Teheran, 8.4.2005 -
Zurück in Teheran ist mein erstes Interview mit Laleh Seddig. In Iran nennen sie sie den "kleinen Schumacher". Sie ist jung, bildhübsch, intelligent, selbstsicher, ein "natural leader" und überholt als die einzig professionelle weibliche Rennfahrerin Irans die schnellsten unter den Männern. Die klein und fein gebaute 28-Jährige betört die Zuschauer mit Geschwindigkeit und Schönheit zugleich. Wenn sie den Ring betritt jubeln Fans - vor allem die weiblichen - so enthusiastisch, dass die Veranstalter Laleh nun gebeten haben, sich nach dem Rennen nicht zu lange im Ring aufzuhalten.
Nahid Siamdoust
Laleh Seddig: Irans Schumi
Bis vor kurzem durften Frauen gar nicht im Saloon-Rennfahren teilnehmen. Aber der perfekten Selbstpromoterin nach hat man es ihr zu verdanken, dass nun auch Frauen in diesem beliebtesten Rennsport Irans antreten dürfen. Nachdem sie in einigen Ralleys teilnahm und viel Spaß hatte, konkurrierte sie zunächst im Go Cart Racing, wo, wie auch bei Ralleys wegen der geringeren Öffentlichkeitsinteresse und kleineren Zuschauerzahlen Frauen zugelassen waren. Dort schaffte sie als einzige Frau sogar den dritten Platz, trotz der schweren körperlichen Anstrengung.
Aber Lalehs Vater, dem sie ihr Selbstvertrauen und ihren Erfolg verdankt, hat sie gebeten mit dem Go Cart Racing aufzuhören. Sollte ihr etwas bei diesem gefährlichen Rennsport passieren, erzählte er ihr, würde er vor Kummer sterben. "Innerhalb von Sekunden habe ich beschlossen nie wieder im Go Cart Racing teilzunehmen", sagt sie.
Als nächstes versuchte sie dann die nötige Erlaubnis vom Rennsportverband zu bekommen, damit sie im Saloon-Rennfahren teilnehmen darf. Nach einigen Wochen hatte sie sie - wenn auch mit einigen Bedingungen. Dazu gehört, dass sie ein Pancho über ihr Overall anziehen muss wenn sie aufs Siegertreppchen steigt, und dass sie sich dezent verhält, da sie als einzige Frau sonst für zu viel Aufregung sorgen könnte.
Beim letzten Rennen vor etwa zwei Monaten überholte sie sogar ihren Trainer Said Arabian, bekannt als Irans bester Fahrer, und schaffte den ersten Platz. Champagner gab's nicht, aber jede Menge Jubel und
Medienaufmerksamkeit.
Diese Frau voller Entschlossenheit ist nicht nur Rennfahrerin. Sie managet einen Teil der Firma ihres Vaters, die Autoteile herstellt, macht
gerade ihren Ph.D. in Production Management, und lehrt Fach-Englisch an
der Universität.
Wie entwickelte sich ihre Leidenschaft zum Fahren? Als sie dreizehn war, fragte sie ihren Vater ob sie den 1970er Buick der Familie im Hof fahren dürfe. Ihr Vater setzte sich neben sie und so hatte sie ihre erste Fahrerfahrung. "Da wusste ich, dass Autos für immer meine Leidenschaft sein würden", sagt Laleh, die in etwa zwei Monaten möglicherweise im Formula-3-Training in Dubai teilnimmt.
Teheran, 3.4.2005 -
Am 13. Tag des neuen Jahres gehen Iraner aus dem Haus und machen sich einen schönen Tag. Der Tag wird "Sizdah-Bedar" genannt, was soviel heißt wie "den dreizehnten loswerden". Die Nummer dreizehn bringt wie auch in vielen anderen Kulturen Pech, also versucht man, sie loszuwerden indem man den Tag draußen mit viel Spaß verbringt, beim Grillen, Schwimmen, Spielen. Iraner sind sowieso gerne draußen. Wenn das Wetter ein bisschen wärmer wird sind Parkwiesen bis in frühen Morgenstunden besetzt von Familien, die auf Decken faulenzen und einfach gerne unter anderen sind. Um nicht Pech zu haben im neuen Jahr, müssen alle am dreizehnten aus dem Haus, und zwar wirklich alle... auch die sehr alten und schwerkranken werden von ihren Familien ausgeführt.
Nahid Siamdoust
Mehdi Vaziri in seiner Persischen Patisserie in Westwood
Wir haben beschlossen unseren "Sizdah-Bedar" in Los Angeles zu verbringen, wo die meisten Exil-Iraner Amerikas leben - das erklärt auch, weshalb Los Angeles oft Tehrangeles genannt wird. Traditionell nimmt man das Grün für den Neujahrstisch mit sich raus, um es mit anderen Wiesen zu einigen. Fährt man mobilisiert, stellt man den Blumentopf für die Fahrt aufs Auto. Wer noch nicht verheiratet ist, kann einen Riesenknoten ins Gras machen - das soll im neuen Jahr Glück bringen, auf dass man sich mit jemandem fürs Leben "verknote".
Houshang Ahmadi
Sizdah-Bedar-Grün auf dem Auto
In der Nähe vom Stadteil Westwood konnten wir sogar Persische Eiscreme essen, eine herrliche Mischung aus Milch, Sahne, Saffron und Pistazien. Was die Form der Eiscreme angeht hatte der Laden, der nach dem berühmtesten Eiscreme-Laden "Akbar Mashti" im Iran genannt wird, ein Riesenanleitungsschild an der Wand. In Westwood gab es alle möglichen iranischen Läden. Im Buchladen gab es Kalender vom gestürzten Schah zu kaufen. Viele Exil-Iraner in L.A. hätten es sehr gerne, wenn der Sohn des Schahs, Reza Pahlavi, die Macht an sich reißen würde. Sie verbringen ihre Zeit in nostalgischen Gesprächen und stecken viel Mühe in ihre Fernsehshows die sie per Satellit in Iran senden, in denen sie die Monarchie glorifizieren und den Rückkehr der Pahlavis durch lange Reden, kurzer Sinn, herbeizuzaubern denken.
Jahanshah Javid
Iraner feiern Sizdah-Bedar an der Westküste Amerikas
In der Patisserie dann ein Iraner, der uns erzählt, er hätte es nicht länger als drei Monate in Deutschland ausgehalten. Der nun 65-jährige Mehdi Vaziri hatte ein Schlüsselerlebnis mit seinem Sohn an einer Bushaltestelle einige Wochen, nachdem sie nach Deutschland ausgewandert waren. "Es kam eine Dame, und obwohl wir noch kein Deutsch sprachen, haben wir verstanden, dass sie sehr wütend war, dass wir die Sitzbank besetzt hatten. Sie schimpfte und nannte uns Ausländer, und uns blieb nichts anderes übrig als ihr den Sitz anzubieten und zur nächsten Haltestelle zu laufen. Wir waren zu erniedrigt, um an derselben Haltestelle zu warten." Mehdi und seine Familie wanderten kurz danach nach Amerika aus. Einer seiner Söhne wurde Kieferorthopäde und praktiziert nun in Iran, wo er verheiratet ist. Mehdi selbst ist glücklich in Amerika. Hier hat er sich nie als Ausländer gefühlt.
Nahid Siamdoust
Monarchie-Kalender im iranischen Buchladen in Westwood
Morgen fliege ich zurück, dann gibt es wieder Einträge aus dem Iran. Freue ich mich auf Teheran? Ganz ehrlich? Diesmal merkwürdiger Weise nicht wirklich. Der Verkehr und die Abgase, die bald zu erwartende Sommerhitze - ich wäre lieber irgendwo wo ich zu Open-Air- Konzerten und Filmnächten gehen könnte, in schönen Straßencafés einen Cappuccino schlürfen könnte, ohne einen Kopftuchknoten an der Kehle zu spüren - aber dann wiederum ist Teheran spannend weil eben nicht alles schön und einfach ist, weil jeder Tag eine Herausforderung ist, weil das Leben auch dem Anschein nach keine perfekt zusammengesetzte Legokonstellation mit perfekten Menschen ist.
Teheran, 27.03.2005 - Es ist Ostersonntag, und hier in der Hotel-Lobby spielen ein Bass, ein Piano und ein Schlagzeug Jazz. Menschen aus allen Nationen loungen, machen Fotos von sich und dem Riesenglobus im Zentrum des Saals, und schlürfen Sekt. Nein, ich bin nicht in Teheran. Wie viele Iraner, bin auch ich für die Neujahresferien verreist, und zwar in die glorreiche Hippie-Stadt San Francisco.
Als Mac-Freak bin ich als erstes gleich zum Apple-Laden und habe die neuesten Erscheinungen gecheckt, sowie die neuen mini iPod Farben. Dann schlenderte ich durch die Straßen, an meinem Lieblings-Ben&Jerry's-Eiscreme-Geschmack schleckend, auf der Suche nach einem US-typischen Foto für mein Weblog, und da kam es, wie von Gott gesandt, direkt vor meine Augen gepflanzt: ein Mann mit einem "Jesus Christ Loves You"-Schild, alleine, mitten auf dem Gehsteig. Ich fragte ihn, weshalb denn Jesus mich liebt, und er sagte er könne mir die Frage nicht beantworten, aber er wolle die Botschaft verbreiten.
Nahid Siamdoust
In den Straßen von San Francisco: "Jesus loves you"
Kalifornien ist nicht gerade Jesus-Land wie der mittlere Westen Amerikas. Aber in anderen Hinsichten unterscheidet sich auch diese einstige Hippie-Metropole nicht von den anderen Städten Amerikas - was den Kapitalismus angeht, zum Beispiel. So sehr das Anti-Hippie und Anti-Anti-Besitz ist (Remember John Lennon: "Imagine No Possessions ... I wonder if you can ..."). Nein, die Amerikaner können sich ein Leben ohne Besitz und Eigentum nicht vorstellen, so wie die meisten Menschen in der Welt. Aber so konsumorientiert sind die Iraner, zum Beispiel, einfach nicht - jedenfalls nicht die Iraner im Iran.
Weder fördern die Kultur und die Wirtschaft Konsum, noch können es sich die meisten Menschen leisten so viel zu konsumieren, noch gibt es so viele unendliche Varianten jeder Ware. Tja, in Amerika sind auch nicht alle reich, also warum können hier alle viel mehr konsumieren? Tataaaaaaa...
Kreditkarten!!! Ich kaufte in einem Laden einige Klamotten, und die Kassiererin fragte mich, ob ich eine Karte von dem Laden will, wodurch ich auch gleich zehn Prozent Rabatt bekommen würde. Sicher, sagte ich. Ich habe ja vor dem Iran sechs Jahre in New York gelebt und wusste immer automatisch auf diese Frage "nein" zu antworten, denn diese Karte ist eine Kreditkarte. Aber nach fast drei Jahren Iran habe ich wohl einiges vergessen, und ich dachte die Frau bietet mir eine Rabatt-Karte an, eine von diesen Karten die man bei Karstadt, Esprit, Görtz etc ... in Deutschland bekommt.
Nahid Siamdoust
Aseri-Konzert in Santa Clara: Die meisten Exil-Iraner in den USA leben in Kalifornien
Bevor ich es wusste hatte ich eine neue Kreditkarte. Das ganze dauerte höchstens drei Minuten und die Karte soll innerhalb einer Woche zu meiner P.O.Box in Amerika geschickt werden. Klasse!
Die meisten Exil-Iraner in den Staaten leben in Kalifornien, also gibt es jede Menge Veranstaltungen und dergleichen hier. Gestern Abend sind wir zu einem Aseri-Konzert in Santa Clara gegangen. Mehr als ein Drittel der Iraner sind Aseri, also ihre ethnische Muttersprache ist Aseri-Türkisch, anders als Türkei-Türkisch.
Der etwa 500-Sitze-Saal war gefüllt mit Iranern und Aserbeidschanern, die jede Gelegenheit ergriffen zu den Vorstellungen klassischer Azeri Musik und Tanz zu klatschen. Später am Abend dann irgendwo in Orange County, Los Angeles, eine Verlobungsfeier eines Freundes aus dem Iran, die ich leider verpassen musste.
Und was habe ich davon, viele Iraner aus dem Freundes- und Bekannteskreis in Kalifornien zu treffen? Ich muss mir immer wieder anhören, dass ich verrückt bin und meine Zeit im Iran verschwende. Wäre ich in Amerika geblieben, wäre ich in allen Hinsichten voran, Karriere, Finanzen, Privatleben. Vielleicht ... aber mein eigenes Land kennenzulernen, und zwar richtig und nicht nur paar Monate lang, ist "priceless", unbezahlbar, wie auch die MasterCard Kreditkarten-Werbung mir zustimmen würde.
Teheran, 20.03.2005 - Heute genau um 16 Uhr, 3 Minuten und 43 Sekunden Iran-Zeit saßen Iraner in
der ganzen Welt mit ihren Familien um den Neujahrestisch, der gedeckt ist
mit den traditionellen sieben Segenbringern, die alle im Persischen mit
dem Buchstaben S anfangen. Der Apfel (im Persischen Sib genannt)
symbolisiert Gesundheit, Knoblauch steht für Langlebigkeit, Münzen für
finanziellen Erfolg, Samanu - eine süße Soße aus Getreide - steht für
Wohlbefinden, Essig für Würze und die Hyazinthen symbolisieren den
Frühling und Neuanfang. Es gibt noch andere S-Objekte, die auf dem
Nowrooz-Tisch zu finden sind, so wie Früchte des Jujube-Baums oder das
Gewürz Summaq.
Traditionell steht auf dem Tisch auch ein Spiegel, der allen Segen
verdoppelt. Daneben liegen der Koran oder die Sammlung des Persischen
Dichters Hafez, handgemalte Eier, Vasen, aus denen grüne Kresse quillt,
und stets Goldfische, die fürs Leben stehen. Die Goldfische werden am 13.
Tag des neuen Jahres in größere Gewässer freigelassen. Und das Grün wird
auf Wiesen gelegt.
Der Nowrooz ist eine Jahrtausende alte Tradition, die im Iran auch
Jahrhunderte nach der Islamischen Invasion immer noch als das wichtigste
Fest gilt. Zurecht: Denn unser Neujahr ist der natürliche Jahresbeginn,
unser Neujahr wird dann gefeiert, wenn die Natur ihren Zyklus von vorn
beginnt, wenn der Tag länger wird als die Nacht, die Sonne die Erde
streichelt, Bäume und Blumen anfangen zu blühen und Mischmischoo, meine
Perserkatze, sich wieder paaren will.
Nahid Siamdoust
Neujahrstisch: Segensreiche Gaben
Bevor die Stunde geschlagen hat und der Frühling offiziell beginnt, sitzen
wir alle um den Tisch und beten. Ist es dann soweit, gratulieren wir
einander, die Älteren geben den Jüngeren "Eidis" - also Geschenke - und
alle aßen etwas vom den Leckereien auf dem Tisch, ein Stück Apfel,
Süßigkeiten, eine Jujube-Baum-Frucht.
Anschließend verfällt Teheran in eine Art Pause. Zwei Wochen lang ist die
Millionenstadt überraschend leer und frei vom Verkehr... zum Neujahr darf
auch die Hauptstadt ein bisschen atmen: frische Luft anstatt der üblichen
Abgase. Die meisten Iraner verreisen zum Neujahr, ob zu ihren
Ferienhäusern am Kaspischen Meer, zu Verwandten in anderen Städten, oder
gar nach Europa oder Amerika, wo fast jeder Iraner Verwandtschaft hat.
Jetzt ist Teheran wundervoll ruhig. Fast schon beunruhigend ruhig. Ich
bete, dass die Stadt auch in diesem Jahr von dem prophezeiten
Riesenerdbeben, das Millionen Tote in der Hauptstadt fordern soll,
verschont bleibt.
Teheran, 19.03.2005 - Am Dienstag abend gab es in den Straßen Teherans Open-Air-Partys. Es war der letzte Dienstag des Persischen Kalenders, und seit Jahrtausenden wird in Iran das Zarathustrische Feuerfest gefeiert. Überall waren die Leute in den Straßen versammelt, wo sie zum Teil sehr große Lagerfeuer anzündeten um dann darüber zu springen und zu rufen: "Gib mir Deine schöne Röte, und nimm meine kränkliche Blässe."
Der persische Sonnenkalender beginnt mit dem ersten Frühlingstag, und am Abend des letzten Dienstags, der "Tschaharshanbeh Souri" genannt wird, reinigt man sich von allem Negativen und tankt vorm Feuer Energie. Das neue Jahr soll ganz neu anfangen, frei von allem Bösen des letzten Jahres.
In vielen Straßen Teherans bleibt es nicht einfach beim Feuer, es wird regelrecht Karneval gefeiert. Autos mit fetten Anlagen dienen als Musik-Boxen, und oft kommt es neben dem Böllern, dem Feuerwerk, dem Flirten und Feuer springen auch zu Straßenpartys bei denen Jugendliche tanzen - Männer und Frauen. Einer der Beteiligten sagte mir, "in Iran haben wir ja keine Diskos. Das hier ist unsere Diskothek."
Und keine Diskothek könnte die Freude und Spontanität dieser Straßenfeste übertreffen. In einem Stadtteil wurde eine offene Garage in eine Disko verwandelt, samt improvisierter Autoanlage und Stroboskoplichter, und es wurde bis in späten Stunden getanzt. In einem anderen Stadtteil hauchten Feuerspieler Feuer aus wie Drachen, während Zuschauer rhythmisch mit der Musik zuklatschten. Sogar die staatliche Presseagenture Irna berichtete, daß "Hunderte von jungen Leuten in den Straßen feierten und tanzten."
Die Polizisten schauten zu und waren guter Laune. Nur in einigen wenigen Stadtteilen blieben paramilitäre Basijis ihrem Image treu, und zogen die Spaßbremse. Irna berichtete, dass es hier und da zu Auseinandersetzungen gekommen sei und Tränengas eingesetzt worden sei.
Aber die Feierstimmung war nicht zu stoppen. Die islamische Regierung hat zwar nicht gerade die angenehmste Beziehung zu Irans vor-islamischen Traditionen, die sie als heidnisch verwirft, aber gegen die uralten Sitten kann auch sie nichts unternehmen, denn für Iraner ist die persische Kultur genauso wichtig wie die Islamische.
Teheran, 15.03.2005 -
In wenigen Monaten stehen hier Präsidentschaftswahlen an. Der
weltfreundliche und charismatische Präsident Chatami, der zum Gesicht
der Reformen wurde, wird nach acht bittersüßen Jahren die Führung der
oft etwas machtlosen Regierung abgeben.
Heute Morgen fand die Pressekonferenz des Reformistenkandidaten Mostafa Moin statt. Er war Minister für Wissenschaft, Fortschritt und
Informationstechnologie in Chatamis erster Amtsperiode, resignierte
Jedoch, als im Sommer 1999 regimetreue Basijis Studenten-WGs stürmten,
die Studenten schlimm zusammenschlugen, einen Studenten töteten,
Vandalismus betrieben und die Zimmer in Brand setzten...und Chatamis
Regierung nicht die Macht besaß, die Gewalttäter zur Verantwortung zu
ziehen. Chatami riet den Studenten, mit den Demonstrationen aufzuhören.
Das wurde als die erste Machtschwäche Chatamis angesehen. Die Studenten
hatten gegen die Schließung von Irans erster post-revolutionären
Reformzeitung namens "Salam" protestiert.
Mostafa Moin während der Pressekonferenz
Auf der Bühne neben dem Kandidaten Moin hing ein Plakat mit der
Aufschrift "Iran für alle Iraner". Genau diesen Spruch zu
verwirklichen, daran seien die Reformisten gescheitert, würden viele
heute argumentieren. Die Studenten, die die progressivste
Demokratengruppe im Land darstellen, kritisieren, dass auch Chatamis
Regierung zu sehr daran gebunden war, an den bestehenden Machtstrukturen
nicht zu kräftig zu rütteln. Die Reformisten seien einen Pakt mit dem
Teufel eingegangen, der sie zwar symbolisch an der Macht hielt, ihnen
aber jede Kraft nahm grundlegende Änderungen herbeizubringen. Wiederum
andere würden argumentieren, man solle die Errungenschaften der
Regierung Chatamis nicht vergessen und unterschätzen. Im Land existiere
viel mehr politische und persönliche Freiheit als vor Chatami. Klar
ist, dass die Reformisten es nicht geschafft haben, einen Iran für alle
Iraner zu schaffen - und trotzdem werben sie wieder mit dem gleichen
Slogan.
Die Reformisten können sich nicht zu viel Hoffnung für die
Präsidentschaftswahlen machen. Nach Moins Pressekonferenz sprach ich
mit einem Journalisten-Kollegen, der mich fragte warum ich nicht bei
einer anderen Tagung war. Als ich ihm erzählte, wo ich war, erwiderte er,
"Die Reformer sind doch tot. Die haben doch keine Chance. Was gehst Du
da noch hin?"
Chatami hatte die volle Unterstützung der Bevölkerung, wurde 1997
mit 70 Prozent und 2001 mit 77 Prozent der Stimmen gewählt, und trotzdem
war er machtlos, als Studenten zusammengeschlagen wurden, als sämtliche
Zeitungen geschlossen und viele Journalisten eingesperrt wurden, als
mehrere Intellektuelle systematisch getötet wurden und als fast alle
Reformisten disqualifiziert wurden und bei den
Parlamentswahlen 2004 nicht kandidieren durften.
Da wundert es nicht, dass die Iraner diesmal einen Präsidenten wollen,
der auch tatsächlich in den Machtstrukturen sein Wort durchsetzen kann.
Die Chancen sind gering, dass Iraner noch mal einen Reformer wählen, und
zwar einen der viel weniger Charisma und Hoffnung ausstrahlt als
Chatami damals.
Eine neue Umfrage zeigt, dass 43 Prozent der Iraner ihre Stimme an den vorigen
Präsidenten Ali Akbar Hashemi Rafsandschani abgeben würden, sollte er
seine Kandidatur bestätigen. Der Befragung zufolge würden nur 15 Prozent der
Stimmen an Moin gehen. Rafsandschani steht im Zentrum der Macht, und seine
vorige Amtsperiode hat gezeigt, dass die Wirtschaft und gute Beziehungen
mit dem Westen, auch mit den USA, ihm wichtig sind. Sollte Rafsandschani
sich als Kandidat aufstellen lassen, wird er wohl der Favorit einer sehr
jungen und politisch desillusionierten Bevölkerung sein, der erstmal
die Wirtschaft und Job-Chancen wichtiger sind. Erwartungen, dass es zu einer echten
Demokratie und politischer Freiheit kommt, stehen in den kommenden
Wahlen nicht an erster Stelle.
Teheran, 7.03.2005 - Eine Freundin und ich haben letztens das Atelier des Künstlers
Khosrow Hassanzadeh besucht, der mittlerweile in der internationalen
Avantgarde-Kunstszene gut bekannt ist. Im Gegensatz zu vielen anderen
international bekannten iranischen Künstlern lebt Khosrow im Süden der
Stadt, in der Lalehzar Straße, die zu Zeiten des Schahs so etwas wie
die Reeperbahn Teherans war. Heute besiedeln vorwiegend Elektriker die
Straße und es gucken nur noch wenige Kinos und Cafés aus der Reihe.
Sobald wir in Khosrows Wohnung reinkommen, erblindet uns ein großes
Stück unbeflecktes weißes Papier. Er sagt, er kann die Verantwortung des
Künstlerseins nicht mehr ertragen. Er träumt davon, wieder der
Obsthändler zu sein, den er mal war. Khosrow kommt aus sehr
bescheidenen Verhältnissen. Aber er hat es eher ungeplant und
unbeabsichtigt in die internationale Kunstszene geschafft. Es fing
damit an, sagt er, dass er nach seinem Militärdienst im Iran-Irak-Krieg
nach Hause kam und im Obstladen anfing, große braune Papierstücke mit
schwarzen Leichensäcken zu bemalen.
Nahid Siamdoust
Khosrow vor Siebdruckproträts seiner Mutter und seiner
Schwester
Seine neueste Arbeit besteht aus riesigen Siebdruck-Porträts von sich,
seiner Mutter, seiner Schwester und seinem Bruders. Neben allen steht
ein Plakat, goldene Buchstaben auf weißem Papier. Auf dem Plakat seiner
Mutter steht erst auf Persisch dann auf Englisch:
"TERRORIST"
Nadjibeh Barazandeh
Nationality: Iranian
Religion: Muslim
Age: 84
Profession: Housewife
Descriptive Traits: Unusually Tall For Middle Eastern Woman
Personal History:
Widowhood At 50 Years of Age
Succeeded In Raising Her Six Children Alone And Under Difficult
Circumstances Thanks To Her Deep Religious Beliefs. Lives In Tehran.
Meine Freundin, die in einer NGO für Frauenrechte aktiv ist, und ich
bleiben bis zum späten Abend bei Khosrow und diskutieren über alles vom
Feminismus bis zur Rolle der verwöhnten Angestellten in internationalen Organisationen,
die ein Königsleben in armen Ländern führen, wo sie den Hungrigen helfen
sollen, und von Träumen. Ab welchem Zeitpunkt hört der Mensch auf zu
träumen?
Vor allem sprechen wir aber über das Verhältnis Ost-West. Wir reden
viel über den Orientalismus. Edward Saids These ist vielleicht heute
wichtiger denn je zuvor. Ich erzähle Khosrow von meinem Blog hier und
dass mein Hauptziel bessere Verständigung zwischen zwei mir heimischen
Kulturen ist. Er ist interessiert, aber nicht begeistert. Khosrow hat
es satt, sich immer Menschen im Westen erklären zu müssen, als Iraner,
als Muslime. Er hat keine Lust mehr immer auf der Defensive zu sein.
Sein Traum ist es, eine Bewegung zu starten, die die Menschen im
Osten/Süden ermächtigt, sich nicht immer in Bezug auf den Westen zu
sehen und zu bewerten, sondern frei und unabhängig davon.
Teheran, 27.02.2005 - Das Beste an Teheran sind vielleicht die Berge im Norden. Viele Teheraner gehen regelmäßig zu den Alborswänden, um ihre Dosis Sauerstoff einzuatmen, wovon es in der Hauptstadt viel zu wenig gibt. Außer Sauerstoff gibt es über den Wolken zwar keine grenzenlose Freiheit, aber schon mehr als woanders. Zum einen herrscht in den Bergen keine besonders strenge Kleiderordnung, und zum anderen können hier Jungs und Mädels Kontakt aufnehmen. Harmlos. Es werden allerhöchstens Blicke, ein paar Worte, und Telefonnummern ausgetauscht.
Telefonieren in den Alborswänden: Mehr Freiheit als woanders
Telefonflirts und -spiele sind weitverbreitet in Teheran. Als ich mich vor weniger als drei Jahren entschlossen habe, in den Iran zu ziehen, habe ich bei der Teheran Universität angerufen, um mich über ihre Kurse zu informieren. Wie oft hier, haben auch bei meiner ersten Kontaktaufnahme in den Iran die Telefonleitungen eigenwillig geschaltet und mich falsch verbunden. Während ich versuchte, mich über Kurse zu informieren, nannte mich die heitere männliche Stimme am anderen Ende "Liebling" und erzählte, dass er mir jedes Abschlussdokument höchst persönlich erteilen würde.
Ich hatte ja keine Ahnung, aber mir kam das ganze suspekt vor. Ich dachte, ich kommuniziere oder verstehe nicht richtig (mein Persisch war damals nicht so gut), und reichte das Telefon an meine Mutter weiter. Sie begriff die Situation sofort, und beschimpfte den Schurken, er solle sich doch eine bessere Beschäftigung suchen. Jahre später muss ich mich immer noch über den Gedanken totlachen, dass ich bei meinem ersten Anruf in den Iran an einen Typen geraten bin, der mich für irgendein Mädel hielt, dem er wohl kürzlich seine Telefonnummer ausgeteilt hatte.
Teheran, 26.02.2005 - Im Iran wird wohl relativ viel gepokert... Ich meine, was heißt viel,
aber in bestimmten Kreisen höre ich oft davon. Am Freitag abend durfte
ich bei einem Bekannten zusehen. Pokern ist eine Männer-Sache hier. Die
Damen spielen auch sehr gerne, aber andere Kartenspiele.
Dieser Kreis trifft sich jeden Freitag und spielt Texas Hold'em, was in
der ganzen Welt gerade sehr beliebt ist, so sagt man mir.
Mit bedingten Unterhaltungsmöglichkeiten draußen, freuen sich diese Männer sich
einmal die Woche zu treffen und mit ihren Kumpels Dampf abzulassen. Es
wird von 18 Uhr bis Mitternacht gespielt. Dieser Kreis, wie viele
andere wohl auch, besteht aus Iranern die ein Bein im Ausland haben,
sehr vermögend sind, und die Art Vermögen besitzen, das von Ihnen nicht
viel Arbeit abverlangt. Also, Grundstücksbesitz, Aktien, und
Partnerschaften in hochprofitablen Firmen. Und genau über die Themen
sprechen die jungen Herren auch während sie spielen.
Ein paar sexistische Sprüche werden auch abgelassen, wie fast in jedem Kreis in
der Welt, wo sich nur Männer befinden.
Punkt Mitternacht ruft auch eine Ehefrau am Handy an um sicher zu
gehen, daß der Ehemann aufhört und nach Hause geht. Im Islam ist es
verboten, ums Geld zu spielen. Aber Kartenspiele haben im Iran eine
lange Tradition, und es ist bekannt, daß Iraner in der ganzen Welt
gern- und oftgesehene Kasinobesucher sind. Doch mit der Islamischen
Revolution wurden hier alle Spielcafes und Kasinos geschlossen.
Teheran, 24.02.2005 - Am Sonntag war Aschura, der Tag an dem der geliebte Imam Hussein der
Schiiten vom Yazid des Umayyad Kalifat geköpft wurde. "Sie müssen sich
das so vorstellen", erklärt mir mein Taxi-Fahrer, "die Bewohner von der
Stadt Kufa, im heutigen Irak, haben Imam Hussein eine E-Mail geschickt,
klagten über die furchtbar fehlgeleitete Herrschaft Yazids in
Arabischen Ländern, die Menschenrechtsverletzungen, Sklaverei,
Unterdrückung und Tyrannei, und das alles im Namen des Islam. Sie
flehten ihn an, sie zu retten."
Nahid Siamdoust
Schlachtfest in Teheran: Bei wichtigen religiösen Anlässen werden Schafe geopfert
Der Fahrer muss sich kurz auf die Straße konzentrieren. Am Straßenrand liegen Dutzende geköpfte Schafe
auf einem Haufen, ein weiteres klemmt zwischen den Beinen
eines jungen Mannes. Es ist
Sitte bei wichtigen religiösen Anlässen, Schafe zu opfern. Das Fleisch
kommt außer Verwandten und Freunden den Armen zugute, die vielleicht
sich sonst nie oder selten Fleisch leisten könnten.
Imam Hussein, der Enkelsohn des Propheten, sah es als seine Pflicht an, den
korrupten Yazid zu konfrontieren. Aber als er und seine Gruppe in
Karbala nahe Kufa ankamen, wurden sie von einer Armee von Tausenden
empfangen. Yazid zwang Imam Hussein sich seiner Herrschaft zu
unterwerfen, oder Krieg zu führen. Die Gefährten des Imams waren nicht
nur Männer, sondern auch Frauen und Kinder. In der Nacht sagte ihnen
Imam Hussein: "Tod und Märtyrertum sind nahe. Die wollen nur mein
Blut. Wenn sie mich töten, seid ihr gerettet. Bitte nutzt die
Dunkelheit der Nacht und flieht." Einige sind geflohen, doch 72 Männer,
Frauen und Kinder blieben bei Imam Hussein.
Imam Hussein konnte nicht mit einem Führer, den er und viele andere als
den Zerstörer des Islam ansahen, Kompromisse schließen. Am nächsten Tag
wurden er und die meisten seiner Anhänger getötet. Das war im Jahr 680. Bis
heute verkörpert das Märtyrertum des Imam Hussein, auch "Herr der
Märtyrer" genannt, den Kampf für Gerechtigkeit und den Widerstand gegen
Unterdrückung und Korruption.
Zehn Tage lang erleben die Iraner die Geschichte der Schlacht in
Karbala als würde sie tatsächlich in einem zeitverschobenen Universum
passieren. Jeder Tag bis zum Höhepunkt am zehnten prägt seine eigene
Signifikanz. Die verschiedenen Nachbarschaftsvereine führen ihre
Prozessionen vor, machen und verteilen Tausende Portionen Essen an die
Nachbarschaft und organisieren Trauersitzungen.
Nahid Siamdoust
Mann mit Kettenzopf: Marsch zu Ehren von Imam Hussein
Mit großen Trommeln und Zimbeln marschieren junge, kräftige Männer in
rhythmischen Schritten, allesamt in schwarz, heben Kettenzöpfe in die
Luft um sie dann auf ihre Schulterblätter fallen zu lassen. Sie tragen
riesige Metallkonstrukte, Alam, die zum Teil über 200 Kilogramm wiegen, alleine
auf den Schultern. "Es ist unangemessen, nach dem Gewicht des Alams zu
fragen", antwortet mir der 33-jährige Ali Bakhtiari. Schweiß fließt
seine Stirn herunter und die Ader schwellen auf seinen Bizeps hervor,
während er eine Pause einlegt. "Imam Hussein hat das Gewicht der Welt
auf seinen Schultern getragen, für Gerechtigkeit. Auch wenn der Alam
500 Kilogramm wiegen würde, Imam Hussein hilft dem Gläubigen, ihn zu tragen."
Jedes Jahr verlässt der Schneider seinen Job für zehn Tage um sich ganz
den Moharram Aktivitäten seines Vereins zu widmen, "aus Liebe zu
Hussein".
Das überwiegend zoroastrische Persien war nicht immer verrückt nach
Hussein. Erst vor 500 Jahren nahm der Gründer der Saffavid-Dynastie den
schiitischen Glauben an, um eine verstreute Nation zu vereinen und sie
gegen die Aggressionen der Osmanen zu mobilisieren.
Heute ist das Ausmaß dieses Tages kaum zu erfassen. Als einziges Land
mit über 90 Prozent Schiiten nehmen fast alle irgendwie an dieser Trauerfeier
teil.
Die 14-jährige Fariba steht hinter einem übergroßen Samowar und schenkt
den Passanten Tee ein. Der Imam-Hussein-Tee wird sowohl ihr als auch
denen, die ihn trinken, Segen bringen. Daran glauben die Iraner fest.
So stehen auch oft wohlhabende Frauen mit Chanel-Sonnenbrillen und
Gucci-Handtaschen in langen Schlangen oder chaotischen Gedrängel, nur
um eine Portion Imam-Hussein-Essen zu bekommen.
"Er war ein richtiger Mann", sagt Fariba, "er hat sein Leben für seinen
Glauben geopfert. Die Männer von heute sind dagegen Waschlappen." Dann
guckt sie rüber zu einem Mann mit einem strengen Bart und senkt die
Stimme. "Vor allem hat Imam Hussein den richtigen Islam gelehrt. Die
hier denken, man ist nicht Muslim, wenn man Musik hört oder die Haare
raushängen." Sie macht die Augen weit auf, hebt die Augenbrauen, und
gibt mir einen "als ob"-Blick.
Nahid Siamdoust
Prozession mit Alam: Die Metallgestelle können bis zu 200 Kilogramm schwer sein
In dieser konservativen Nachbarschaft im Süden Teherans haben viele
Familien ihre Häuser in Trauerzentren konvertiert. In einem Haus
schwitzen die Männer in der Küche und bereiten Essen für 2000 Leute
vor. Im Nebenzimmer, umrandet von schwarzen Vorhängen, sitzen Frauen und
klopfen mit der Hand leicht gegen die Brust. Die Tochter des
Hausbesitzers, Mohadesse Javadi, sagt das Leben von Imam Hussein ist
sehr wichtig für heute. "Alle Tage sind Aschura, und alle Länder
sind Karbala", sagt die 21-jährige Theologie-Studentin. "Wir müssen uns
dem Unterdrücker immer widersetzen, ob es Yazid ist oder die
Vereinigten Staaten. Amerika ist der de facto Yazid unserer Zeit,
vergewaltigt Grenzen und stört die Sicherheit der Menschen."
Weiter im wohlhabenden Norden der Stadt, am Mohseni Platz, treffen sich
junge Mädels und Jungs in den neuesten Outfits und Haarfrisuren für
"Liebe und Spaß", wie einer von ihnen sagt, und "um zu sehen und
gesehen zu werden", wie es eine andere ausdrückt. Dieser Platz hat
schon in der Vergangenheit für Auseinandersetzungen gesorgt. Auch
dieses Jahr müssen die Jugendlichen am Abend vom Platz gescheucht
werden. Während die meisten Iraner trauern, befinden sich diese
Nord-Teheraner Jugendlichen auf einer "Hussein-Party," ihrer eigenen
Bezeichnung nach.
Nahid Siamdoust
Ein Junge mit Alam: "Imam Hussein hilft dem Gläubigen, ihn zu tragen"
"Islam hat die Bedeutung für viele verloren, nur so kann man die
Erscheinung dieser Hohlköpfe da drüben erklären", schimpft die 25-jährige
Architektin Sara, die sich zwar auch auf dem Platz befindet, aber vor
der Bühne an der Seite, wo Imam Husseins Leben von einem
Geschichtenerzähler dramatisch vorgeführt wird. "Wenigstens heute, aus
Respekt zum Imam Hussein, hätten sie zuhause bleiben können."
"Ich respektiere Imam Hussein", protestiert der 19-jährige Atila,
dessen stylish gegelten Haare die grünen Dekorationslichter auf den
Bäumen reflektieren. "Ich trinke keinen Alkohol in diesem Monat", sagt
er und pafft lässig an seiner Zigarette, "aber wie viele Nächte, meinen
Sie, haben wir um raus zu gehen, draußen Freunde zu treffen? Sehr wenige.
Drei allerhöchstens. Außer Iran gewinnt in einem wichtigen
Fußballspiel wie gegen Japan nächsten Monat, dann vier." Sein Freund
Abuzar, 19, springt ein, "Keiner sagt, der Islam ist schlecht, aber wo
sollen wir hingehen?"
"Alle Jugendlichen, die Sie heute hier sehen", sagt der 28-jährige
Architekt Kamyar Tezval, "haben als Kinder ihre
Zeichentrickfilmprogramme durch den Ruf zum Gebet und Koran-Vorlesungen
unterbrechen müssen." Tezval und seine Frau sehen sich auch die Passion
an. Sie hat Tränen in den Augen. "Der Koran ist wundervoll. Jeder der
ihn liest, liebt ihn", sagt er. "Aber wenn einem die ganze Zeit der
Koran auf den Kopf gehauen wird, dann kann es sein, dass man eine
Abneigung entwickelt."
Nahid Siamdoust
Imam-Hussein-Tee aus dem Samowar: Hoffen auf den Segen
Spät am Abend kommt es wieder zu Auseinandersetzungen. Paramilitärische
regimeloyale Extremisten, Basijis genannt, jagen die Jugendlichen mit
ihren Baseballschlägern vom Platz. "Wir kennen einander alle", sagt der
20-jährige Informatikstudent Arasch, während er mit seinem Freund vom
Platz weggeht, sein Schal im Winterwind flatternd. Sein Vater ruft auf
seinem Handy an, um sich seiner Sicherheit zu vergewissern. "Wir sind
alle die Nord-Teheran Kids. Die Basijis wissen, dass sie uns mit ein
paar Baseballschlägen wegjagen können. Mit den Kids im Süden der Stadt
können sie das nicht machen. Die würden zurückschlagen. Wir laufen
einfach weg", sagt er und zuckt mit den Achseln.
Auf dem Weg nach Hause halten die zwei Freunde an einem Stand an, um
Kerzen anzuzünden. Am Aschura-Abend leuchten die Iraner Kerzen für Imam
Hussein, damit es im Jenseits nicht zu dunkel wird und er sich nicht
einsam fühlt. Während die entschlossenen Augen des schönen Imam
Hussein, gekleidet in tiefgrünen Gewänder, von der Wand auf sie
blicken, leuchten die Kerzen von Arasch und seinem und beide wünschen sich
etwas. "Ich kann Ihnen nicht sagen, was ich mir gewünscht habe, dann geht
es ja nicht in Erfüllung", rechtfertigt sich Arasch. "Dass Iran gegen Japan im
Fußballspiel nächsten Monat gewinnt!", lacht sein Freund und klopft
Arasch auf den Rücken.
Teheran, 16.02.2005 - Ein Meer von Schwarz und Weiß ist Teheran in den letzten Tagen gewesen. Weiß, weil es so viel geschneit hat wie in über 20 Jahren nicht mehr. Schwarz, weil sich die meisten Menschen zum Anlass des Schiitischen
Trauermonats Moharram schwarz anziehen. Der Lieblingsheld der Iraner, Imam Hussein Bin Ali, der Enkelsohn des Propheten Mohammad, hat vor etwa 1300
Jahren gegen die Unterdrückung des damaligen Tyrannen in Kufeh (Irak), Yazid Bin Mo'aviyeh, gekämpft.
Eine Gruppe von 72 Männern, Frauen und Kinder waren einer ausgerüsteten Armee von etwa 2000 Mann ausgeliefert. An dem Tag wurde Imam Hussein geköpft. Für die Iraner ist die Geschichte Husseins die eines Aufstandes gegen Tyrannei und Unterdrückung. Es ist eine Geschichte mit der sie sich identifizieren.
Überall in den Straßen laufen Männer, Frauen und Kinder in Prozessionen,
weinen und klopfen mit der Hand gegen die Brust. Hussein und seine Leute haben sich im Kampf um die Gerechtigkeit geopfert, und gehören somit zu den
frühesten Märtyrern des Schiitischen Glaubens. Diesen Kampf bewundern und respektieren die Iraner - diese Trauertage sind vielleicht die wichtigsten im Jahr. In den nächsten Tagen werde ich von den Prozessionen in den Städten und Dörfern berichten.
Teheran, 10.02.2005 - Tagelang liefen hier im Radio und Fernsehen revolutionäre Lieder, Bilder von 1979 und Segmente aus Ayatollah Khomeinis
Reden. Sie sollten Leute dazu anregen, heute am 10. Februar auf die Revolutionsparade zu gehen. In einem seiner oft wiederholten Reden sagt Khomeini: "Ich bestimme die Nation. Ich bestimme die Regierung." Die Regierung hat er bestimmt. Damit lag er richtig. Ob er auch die Nation bestimmt hat?
Eine Demonstrantin, Hausfrau Fatemeh, hatte Zeitungsausschnitte von 1979 aneinandergeklebt und marschierte stolz
Ohne Frage, aber nicht unbedingt nach seinem Willen. Iraner
heute sind nicht alle islamische Revolutionäre, so wie es sich Khomeini gewünscht hätte. Trotzdem schafft es die Regierung jedes Jahr zum Jahrestag der Revolution Tausende zur Parade zu locken. Wie immer kamen sie heute mit "Death to America" Schildern und Bush-Marionetten, die ihn wie einen bluthungrigen Monster darstellten. Überhaupt spielt Blut eine große Rolle. Eine Reihe von Regime-treuen Jugendlichen marschierten und riefen, "Das Blut in unserern Körpern gehört dem Führer."
In seiner Rede zu den Demonstranten sagte Staatspräsident Mohammad Khatami, "Iran wird sich in eine brennende Hölle für die verwandeln, die es wagen werden Iran anzugreifen." Am Abend dann laufende Reportagen im Fersehen über den Erfolg der Parade. "Trotz der eisigen Kälte und des Schnees zeigten Hunderttausende heute ihren Glauben an die Revolution." Meinen Schätzungen nach waren es eher Zehntausende.
Eine Demonstrantin, Hausfrau Fatemeh, hatte Zeitungsausschnitte von 1979 mit Schlagzeilen wie "Der Schah geht!" und "Ayatollah Khomeini landet morgen in Teheran!" aneinandergeklebt und marschierte stolz. "Heute haben wir viel größere Freiheiten," sagte die 44-jährige, räumte aber ein, daß das für Leute wie sie der Fall ist, nicht unbedingt für alle.
Auf dem Weg nach Hause bedauerte mein Taxi-Fahrer, daß ich so naiv bin um zu solchen Demonstrationen zu gehen. Ich erklärte, daß ich Journalistin bin. Der 65-jährige war vor 26 Jahren ein starker Befürworter der Revolution. "Heute habe ich meinen eigenen Islam. Ich will nichts mit der Politik zu tun haben. Politik ist schmutzig, hat keine Vater und Mutter," sagte er. Keine Eltern haben bedeutet im
Persischen so viel wie keine Barmherzigkeit kennen.
Teheran, 09.02.2005 - Die letzten zwei Tage war ich in Rascht am Kaspischen Meer und habe einen Workshop über Journalismus mit Gymnasiasten geführt. Am zweiten Tag sprachen wir über ethisches Handeln im Journalisten-Job, und ich erklärte, dass eines der wichtigsten Prinzipien daraus besteht, mit einem Geist frei von Vorurteilen Dinge aufzunehmen und zu beschreiben.
Da sind die Weltmedien und auch die iranischen leider kein gutes Vorbild für diese 14- bis 16-Jährigen. Ich fragte die Schüler, welche Vorurteile in den iranischen Zeitungen vorwiegend auftreten. Die Hauptvoreingenommenheiten der iranischen Medien sind den jungen Schülern
zufolge durchaus Gegensätze. Einmal meinten sie, würden die Zeitungen mehr Wert auf westliche Kultur legen als auf die eigene, und auf der anderen Seite würden viele versuchen Iran als fortschrittlicher darzustellen, als er es wirklich ist. "Iran ist doch dritte Welt, da können uns doch die Medien nichts vormachen", schimpfte ein Schüler. Da musste ich lachen, denn ich erinnerte mich an einen iranischen Freund, der nach seiner Indien-Reise froh war, Drittweltler zu sein. "Wenn wir dritte Welt sind, sind die wohl fünfte Welt!" Auch Zahlen können relativ sein...
Nach dem Workshop im Flughafen dann wieder ein Bild, das ich in letzter Zeit öfters sehe. Trotzdem muss ich jedes Mal zweimal hingucken, da es schon eher Ausnahme ist: Eine Frau mit einer Jacke, die kaum ihren Hintern überdeckt, enge Jeans, und ein Kopftuch, das seine Existenz kaum geltend macht. Und das im Flughafen, einem staatlichen Ort, wo man richtiges Hijab vorzuzeigen hat. Im Terminal also diese junge Frau, deren Bildnis Khomeini im Grab rütteln würde, umgeben von Postern die den alten Mann als Vater der Islamischen Revolution verherrlichen.
Teheran, 08.02.2005 - Vorige Woche ist jede Menge los gewesen. Das Fajr Film Festival wurde in Teheran eröffnet. Seit 23 Jahren gibt es das hier und es wird immer internationaler. Für mich ist dieses Jahr ganz besonders, da ein Film, in dem ich Protagonistin spiele, auch läuft. Es war reiner Zufall. Ich bin keine Schauspielerin.
Siamdoust im Boot: Premiere als Schauspielerin
Ich bin einem Regisseur vorgestellt worden, und er hat mehr oder weniger ohne Kameratests zu machen, mich überredet am Film mitzuarbeiten. Daraufhin habe ich Ende 2003 sechs Wochen im iranischen Kurdistan verbracht für die Dreharbeiten. Der Film heißt übersetzt etwa "Die Einsamkeit vom Wind". Es läuft hier auch das Fajr Musik Festival. Musiker aus der ganzen Welt führen vor iranischen Zuhörern ihre Stücke vor. Ich bin zu einem Konzert gegangen, wo französische und tadschikische Künstler ein Gemisch europäischer und
zentralasiatischer Töne haben erklingen lassen.
Feiertag: Teheran begeht die "Zehn Tage des Aufbruchs"
Dann fingen hier am ersten Februar die "Zehn Tage des Aufbruchs" an, zehn Tage, die hier jedes Jahr gefeiert werden. Am ersten Tag vor 26 Jahren stieg Ayatollah Khomeini vom Flugzeug aus Paris in die Arme von
etwa zwei Millionen jubelnden Iranern in Teheran. Am zehnten Tag, dem 11. Februar, wurde die Revolution als siegreich erklärt. Überall hängen Lichter und Bilder Khomeinis. Am 11. Februar gibt es dann die große Revolutionsparade.
Teheran, 07.02.2005 - Zurück in Teheran, eine Cocktail-Party. Nicht-alkoholisch natürlich - wer's glaubt, wird selig! Alle sprechen über Bushs "State of the Union Address" und auch die neuen Aussagen von Condoleezza Rice, denen zufolge ein militärischer Angriff Amerikas tatsächlich bevorstehen könnte. Alle sind sich einig, dass solch ein Angriff Iran viele Jahre zurücksetzen würde, denn die politische Erziehung, die die Iraner in den letzten 26 Jahren durchgemacht haben, setzt Iran allen Ländern in der
Region voraus. Oder wie es ein ägyptischer Diplomat einst sagte: "Iran hatte seinen Orgasmus schon, wir warten noch drauf!"
Weitere Meinungen drücken sich etwa so aus:
- "In vielen arabischen Ländern warten viele Menschen noch auf einen islamischen Staat... in Iran sucht man nun den dritten Weg."
- "Klar, da gibt es viele Hürden auf dem Wege, die Staatsvorstellungen der verschiedenen Interessengruppen müssen miteinander konkurrieren, aber Demokratie muss tief in den kulturellen Wurzeln und der Mentalität der Menschen sein bevor sie als Staatsform ausgeübt werden kann."
- "Demokratie kann zwar einem Land aufgezwungen werden, aber erstens, was ist demokratisch daran, einem anderen Land durch pure Medien- und Militärsmacht etwas aufzuzwingen, und zweitens, kann diese Form von Demokratie denn so authentisch und langfristig sein wie einheimisch gekochte Demokratie?"
- "Die Amerikaner müssen endlich begreifen, dass wir nicht mehr im Zeitalter des Imperialismus leben!"
- "Ach, vielleicht brauchen ja die da oben eine Ohrfeige um sich endlich
zusammenzuraffen."
- "Eine Ohrfeige von außen wird sie im Inneren nur noch verstärken. Die Welt muss den Iranern vertrauen, und dass sie ihr Schicksal selbst in die Hände nehmen können. Immerhin hat die größte Revolution des letzten Jahrhunderts in Iran stattgefunden."
Zuhause dann, entdecke ich mehrere Mails von Leuten, die sich freuen
ein frisches Bild, ein anderes Bild, ein nicht so dunkles Bild von Iran
auf diesen Seiten zu lesen. Ich freue mich, wundere mich aber nicht.
Wenn ich im Ausland bin, muss ich immer wieder Ungläubigen erklären, dass
man im Iran als Frau arbeiten und Auto fahren darf, dass man nicht gesteinigt wird, wenn man Make-Up trägt oder die Haare raushängen, dass Frauen zum Teil wichtige Positionen im Land halten, dass über 60 Prozent der Studenten weiblich sind etc. etc.
Wie kommt es bloß, dass alle ein Satansbild vom Iran haben? Ein Teil davon mag auf Realität basieren, aber ein großer Teil basiert auf der einseitigen Berichterstattung der Medien. Es ist mir ein Wunder, wie Deutschland als eines der Top drei Business-Partner Irans hier Millionengeschäfte macht, die Deutschen aber ein solch verzerrtes Bild vom Land, der Kultur und der Politik haben.
Teheran, 28.01.2005 -In Iran sind Musikkonzerte, vor allem nicht-klassischer Art, eher selten. Wenn man denn Lust hat ohne vorherige Planung Musik live zu hören, kann man in eins der wenigen traditionellen Restaurants, wo Musiker während des Essen traditionelle persische Instrumente spielen, oft in Begleitung eines Sängers.
Gestern Abend ging ich nach langem wieder mit Familie in ein solches Lokal und war ganz vom Hocker. Der Vokalist sang Lieder einer Sängerin, die wegen der Islamischen Revolution fliehen musste, und im amerikanischen Exil bis zu ihrem Lebensende über ihr Heimweh melodierte. Haideh, so hieß die Sängerin, besetzt in iranischen Herzen so etwa den Platz, den die ägyptische Um Kulthum in arabsichen Herzen besetzt. Die stämmige Sängerin mit der voluminösen, aber zarten Stimme sang den Iranern aus der Seele - über Leid und Liebe im Leben.
Nahid Siamdoust
Musik-Restaurant in Teheran
In diesem Lokal führte der Sänger vor zum Teil sehr streng verhüllten Iranern die Lieder dieser vom Khomeini-Regime als lasziv abgestoßenen und verbannten Sängerin auf. Nicht nur das, er sang auch noch eine Ballade, in der sie klagt, dass nichts ihren Seelenschmerz mindert, auch nicht Betrunkenheit...und das in der Islamischen Republik, in der Alkohol strengstens verboten ist! Diese Show hätte man vor nur sechs Monaten in den Lokalen, die von der Regierung kontrolliert werden, sicher nicht geboten bekommen. War ich Zeugin einer seltenen Ausnahme, oder heilen revolutionäre Wunden und schaffen Raum für neue Freiheiten?
Teheran, 26.01.2005 - Heute habe ich von Hoder, einem der beliebtesten Webloggers Irans, ein
Email bekommen. Cool! Er kann wohl ein bisschen Deutsch und ist
irgendwie auf meine Einträge hier gestoßen, wo ich seinen Namen erwähnt
hatte. So ist es eben mit Weblogs - man macht schneller Kontakte, als
man sich vorstellen kann.
Ansonsten war es ein fast typischer Tag in Teheran. So viel
Verkehr. Nach meinem Arbeitstag habe ich fast eine Stunde gebraucht, um
zu meinem Fitnessstudio zu kommen, obwohl es nur zehn Autominuten
weiter weg liegt. Wegen der Geschlechtertrennung sind die Gyms hier
entweder tagsüber für Frauen und abends für Männer, und zwar immer in
der Reihenfolge, oder es sind exklusive Frauengyms.
Mein Club ist von der zweiten Sorte, und dort gibt es nicht nur die jüngsten Aerobic-Stile, sondern auch die neuesten Mode- und Frisurtrends zu sehen. Am Empfang starrt einen als allererster der verstorbene
Revolutionsvater, Ayatollah Khomeini, an. Solch ausgestellte Fotos sind
bei vielen Unternehmen eher als Schutz gegen Regierungsaufseher gemeint
als ein Ausdruck revolutionärer Überzeugung.
Wo kommen die neuesten westlichen Trends her? Zum einen sind die Iraner sehr weltoffen und immer bereit neue Dinge auszuprobieren, und zum anderen haben sie auch Zugang zu allem durch das Internet, durch den Satellitenempfang von Sendungen aus der ganzen Welt, und auch durch Bekannte im Westen, die kommen und gehen und somit als Austauschkanäle zwischen Ost und West dienen. Ach, sind sich die Menschen doch überall so gleich. Auch im Iran klagen die Mütter in der Sauna über ihre widerspenstigen Teenies, und im Umkleideraum debattieren junge Frauen über Gymnastikarten, die Zellulite am besten bekämpfen sollen.
Nach dem Gym dann durch den Großstadtverkehr zu einer Freundin, wo uns ein Händler die neuesten Filme auftischt, Filme, die zum Teil in Europa noch auf Leinwand sind. Wir entscheiden uns, einen ganz blöden Film zu sehen, einen, wo die Gehirnzellen abschalten können: Harold & Kumar, ein Film über zwei Kumpels in New Jersey, die viel kiffen und dann die ganze
Nacht nach guten Burgers suchen. Tja, in Teheran hätten sie nicht lange
suchen müssen. Hier gibt es mehr Fast-Food-Läden als Kebabstuben.
Teheran, 25.01.2005 - Am vorletzten Tag der Registrierungsperiode besuche ich Dolatabad. Der arme Teheraner Vorort wird in der Mehrheit von Irakern bewohnt, das Straßengeflüster ist arabisch, nicht persisch, hier gibt es die besten und günstigsten Falafel. Das Viertel beherbergt auch eins von zwei Wahllokalen für Exil-Iraker in Teheran.
In Iran leben die meisten irakischen Flüchtlinge weltweit, hier wurden auch die meisten Exil-Registrationen für die Irak-Wahl, über 30.000, verzeichnet. Viele der in Dolatabad wohnenden Iraker sind zwischen 1971 und 1980 aus ihrer Heimat vertrieben worden. Es war die Zeit, als Saddam Hussein mit allen Mitteln gegen die Schiiten, Kurden und Iraker mit iranischen Wurzeln vorging sowie all diejenigen, die nicht Mitglied in seiner Baath-Partei wurden.
Die heute 52-jährige Scharifeh Abdulmajid war erst 27, als man ihren Mann verhaftete und sie mit ihrer vierjährigen Tochter auf einem Lastwagen zur iranischen Grenze fuhr. 25 Jahre lang wusste die Chemielehrerin nicht, ob ihr
Mann, Arzt von Beruf, lebte oder nicht. Nach Saddams Sturz konnte sie endlich letztes Jahr nach Bagdad und nach ihm suchen. Im Meldeamt, besetzt von Amerikanern, sagte man ihr, der Ehemann wäre einige Tage nach seiner Verhaftung hingerichtet worden.
Von ihrem eigenen Staat verstoßen, haben viele dieser Exil-Iraker sich nicht vorgestellt, dass sie jemals an der Zukunft ihres Landes mitwirken könnten. Abdulmajid sagt, sie werde in den Irak zurückgehen, auch wenn er ganz zerstört sei, denn die einzigen glücklichen Erinnerungen ihres Lebens stammten aus ihrer Zeit in Bagdad, bevor Saddam und sein Regime ihr die Freude am Leben nahmen. "Ich habe hundertprozentige Hoffnung für Irak," sagt sie.
"Jeder, der durch diese Tür läuft, will in den Irak zurück," bestätigt Schaker Ahmad. Der 53-jährige Wahlhelfer weist auf den Eingang der Sporthalle, die für zwei Wochen in ein Wahllokal verwandelt wurde. "Man hat versucht, uns einen Teil unserer Identität zu rauben. Sie können sich nicht vorstellen, wie glücklich wir sind, als Iraker akzeptiert zu sein und wählen zu dürfen."
Die meisten in Dolatabad sagen, sie werden Liste 169, die "Koalition des Vereinigten Irak", wählen - eine Liste, die vergangene Woche auch den Segen des Ayatollahs Sistani bekommen hat.
Darunter ist auch der 63-jährige Haj Mohmmad-Taghi Karbalai, dessen Familie vor drei Generationen vom Iran nach Karbala gezogen ist, "aus Liebe zu Hossein" (dem beliebtesten I
mam der Schiiten, der dort begraben liegt), wurde 1971 samt Familie nach Iran deportiert. Hier in Dolatabad betreibt er den Falafel-Laden "Karbalai Falafel". Er will die Liste 169 wählen, damit die Schiiten auch mal regieren dürfen: "Vielleicht können die ja unserem Land Stabilität und Fortschritt bringen."
Würde er in den Irak zurückkehren? Ja, sagt Karbalai, der schon seit 35 Jahren im Iran lebt, und fügt mit einem Grinsen hinzu: "Vielleicht mache ich ja dann in Karbala ein Bistro namens Teherani Falafel auf."
DPA
George W. Bush: "Höllenbaby" Irak gezeugt
Teheran, 20.01.2005 - "Amerika will doch schon seit zwei Jahren hier einmarschieren. Da überrascht es doch nicht, dass sie hier schon länger verdeckt arbeiten, oder?", sagt die 22-jährige Medizin-Technik Studentin Maryam Fardi, während sie in ihrem kleinen koreanischen Pride noch mal kräftig aufs Gas drückt, um dem attraktiven jungen Mann im Nebenauto, der ihr neckische Blicke zuwirft, voranzufahren. "Einige fahren so nah ran, da muss man direkt die Autotür aufmachen und sie herein bitten!", scherzt Maryam, und schon ist das Gespräch über Amerika vergessen.
Ich bitte Maryam, mich bei der Hosseiniye-Erschad-Moschee rauszulassen. Vor der Revolution war dies ein Ort, wo revolutionäre Visionen verbreitet wurden. Heute finden hier oft Reformisten-Versammlungen statt. Wie die meisten Jugendlichen zeigt auch Maryam kein Interesse mehr an der Politik, sieht die Reformer als Versager, und kommt nicht mit hinein. Im nicht mal halbvollen Saal wird über religiösen Intellektualismus und Säkularismus debattiert.
Die auf der Bühne drücken sich offen und kritisch gegen "die Herren da oben" aus. Trotzdem würden sie niemals Amerikas Position einnehmen gegen ihren eigenen Staat, vor allem nicht in der Atomdebatte. "In der Geschichte der Islamischen Republik hat es über kaum etwas so eine überparteiliche, über-ideologische Einigung gegeben wie über die Atomfrage", sagt Sadeq Zibakalam, Politik-Professor der Teheraner Universität.
Auch der 25-jährige, in Puma und Boss gekleidete Siavash Babai, der den Mullahs in nichts anderem zustimmen würde, sagt: "Die Amerikaner sollen aufhören, den Schulhof-Tyrann zu spielen. Iran handelt gesetzlich innerhalb des Atomwaffensperrvertrags, und das hat die Internationale Atomenergiebehörde IAEA bestätigt. Sind denn Fortschritt und Entwicklung nur das Recht der Ersten Welt?"
Die iranische Regierung hat sich bisher weniger auf den Artikel im "New Yorker" bezogen, sondern mehr auf George Bushs Äußerung am Montag, dass militärische Optionen noch auf dem Tisch lägen. Der Sprecher des Außenministeriums qualifizierte Amerikas Taktik als "psychologische Kriegsführung" ab und sagte, Iran würde sich gegen jegliche unbesonnene Pläne der USA wehren.
Während die für Wirbel sorgenden Aussagen die Iraner im Lande kaum kümmern, freuen sich Exil-Iraner in Los Angeles und versuchen, ihre Sichtweise über Satellit in iranischen Haushalten zu verbreiten. Auch die Exil-Sendungen, einst höchst beliebt, interessieren die meisten Iraner nicht mehr. "Die haben gut reden, aus 20.000 Kilometer Ferne. Die leben in ihrer eigenen Utopie", sagt die 57-jährige Hausfrau Ghodsi Kamali, die vor einem Jahr noch die Shows aus "Tehrangeles" - so wird die Stadt von Iranern genannt -eifrig schaute.
Zurück im Saal reden die Reformer weiter über Demokratie. In der Zwischenpause frage ich einen der bekanntesten, den Soziologen Hamid Reza Jalaipour, was er von den angeblichen Plänen Amerikas hält. Schnell erwidert er, die Amerikaner sollten erstmal das "Höllenbaby", das sie im Irak gezeugt haben, aufziehen, bevor sie ein anderes zeugten.
Ein anderes bekanntes Gesicht, der Journalist Issa Saharkhiz, sagt, die Amerikaner sollten sich die Unterstützung der iranischen Bevölkerung aus dem Kopf schlagen: "Die Geschichte der Iraner zeigt, dass sie ihre Unabhängigkeit für nichts hergeben, auch nicht für mehr Freiheit."
Draußen schneit es große weiße Flocken. Ich quetsche mich neben einen anderen Passagier auf dem Vordersitz eines Paykan, Irans Version des Trabis, und versuche ein Gespräch über US-Iran-Beziehungen anzufangen. "Wenn Bush und seine Gang mit jemandem verhandeln können, dann mit den Mullahs. Die sind sich doch in ihren Sichtweisen am ähnlichsten", sagt der Fahrer.
Die zum Feierabend fahrenden Passagiere haben dem nichts entgegenzusetzen, vielleicht weil sie müde sind, vielleicht weil sie dem zustimmen, vielleicht auch weil sie politische Gespräche, vor allem über Amerikas Drohungen, schlicht satt haben.
Teheran, 18.01.2005 - Nach längeren Ferien in Deutschland bin ich nun wieder in Teheran, und schon darf ich auch wieder im eigenen Leben erfahren, was ich aus Europa täglich über die Medien verfolgt habe: die unerträglichen Einschränkungen des Daseins. Eine Freundin lachte mich gleich aus als sie mich sah, und meinte ich hätte modisch kleiden a la Islamische
Republik schon vergessen und müßte mich erst wieder eingewöhnen. Sie hat Recht.
Mein weiter Mantel, meine pinken Stiefel und unmodisch gebundenes Kopftuch highlighten mich sofort als Außenkörper. Aber das wird sich auch innerhalb von wenigen Tagen korrigieren. Dann werde ich mich durch eine eher unbewußte Metamorphose die sich über Tage hinwegzieht wieder als "authentisch" entpuppen. Aber das stört mich im Moment am wenigsten. Was mich stört, ist daß noch mehr Websites von der Regierung blockiert sind als vor einem Monat. Eine Website ähnlich wie Friendster in Amerika, die ein "meet market" junger Iraner war,
www.orkut.com, ist nicht mehr zugänglich. Der Staat konnte es wohl nicht tolerien, daß sich junge Iraner, Männer und Frauen, so einfach kennenlernten und sich schamlos über alles unterhielten. Ich habe Orkut oft als Journalistin benutzt, um bestimmte Leute zu finden, da es dort auch viele Interessen-Clubs gibt, und viel rumphilosophiert wird über alles was es so gibt, von Drogen bis zu Religion und Politik. Aber neben Orkut sind auch viele Weblogs gesperrt, und deren Autoren sitzen in Haft. Wegen der sozialen Einschränkungen im Iran und der generellen Internetlust
junger Iraner, sind Weblogs hyperaktiv und eine bevorzugte Kommunikationsarena. Eines der beliebtesten
Webloggers-
www.hoder.com/weblog-befindet sich im Moment im Kanadischen Exil. Ich wollte ihn kontaktieren für einen Artikel, und konnte noch nicht mal auf seine Site um seine Email-Adresse zu finden. Auch gesperrt! Also mußte ich meinen Bruder in Hamburg darum bitten.
Aber es sind nicht nur die jungen und liberalen die scharf aufs Internet sind. Sogar der Oberste Führer des Landes hat vor wenigen Monaten seine eigene Website gestartet (
www.khamenei.ir). Und seit heute hat auch einer der Kandidaten für die Präsidentschaftwahlen im kommenden Juni,
Ali Akbar Velayati, der heute noch Berater des Ayatollah Khamenei ist, eine Website (
www.velayati.ir). Es geht nicht ums Wollen hier, sonder ums Dürfen. Dürfen oder nicht dürfen, das ist hier die Frage.