Der Ehrliche ist der Dumme, dozierte vor einigen Jahren der "Tagesthemen"-Moderator Ulrich Wickert in einem viel diskutierten Buch. Das Prinzip gilt nach wie vor, vor allem auch für die (ehrlichen) Käufer von Musik-CDs. Wenn sie sich einen MP3-Player mit Festplatte anschaffen, zum Beispiel einen iPod, Creative Zen Touch oder iRiver H 140, dann machen sie sich eine Menge Arbeit.
Jede CD muss einzeln gerippt werden. Das heißt: Scheibe für Scheibe ins Computerlaufwerk einlegen, hoffen, dass die CD gelesen wird (Kopierschutz?) und dann per Software in MP3 umwandeln. Je nach Rechenpower und Lesegeschwindigkeit dauert das Rippen pro CD zwischen 5 und 15 Minuten. Macht bei 500 CDs zwischen 40 und 125 Stunden nonstop.
Wer sich seine Musik hingegen aus Tauschbörsen oder von der Festplatte des Kumpels besorgt hat, braucht solche Ripp-Orgien nicht zu fürchten. Die Dateien liegen dann in der Regel schon als MP3 vor, sie müssen nur noch auf die Festplatte des Players kopiert werden.
Catherine Keane, eine 23-jährige New Yorkerin, kennt das Problem. Vor einigen Monaten bot ein Bekannter demjenigen 500 Dollar, der seinen gerade gekauften iPod mit seiner Musik auffüllt. So entstand Keanes Geschäftsidee Hungrypod. Ab 1,50 Dollar pro Album können Amerikaner ihre CDs auf ihren iPod überspielen lassen. In Manhattan kostet das Abholen des leeren iPods und der CDs von zu Hause pauschal 15 Dollar, ab hundert Scheiben entfallen die Hol- und Bringkosten.
Amerikaner außerhalb Manhattans - die soll es auch geben - müssen höhere Transportkosten berappen. Wer will, kann seine lieb gewonnene CD-Sammlung und den iPod auch versichern.
Keanes Service Hungrypod ist noch relativ neu. Bereits vor einem Jahr startete ebenfalls in den USA der Dienst Ripdigital.com, der sich nicht nur an iPod-Besitzer richtet. Anders als bei Hungrypod bekommt der Kunde seine MP3s auf Daten-DVDs geliefert. So kann er sie auf beliebige MP3-Player übertragen.
Ripdigital arbeitet äußerst professionell. Wer den Dienst anfordert, bekommt ein Paket mit leeren CD-Spindeln nach Hause geliefert, in die er dann die eigenen Alben steckt. Das Paket wird abgeholt und kommt einige Tage später zurück - mit den auf DVD-gebrannten MP3s. Pro CD berechnet Ripdigital derzeit nur einen Dollar - ist also sogar günstiger als Hungrypod.
Hungrypod-Erfinderin Keane zählte bislang rund 30 Kunden. Die meisten seien zwischen 20 und 40 Jahren alt und arbeiteten im Bank- und Finanzsektor. Die seien viel beschäftigt und hätten keine Zeit, sagte Keane gebenüber der "New York Times".
Auf Wunsch kauft sie auch fehlende Musik im Apple Music Store oder empfiehlt den gestressten Managern Musik, die zu ihrem Musikgeschmack passen könnte. Den kennt Keane ziemlich gut, sie hat ja die gesamte CD-Sammlung in ihren Händen.
Wenn möglich, will die New Yorkerin ihr Geschäft weiter ausdehnen. Zuallererst soll ein Webdesigner ihre Seite überarbeiten. "Ich mache das, weil es Spaß macht", sagt sie. "Es wäre kein Beinbruch, wenn das Geschäft morgen nicht mehr läuft."
Angebote wie Ripdigital oder Hungrypod hätten es in Deutschland schwer. Sie stünden schnell unter dem Verdacht, illegal den Kopierschutz von Musik-CDs auszuhebeln, schließlich werden hierzulande immer mehr Alben damit ausgestattet. Wer solche CDs rippt, umgeht den Kopierschutz und verstößt somit gegen das neue Urheberrecht.
Das neue Urheberrechtsgesetz verbietet sogar ausdrücklich kommerzielle Kopierdienste. In § 53 heißt es zwar, Vervielfältigungen zum privaten Gebrauch könne man auch "durch einen anderen herstellen lassen", allerdings nur, "sofern dies unentgeltlich geschieht". Ausnahmen hat der Gesetzgeber nur bei Kopien auf Papier gemacht.
Der ehrliche Kunde müsste sich ein Album deshalb gleich zweimal kaufen: einmal als herkömmliche CD mit Kopierschutz. Und dann, nachdem er gemerkt hat, dass er diese CD nicht rippen darf - "Raubkopierer sind Verbrecher" -, ein zweites Mal in einem Online-Musikshop. Die im Netz gekauften Titel kann er dann auf seinen Player überspielen. Ehrlich sein kostet halt extra.
Holger Dambeck
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