis für Seiten, die nicht nur programmbegleitend vertiefen, sondern in sich und aus sich selbst heraus tief sind.
Denn für diese reiche, Qualitäten bietende Vielfalt steht Grimme Online leider nicht. Dem Grimme Online Award wie dem deutschsprachigen Web ist zu wünschen, dass da irgendwann mal mehr draus wird.
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