Von Benjamin Maack
Und diese Philosophie geht auf: Während die meisten Webseiten, die Stücke kostenlos anboten, nach dem großen Internet-Crash eingingen oder Geld kosteten, finanziert sich Micromusic von Beginn an über Fördergelder, Spenden und den Microshop, in dem man Shirts und Platten kaufen kann.
Challenge everything
Ein weiterer Pionier ist der Stockholmer Johan Kotlinski, der mit seiner Musik unter dem Namen Rolemodel firmiert. 2001 erschien sein "Little Sound DJ", das mittlerweile populärste Musikprogramm für den Gameboy. Kotlinski entwickelte dieses Programm nicht im Auftrag einer Software-Firma, sondern im Alleingang, und vertreibt es seitdem privat über seine Website.

Per "Tracker" wird der Sound montiert
Auch Firestarter nutzt die Software, um einen Großteil seiner Tracks zu arrangieren. "Die Songs über die fünf Tasten des Gameboys zu programmieren hat ziemlich viel von Videospielen", erklärt er. "Ich fahre jeden Tag zwei Stunden im Zug zur Arbeit hin und zurück. Und das Beste daran ist, dass ich unterwegs Tracks programmiere und die anderen Fahrgäste rübergucken und sich fragen, wie ein erwachsener Mensch die ganze Zeit videospielen kann."
Der "LSDJ" ist dabei nur ein Beispiel dafür, wie hart die Szene daran arbeitet, den gestrigen Soundchips immer neue Klänge zu entlocken. Anstatt einfach aktuelle Musikprogramme wie "Cubase" oder "Logic" zu benutzen, werden immer wieder Tracker oder virtuelle Synthesizer für den Atari ST, den C64 und andere ausrangierte Rechner geschrieben und als Freeware angeboten.
Im Netz gibt es Dutzende Seiten, auf denen Schaltpläne für Schnittstellen, also Verbindungen zwischen einzelnen Instrumenten, oder den Einbau von Drehreglern an alten Computern zum Nachbau gezeigt werden. "Es geht darum, den Soundchip bis an seine Grenzen auszureizen", erklärt Thomas. Der Firestarter ist gelernter Informationstechniker, spricht zwei Programmiersprachen und hat selbst gerade eine bahnbrechende Erfindung mit Namen "LSDJ MC2" entwickelt.
Mit ihr kann man bis zu zwei Gameboys parallel zu anderen midifähigen Instrumenten wie Samplern, Musikprogrammen auf dem PC oder Grooveboxen laufen lassen. Also High-End-Gerätschaften zur Musikproduktion mit dem alten 8-Bit-Equipment zusammenschließen. So kann man dann zum Beispiel die Sounds vom Gameboy über eine Keyboard-Tastatur abspielen.
Wahlweise kann man sich das Interface nach Plänen auf Thomas' Website selbst zusammenlöten oder es bei ihm bestellen. Die Nachfrage ist groß. Thomas ist einer von zwei Leuten weltweit, die ein solches Gerät entwickelt haben, und der einzige, der es privat vertreibt. Schon Wochen bevor der Prototyp vom LSDJ MC2 fertig war, hatte sich seine Entwicklung in der Szene rumgesprochen.
Mittlerweile hat er fünfzig Vorbestellungen aus der ganzen Welt. Klingt nach einer tollen Geldquelle, um den nächsten Urlaub zu finanzieren. Aber Thomas hält die Gewinnspanne für das Gerät bewusst klein. Erst kommt die Szene - möglichst viele sollen möglichst gute 8-Bit-Musik produzieren können -, dann kommen finanzielle Erwägungen. Pioniere und Missionare eben.
Dieses Prinzip gilt auch für Auftritte in anderen Städten. Wie die meisten Chipmusiker fährt der Firestarter zu dem Großteil seiner gut zwanzig Auftritte im Jahr auf eigene Rechnung. Zum Teil sogar nach London oder in die USA. "Mit meinem Job als Systemadministrator finanziere ich mein Hobby", sagt er, "dafür zahle ich nichts für Verpflegung und Unterkunft, kann mir die Stadt, in der ich bin, von Freunden zeigen lassen, und brauche nicht die Standard-Touristentour über mich ergehen zu lassen."
Mittlerweile kennt Thomas einen Haufen Städte. Er stand schon in Stockholm, Las Vegas, Hollywood, Basel und Rotterdam auf der Bühne. Über seine Musik hat er Menschen auf der ganzen Welt kennen gelernt. Er gibt E-Mail-Support für Fragen zum "LSDJ", chattet auf Micromusic.net mit anderen Musikern und tauscht sich über 8-Bit-Technologie aus. Und irgendwann trifft er sich dann wirklich mit manchen Leuten, und stellt oft fest, dass über die ganze Micromusic-Kommunikation eine Freundschaft enstanden ist.
Gaming 24/7
Und der Freundeskreis bekommt stetigen Zuwachs. Hatte Micromusic 2002 noch 3000 Mitglieder, ist die Anzahl in den letzten zwei Jahren auf 8000 angewachsen.
Doch der große Durchbruch der 8-Bit-Musik ist noch nicht gekommen. Vielleicht liegt das daran, dass es die Musikinstrumente, vom Gameboy einmal abgesehen, in keinem Laden gibt. Dass man an den "LSDJ", die richtigen Programme für die veralteten Heimcomputer, die Interfaces und das nötige Know-how nicht so leicht rankommt. Dass es Zeit braucht. Zeit auf Special-Interest-Webseiten und in Communitys, auf Flohmärkten und in Trödelläden.
Und es verlangt vom User eine ganz spezielle Beziehung zu den Geräten, zu den spleenigen Programmen, zum Sound der Soundchips - und manchmal die Verwendung eines Lötkolbens. Vielleicht liegt es aber auch daran, dass die Chipmusik nicht so einfach zu hören ist wie High-End-Produzierte 24-Bit-Elektro-Mucke. Dass es ein wenig verschrobene Liebe für das LoFi-Spielzeug braucht oder eine Leidenschaft für kantige Sounds.
Momentan kursieren Gerüchte, Nintendo höchstselbst wolle ein Musikprogramm für den Gameboy entwickeln. Doch dass Chipmusik damit aus den Händen von Bastlern und Enthusiasten in den Mainstream abwandert, ist unwahrscheinlich. Denn was für ein Programm sollte Nintendo entwickeln? Einen High-End-Musikmacher, der am Ende von ein paar hundert professionellen Gameboy-Musikern gekauft wird? Wohl eher ein kindgerechtes Piepsprogramm, mit dem Fünfjährige ihren Kindergärtnern die Ohren volldudeln können.
Denn nützliches 8-Bit-Equipment wie der "Little Sound DJ" oder das LSDJ-MC2-Interface entstehen nicht auf den Reißbrettern großer Unternehmen. Sondern nur in Szenen, in denen der Gewinn sich nicht auf dem Konto, sondern im Respekt der anderen Musiker widerspiegelt.
Und so machen Firestarter Thomas, Carl und die anderen Micromusic-Founder, die 8-Bit-Instrumentalisten und -Liebhaber immer weiter mit dem Hören und Machen von Chipmusik. Ganz egal, ob er kommt oder nicht, der große Hype. Aber wer weiß, immerhin kam Malcolm McLaren über einen Link auf der Björk-Website an seine "LSDJ"-Cartridge. Und Beck soll neulich bei einem Konzert live mit dem Gameboy gejammt haben. Und ein Micromusic-Member behauptet steif und fest, dass er auf der Site mit Aphex Twin über Tagespolitik gechattet hat.
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