Mit ihrem Vorgehen gegen mehrere Anbieter von Internet-Telefonie hat sich die Bonner Regulierungsbehörde für Telekommunikation ein Menge Unmut eingehandelt. Von diesem Freitag an dürfen Firmen wie Sipgate oder Freenet Telefonnummern nur noch lokal entsprechend der Ortsvorwahl vergeben, hat die Behörde verfügt. Ein neuer Sipgate-Kunde in Hamburg darf dann beispielsweise nur noch eine Nummer mit Hamburger Vorwahl zum Telefonieren im Internet zugeteilt bekommen.
Die Internet-Telefonanbieter sehen dadurch ihr gesamtes Neugeschäft massiv behindert und vermuten staatlichen Protektionismus zu Gunsten der Deutschen Telekom. Die Voice-over-IP-Anbieter haben nach derzeitiger Rechtslage keinen Anspruch auf eine bundesweite Zuteilung von Rufnummern - nur Gesellschaften mit eigener Telefoninfrastruktur könnten eine solche Lizenz für 2,5 Millionen Euro erwerben, sagte Sipgate-Geschäftsführer Thilo Salmon gegenüber SPIEGEL ONLINE.
"Mangels eigener Rufnummern haben wir uns in großen Städten große Telefonanschlüsse von den dortigen Netzbetreibern legen lassen." Diese Anschlüsse habe Sipgate dann auch in anderen Städten vermarktet, in denen man keine eigenen Nummern gehabt habe. "Prinzipiell ist das aber nicht unser Interesse", betonte Salmon. "Wir wollen jedem Kunden eine Nummer aus seinem Ortsnetz geben." Die Vergabe ortsfremder Vorwahlen sei nur vorübergehend notwendig.
Die Regulierungsbehörde (RegTP) begründet ihren Schritt mit der Gefahr einer Rufnummern-Knappheit in Deutschland. Sollten die Internet-Telefongesellschaften ihre bundesweite Nummernvergabe aus nur wenigen Ortsnetzen schöpfen, könnten die Nummern dort eines Tages ausgehen.
Bei der RegTP vermutet man, dass mancher Anbieter mit der nun verbotenen Vergabepraxis Geld sparen wollte: "Für jedes zusätzliche Ortsnetz braucht der Anbieter zusätzliche Infrastruktur", sagte RegTP-Sprecher Manfred Küster gegenüber SPIEGEL ONLINE. "Und das kostet zusätzliches Geld."
Die Voice-over-IP-Anbieter sehen das ganz anders: "Die Behörde verbietet, ohne Alternativen bereitzustellen. Sie hat die Rufnummern-Misere durch Untätigkeit selbst verursacht", so Sipgate-Chef Salmon. Er beklagte zudem die hohen Kosten einer bundesweiten Rufnummern-Zuteilung von 2,5 Millionen Euro Verwaltungsgebühren - in England und Österreich sei dies umsonst. Schlimmer noch: Reinen Internet- Telefonanbietern teile die Behörde gar keine Nummern zu.
Die Regulierungsbehörde wies den Vorwurf einer Marktbehinderung weit von sich: "Wir wollen nichts gegen den Markt machen. Wegen des Nummernproblems mussten wir aber schnell einschreiten", sagt deren Sprecher Rudolf Boll. Den Ausweg sehen die Regulierer in einer eigenen Rufnummerngasse für Internet-Telefonie, die die Vorwahl 032 bekommen soll.
"Wir reden seit einem Jahr über Rufnummern und es gibt sie immer noch nicht", entgegnet Salmon. Eine eigene Vorwahl könnte sich zudem als Reinfall entpuppen, fürchtet man in der Internet-Telefoniebranche: Für die klassischen Telefongesellschaften wäre es damit möglich, für die Gespräche zu den neuen Anbietern Preise zu verlangen, die den Telefonierern via Internet jeden Spaß an der neuen Technik verderben. "Die Kunden wollen ihre alten Telefonnummern zum neuen Anbieter mitnehmen. Das wäre verbraucherfreundlich und es würde auch kein Nummern-Engpass entstehen."
Auch Freenet-Chef Eckard Spoerr, wie sipgate einer der großen Internet-Telefonanbieter, geht mit der RegTP hart ins Gericht: Die Behörde schütze die Telekom, behindere Innovationen und verlange nun sogar von den Unternehmen, ihre Angebote binnen weniger Tage vom Markt zu nehmen.
Spoerr und Salmon vermissen auch in einer weiteren entscheidenden Frage beim Regulierer jede Freude am Wettbewerb: So sei die Behörde bislang nicht dagegen eingeschritten, dass die Telekom ihren schnellen DSL-Zugang mit einem Festnetzanschluss koppelt. "Aus unserer Sicht ist die Kopplung wettbewerbswidrig und ein Verstoß gegen das Telekommunikationsgesetz", sagt Salmon.
In Norwegen etwa sei die Trennung vollzogen und die Internet-Telefonie boomt. In Japan telefonierten schon mehrere Millionen Menschen via Internet und in den USA Hunderttausende. Für kommenden Montag hat der Chef der Regulierungsbehörde, Matthias Kurth, in Bonn eine Grundsatzrede in Aussicht gestellt.
Auf anderen Social Networks posten:
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Netzwelt | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Web | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2004
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH