Von Gabriele Bärtels
Es ist leider so, dass sich da, wo Anonymität herrscht, auch lichtscheues Gesindel tummelt, also Beziehungsunfähige, Versager oder Persönlichkeitsgestörte beiderlei Geschlechts. Selbst wenn dies nicht die Masse ist, sollte man mit Adresse und Telefonnummer anfangs sehr sparsam umgehen. Auch bedeutet nicht jedes "Du" gleich tiefste Vertrautheit.
Solange sich die Kommunikation auf den Austausch von Online-Nachrichten beschränkt, fehlt - und dessen sollte man sich stets bewusst sein - der persönliche, dreidimensionale Eindruck. Man bleibt im Ton besser unverbindlich, auch wenn das Medium zu monologisierenden Selbstoffenbarungen verleitet. Liebe entsteht auch in Zeiten des Internets nicht durch den Austausch von Kilobytes, sondern von Blicken.
Vorauswahl per Datenbank: Wer passt zu wem?
So nüchtern ist es also: Die Partnerbörsen im Internet sind keine Liebesproduzenten, sondern nichts anderes als schlichte Kontaktanbahnungs-Institute, die sich allerlei unterhaltsamer Spielchen oder Persönlichkeitstests bedienen, um Paarungswillige zusammen zu würfeln. Das gelingt ihnen gut genug, dass schon mancher vor dem Überangebot kapituliert hat.
Nein, die meisten, die in Partnerbörse registriert sind, haben "es" nicht nötig, aber gleichzeitig eben doch. Es sind Menschen wie Anuschka (Krankenschwester), oder Friedrich (Generalkonsul) oder Gudrun (Lehrerin) oder Johannes (Philosophie-Professor) oder Margit (Chemikerin) oder Jens (Tischler).
Je älter sie sind, desto fester stehen ihre Vorstellungen vom Leben. Gleich und Gleich gesellt sich gern, sagt der Volksmund. Solche grundsätzlichen Gemeinsamkeiten lassen sich mittels unsentimentaler Datenbanken aber feststellen. Es geht los bei Alter, Größe, Beruf, setzt sich bei Charaktereigenschaften fort, reicht vielleicht sogar in sexuelle Vorlieben hinein. Das Internet hat für alle was: Masochisten suchen treue Sadisten, Bauern eine Bäuerin, Lesben eine Frau, Kegelbrüder Kegelschwestern. Man möchte diese Tatsache nur nicht zur Kenntnis nehmen, weil man selbst so einzigartig ist und der Partner, nach dem man sucht, es selbstverständlich auch sein muss.
Ob es wirklich zu Liebe kommt, hängt dann wieder von analogen, also menschlichen Dingen ab. Die Bindungsängste, die jemand sonst im Leben hat, kann er durch das Internet nicht überwinden, bestenfalls wird er dort zu einem, der von Anfang zu Anfang baumelt, in dem tiefen Glauben, dass es beim nächsten Mal bestimmt klappt. Ich möchte schwören, dass ein gewisser Prozentsatz Nutzer registriert ist, seit sich die ersten Partnerbörsen im Netz etablierten. Das sind die, die aus der Suche nach Liebe ein Hobby gemacht haben oder sich deren digitale Reinheit bewahren wollen, ohne dass sie von der analogen Wirklichkeit beschmutzt wird.
Die anderen werden ähnliche Mühe haben, auf Anhieb den Richtigen zu finden, obwohl auch das geschieht. Nach den ersten zwei, drei ergebnislosen Dates folgt meistens Ernüchterung.
So war es auch bei Anuschka: Früher oder später tritt jeder online geknüpfte Kontakt in die Wirklichkeit ein wie eine rückkehrende Rakete in die Erdatmosphäre. Und alles, was man sich anhand von Steckbriefen, E-Mails, Telefonaten zusammengereimt hat, verglüht, wenn man schließlich auf einen leibhaftigen Menschen trifft, mit dem man auf eine Tasse Kaffee verabredet ist. Und man schaut auf seine Lippen und denkt: "Nein, beim besten Willen nicht."
Anuschka begriff, dass sie angesichts der Fülle des männlichen Angebotes ein klares Bild von ihrem Zukünftigen brauchte und gab es auf, jeden treffen zu wollen, der Interesse an ihr zeigte. Sie begriff aber auch, dass es vielleicht doch nicht ergebnislos zu nennen ist, Menschen kennen zu lernen, denen sie auf ihren ausgelatschten Alltagstrampelpfaden nie begegnet wäre. Mit zwei Männern schloss sie echte Freundschaft. Denn auch das ist wahr: Partnersuchende im Netz sind eine unfreiwillige Schicksalsgemeinschaft und haben daher schon mal mindestens ein verbindendes Thema.
Nein, die Paare, die das Internet zusammengebracht hat, sind nicht zweite Wahl und auch nicht peinlich. Es sind Menschen, die ihr Glück in die Hand genommen haben, anstatt darauf zu warten, dass sie in ihren Wohnungen auf dem Sofa gefunden werden. Sie sind außerdem klug genug gewesen, sich mit einem realistischen, will sagen: mit Fehlern behafteten Partner zu begnügen, anstatt den Rest ihres Lebens das Internet nach dem noch besseren, noch schöneren, noch reicheren zu durchforsten. Diese Gefahr besteht nämlich, davor sei gewarnt.
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