Von Frank Patalong
Medien- und Kulturkritikern kommt da das kalte Grauen: Der "Soundtrack für die Generation Demenz" wird von Älteren als akustische Umweltverschmutzung empfunden - und beschert den Kindern und Jugendlichen endlich wieder so etwas wie einen Generationenkonflikt, eine Demarkationslinie, anhand der sie ihr Anderssein definieren können. "Groß" findet Sweety grauenhaft, "Klein" dagegen kolossal.
Doch selbst die Bereitschaft der Jüngeren, Liedfetzen zwanzigmal hintereinander zu hören, ist nicht unerschöpflich. Entsprechend schnell folgt ein Klingelton-Star auf den nächsten. Spätestens, wenn Sweety das Gros der Jugendlichen-Handys kontaminiert hat, ist der Piepvogel Massenware und damit uninteressant.
Kein Problem: der nächste ist bestimmt schon in der Pipeline. Jamba! und Co. sammeln sich ihre Stars weltweit ein, beobachten die Märkte, sehen, was Erfolg hat und kaufen Lizenzen. "Sweety" ist ein England-Import, der "verrückte Frosch" kam aus Skandinavien gehoppelt und verbreitete sich zunächst im Internet: Bei SPIEGEL ONLINE tauchte die Brrrrmmm-Brrrmmm-Bestie bereits im Sommer 2004 als Download-Tipp auf.
Mittlerweile ist aus der Klingelton-Kakophonie so etwas wie eine kleine Musiklandschaft erwachsen. Ab April 2005 veröffentlicht die Industrie eigene Klingelton-Charts - und das hat durchaus seine Berechtigung: Längst verdient auch die Musikindustrie mit Klingeltönen mehr Geld, als mit dem Verkauf von CD-Singles.
Spill-Off eines Milliardenmarktes: 200 Millionen Euro Lizenzgebühren
Die Summen haben es in sich. "Als überaus wichtigen Impuls im Bereich Mobile Music", hieß es Anfang letzter Woche in bester Branchen-Lyrik in einer Pressemitteilung zur Einführung der Klingelton-Charts, "generierte allein der deutsche Klingeltonmarkt im Jahre 2004 geschätzte 200 Millionen Euro. Nach Daten des Marktforschungsunternehmens GfK wurden im letzten Jahr allein sechs Prozent der gesamten Einkünfte der deutschen Musikindustrie durch Klingelton-Verkäufe erzielt."
Grund genug für den Musiksender MTV2Pop, bereits im November 2004 die "Jamba Ringtone Charts" als Format des Musikfernsehens einzuführen. Jetzt werde also "zwischen der Werbung für Klingeltöne für Klingeltöne geworben", mokierte sich Stefan Niggemeier zu Recht in der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung".
Wie lange allerdings eine Marke wie "Jamba!" als cool und kultig überleben kann, wenn sie zunehmend zum "Hass-Unternehmen" wird (in vielen Foren an Platz 2, direkt nach der Bundesbahn und bereits vor den "Telekomikern"), ist ebenfalls fraglich. Dürfen Handy-Hasser darauf hoffen, dass auf die Kakophonie-Welle schon bald eine Mode der absoluten Stille folgt?
Sehr wahrscheinlich ist das nicht. Und doch: Ein Näschen für den Firmenverkauf zur absolut rechten Zeit haben die Samwer-Brüder, Gründer des Unternehmens Jamba!, ja schon früher bewiesen. Das Geld für ihr Klingelton-Imperium kassierten sie durch den Verkauf der ersten erfolgreichen deutschen Auktionsplattform "Alando" an eBay.
Noch aber bejubelt VersiSign den Jamba!-Einkauf: Zum letzten Quartalsergebnis von VersiSign trugen die Jamba!-Marken (international heißt der Dienstleister "Jamster") immerhin 94 Millionen Dollar bei.
Das half zwar, den bis vor kurzem Verluste machenden Konzern wieder in die Gewinnzone zu bringen, enttäuschte die Börsenanalysten aber trotzdem: Die hatten von Jamba! deutlich über 100 Millionen Dollar im Vierteljahr erwartet. Unerbittlich strafte die Börse die guten, in der letzten Woche veröffentlichten VersiSign-Zahlen mit einem satten Minus im Aktienkurs von VersiSign ab.
Weniger als dreistellige Dollarmillionenumsätze im Vierteljahr durch den Verkauf von Handy-Piepstönen? Schlecht ist das, enttäuschend. Wie Jamba! und Co. darauf reagieren werden, dürfte klar sein: Mit noch mehr und noch schrilleren Ringtone-Figuren.
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