"Mit Legenden", sagt Uly Foerster, "muss man manchmal auch aufräumen."
Die Legende geht so: Irgendwann im Jahr 1993 begannen die SPIEGEL-Redakteure Uly Foerster und Gerd Meißner darüber nachzudenken, selbst etwas unter der Marke SPIEGEL in den Onlinemedien zu publizieren, deren kommender Erfolg sich anzukündigen begann.
Längst flitzten da E-Mails über die Datenwege der damals größten Onlinedienste Compuserve und Telekom Btx, längst recherchierten Journalisten in damals grundsätzlich exorbitant teuren Datenbanken. Die breite Öffentlichkeit aber hatte die Onlinemedien noch nicht entdeckt. Im Mai 1994 hinterlegte Foerster eine erste Seite bei Compuserve, die den SPIEGEL im Namen führte.
Eine Eigeninitiative soll das gewesen sein, erste Gehversuche, durch die Begeisterung für das neue Zukunftsmedium entstanden. Wie in so vielen Verlagshäusern rund um die Welt: In den seltensten Fällen gingen die frühen Online-Präsenzen der Medienmarken auf eine bewusste Entscheidung der Geschäftsleitungen zurück.
"Aber das stimmt so nicht", sagt Foerster heute, "angestoßen hat das alles Fried von Bismarck", damals in der SPIEGEL-Verlagsleitung zuständig für Dokumentation und EDV und heute auch Geschäftsführer von SPIEGEL ONLINE.
Auf von Bismarcks Ermutigung hin, sagt Foerster, erschienen die ersten SPIEGEL-Seiten unter dem Namen des Nachrichtenmagazins zuerst bei Compuserve und bald auch im WWW.
Das geschah am 25. Oktober 1994, als der kommende Boom des World Wide Web allenfalls zu ahnen war. Das "Time"-Magazin folgte am 26. Oktober, einen Tag später, und für einige Zeit trommelte SPIEGEL ONLINE gern damit, das weltweit erste Nachrichtenmagazin im WWW gewesen zu sein. In der Rückschau ist das heute eine schöne, nostalgische Anekdote, aber nicht mehr: SPIEGEL ONLINE 1994 und SPIEGEL ONLINE 2004, das ist wie Brief versus Buch, wie Flugblatt gegen Magazin, wie Steinzeit gegen Jetztzeit.
Mann der ersten Stunde: Uly Foerster
Zehn lange Jahre begleitet SPIEGEL ONLINE nun die Entwicklung des nicht mehr ganz so neuen Mediums WWW, testet Grenzen aus, setzt Standards im entstehenden Online-Journalismus.
Von den ersten Experimenten bis hin zu einer eigenständigen Ausgründung des SPIEGEL, mit einer eigenen Redaktion, Technik und Produktion führt ein Weg, der atemloser, hektischer und spannender kaum hätte sein können.
Uly Foerster Anfang 1996 in einem Konzept-Memo: "Es muss immer aktuell sein. Ich bestehe auf wöchentlichen Updates. Mindestens!"
Wir wollen diese Geschichte im Laufe der nächsten Wochen und Monate dokumentieren: Mit Artikeln aus und über die Frühzeit des Internet-Booms in Deutschland, mit Interviews und Gastbeiträgen. Dem Blick in die Vergangenheit wollen wir Ausblicke nach vorn entgegen stellen.
SPIEGEL ONLINE und der WTC-Terror: Am Abend des 11. September stieg die Leserzahl binnen einer Stunde um den Faktor 32. Am 13. September (im Bild) hatte SPIEGEL ONLINE 3,4 Millionen Leser, gegenüber knapp 700.000 in der Vorwoche. SPIEGEL ONLINE war zur reichweitenstärksten deutschen "Tageszeitung" geworden
Denn Online-Publishing funktioniert anders. Während beispielsweise Radio- und TV-Macher mit ihren Einschaltquoten leben, die ihnen Dienstleister jeweils am Folgetag bis auf einzelne Stunden aufgedröselt vorlegen, bekommen wir "Onliner" unsere Quoten im 15-Minuten-Takt. Dazu fluten die Leserbriefe, von denen mittlerweile nur noch einige Promille wirklich beantwortet werden können. Dann aber entspinnen sich mitunter regelrechte Diskussionen. Von denen gibt es auch im Forumsbereich immer genügend, und oft genug kippt eine Diskussion ab und weg vom eigentlichen Thema und hin zu der Frage, wie SPIEGEL ONLINE damit umgegangen ist, wie es aufbereitet wurde.
Weil uns der Leser also mindestens viermal pro Stunde belohnt oder bestraft und sich im Vergleich zu anderen Medien unendlich viel öfter zu Gehör bringt, ist sein "Gewicht" in den Gestaltungsprozessen eines Onlinemediums nicht zu unterschätzen. In jeden Relaunch von SPIEGEL ONLINE floss die Kritik, flossen Wünsche der Leserschaft ein.
Die Geschichte von SPIEGEL ONLINE wäre also nicht vollständig, ohne auch Ihre Version davon zu hören.
Schreiben Sie uns, wie Sie zu SPIEGEL ONLINE kamen. Erzählen Sie, wie Sie das Angebot entdeckt haben, wie Sie seine Veränderungen im Lauf der Jahre erlebten. Teilen Sie mit uns Ihre Anekdoten rund um SPIEGEL ONLINE, Ihre Gedanken zum Medium, zum Angebot, zur Veränderung der Medienwelt, ihre Erinnerungen und Visionen. Nehmen Sie uns auf den Arm oder in die Arme. Kritisieren, tadeln oder loben Sie uns, wenn Sie wollen. Schicken Sie uns Ihre Screenshots von frühen SPIEGEL-ONLINE-Seiten oder Ereignissen, die Ihnen bei SPIEGEL ONLINE ganz besonders aufgefallen sind.
Wir sind gespannt darauf, wie Sie uns sehen.
Frank Patalong
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