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05.01.2005
 

Browsergames

Das Tamagotchi-Prinzip

Von Angelika Unger

Der Angriff auf die Flotte erfolgt bei Nacht, wenn die meisten Spieler schlafen. Wohl dem, dessen Clan einen Wachposten postiert hat, der die Spieler aus dem Bett klingelt. Auch in Deutschland leben Zehntausende ein Doppelleben zwischen Job und Cyberia - in den virtuellen Universen der Browsergames.

Wahrhaft unendliche Weiten: Das eigentliche "Spielfeld" von Onlinespielen ist der eigene Kopf

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Voll konzentriert starrt Homeboy auf seinen Bildschirm. Dort liegt auf einer Weltraumkarte eine ganze Galaxie vor ihm, unzählige besiedelte Planeten. Mit dem Fadenkreuz wählt er sein Ziel aus, stellt eine Raumflotte zusammen und klickt auf "Abschicken". 300 Frachtschiffe sind nun unterwegs zu einem anderen Planeten, voll beladen mit Rohstoffen.

Homeboy heißt in Wirklichkeit Andre Melsbach, ist 27 Jahre alt, Softwareentwickler und einer von rund 20.000 Spielern bei Space Pioneers. In sechs virtuellen Galaxien errichten die User Gebäude, bauen Spionagesonden und Schlachtschiffe und erforschen neue Technologien. Sie handeln miteinander oder führen Krieg - und das alles kostenlos.

Grafisch spärlich: Browsergames sind was für Tüftler und Tabellenliebhaber
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Grafisch spärlich: Browsergames sind was für Tüftler und Tabellenliebhaber

Für Spiele wie Space Pioneers muss man keine teure Software kaufen und installieren. Auch Gebühren werden so gut wie nie erhoben, da die Spiele meist von Hobbyprogrammierern initiiert werden und sich - mehr schlecht als recht - durch Werbung und Spenden finanzieren.

Es gibt Hunderte solcher Browserspiele: Sie heißen Hattrick, War of Galaxies oder The Arena, sie spielen im Weltraum oder im Mittelalter, in der Steinzeit oder unter Wasser, man kann Fußballteams managen oder als Gladiator um Ruhm und Ehre kämpfen. Manche haben nur eine Handvoll Spieler, bei anderen sind es zehntausende. Das Prinzip funktioniert überall gleich: Das Spiel läuft auf einem Server im Internet und die Spieler loggen sich über ihren Webbrowser ein, sei es Internet Explorer, Firefox oder Netscape Navigator.

Ein Internetzugang und ein Browser - das ist alles, was man zum Spielen braucht. Deshalb funktionieren die Browsergames auf Uralt-PCs ebenso wie auf Linux-Systemen und auf dem Mac. Die Grafik ist gewöhnlich schlicht, meist beschränken sich die Programmierer auf simple Tabellen und Diagramme mit nur wenigen kleinen Grafiken: Die Spiele sollen möglichst wenig Traffic verursachen und auch mit langsamen Internetverbindungen Spaß machen.

Rund 20.000 Spieler sind bei Space Pioneers aktiv

... und besonders Phantasiebegabte: Die Dramatik der Handlung erschließt sich aus ihren Konsequenzen für die eigene Inventur
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... und besonders Phantasiebegabte: Die Dramatik der Handlung erschließt sich aus ihren Konsequenzen für die eigene Inventur

Browserspiele wie Space Pioneers laufen rund um die Uhr, egal ob der Spieler eingeloggt ist oder nicht: Minen produzieren Rohstoffe, im Forschungslabor wird geforscht und Raumflotten fliegen ihrem per Mausklick gewählten Ziel entgegen.

Doch während die Spieler ihrem Offline-Leben nachgehen, arbeiten, essen oder schlafen, sind sie vor Überfällen und Spionage anderer nicht geschützt. Sicherheit bringen so genannte Clans oder Allianzen: Gruppen befreundeter Spieler, die sich gegenseitig beschützen und einander mit Tipps oder Rohstoffen helfen.

Homeboys Allianz heißt SoZ, Schlachtschiffe ohne Zulassung. Auf der Gesamtrangliste steht sie auf Rang 2, er selbst steht in der Spielerrangliste auf 8 - der Lohn für monatelange Aktivität. Wie die meisten anderen Top-Spieler schaut Homeboy mehrmals am Tag nach seinen Raumbasen. Da er dazu nur einen Onlinezugang braucht, kann er das immer und überall tun - bei der Arbeit, bei Freunden oder zu Hause. "Alle 30 bis 60 Minuten sollte man schon reinschauen, wenn die Flotte nicht unterwegs ist", sagt er.

"Wer täglich nur eine Stunde online ist, wird nie eine gute Platzierung erreichen", sagt auch Denys Bogatz. Der 32-Jährige muss es wissen: Er hat Space Pioneers programmiert - in seinem Sabbatical. Eigentlich wollte der Softwareentwickler nach einer Festanstellung ein Jahr Urlaub machen und nebenbei einen Application-Server für E-Commerce-Anwendungen programmieren.

"Space Pioneers war ursprünglich nur als Belastungstest für den Server geplant. Aber es kam in der Community so gut an, dass ich es weiterentwickelt habe", erzählt er. Im März 2004 ging das Spiel online, seitdem haben sich mehr als 100.000 User registriert, 20.000 spielen derzeit aktiv mit. Jeder Spieler verursacht rund 20 Megabyte Traffic pro Tag, deshalb verschlingt allein die Servermiete weit mehr als 1000 Euro monatlich.

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Die anfallenden Kosten werden gerade so gedeckt, über Bannerwerbung und werbefreie "Premiumaccounts", die einen Euro pro Monat kosten. Bogatz ist der einzige Programmierer, für den Support, die Betreuung im Forum und im IRC-Channel gibt es freiwillige Helfer, die aus dem Kreis der Spieler kommen. Rund acht Stunden täglich ist er mit Programmierung, Organisation und Akquise von Werbekunden beschäftigt, auch die Wochenenden gehen dafür drauf.

"Es ist ein Fulltime-Job", sagt Bogatz, "aber es ist sehr spannend mit anzusehen, wie so ein Projekt wächst." Er setzt viele Verbesserungsvorschläge aus der Community um und fügt ständig neue Funktionen hinzu. "Ich hoffe, dass durch die Neuerungen das Spiel auch langfristig interessant bleibt."

Eine Niederlage kann alles zunichte machen

Die Faszination von Browerspielen, hat Bogatz festgestellt, ist simpel. "Sie funktionieren nach dem Tamagotchi-Prinzip: Man hat eine eigene virtuelle Welt, die gehegt und gepflegt werden will." Die Raumschiffe brauchen zwar weder Futter noch Streicheleinheiten, durch einen verlorenen Kampf aber kann eine monatelang aufgebaute Flotte mit einem Schlag zerstört werden. Wenn Homeboy viel zu tun hat, geht er deshalb für ein paar Tage oder Wochen in den Urlaubsmodus.

Dann wird sein Account eingefroren, bis er sich wieder anmeldet. Verpassen kann er dabei kaum etwas, denn ein Spielende oder wirkliches Spielziel gibt es bei Space Pioneers nicht. Bei einigen Browserspielen ist das anders: Dort gewinnt die Allianz, die zuerst eine bestimmte Punktzahl erreicht.

Früher hat Homeboy Seaconquest gespielt, ein Unterwasser-Spiel, bei dem eine Spielrunde sechs bis acht Wochen dauert. "Da sind die Leute noch krasser drauf - weil eine einzige Niederlage dich um den Sieg bringen kann."

Manche Spieler stellen sich sogar einen Wecker, um Gegnern mit einem nächtlichen Angriff eins auszuwischen, und einige Allianzen haben Notfall-Telefonketten, falls etwa ein Mitglied eine feindliche Flottenbewegung ortet und von seinen Freunden Unterstützung anfordern muss. "Wer hier vorn mitspielen will, muss sein Privatleben gut organisieren."

Mittlerweile kann bei Space Pioneers kaum jemand mehr Homeboys Flotte ernsthaft bedrohen. Deshalb testet er momentan ein anderes Browserspiel: OGame. Wieder ein Weltraum-Szenario, wieder Gebäude bauen, Flotten zusammenstellen, forschen und kämpfen. Es ist das größte deutsche Browsergame - die Betreiber sprechen von mehr als 200.000 registrierten Usern. Allein in seinem Universum, einem von 29, hat Homeboy 10.000 Gegenspieler. Bis an die Spitze wird es ein langer Weg.

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