Bislang boten Blogs den in anderen Medien ungehörten Mitgliedern der Internetgemeinde ein Forum, ihre Eindrücke und Meinungen auf einfachem Wege zu verbreiten. Informell, spontan und radikal subjektiv ging es bisher in der sogenannten Blogosphere zu. Nun hat eine Gruppe von Prominenten den Trend für sich entdeckt. Sie folgt dem Ruf der Publizistin Arianna Huffington, die bei der Gouverneurswahl 2003 in Kalifornien als unabhängige Kandidatin gegen Arnold Schwarzenegger verlor. Sieben Jahre zuvor hatte die ehemalige Republikanerin ihre Partei verlassen. Heute bezeichnet sie sich als "progressive democrat".
Die angeblich "kreativsten Geister" Amerikas sollen sich bald in Huffingtons Blog tummeln und Themen von Politik und Unterhaltung bis Sport und Religion kommentieren, berichtet die "New York Times". Eine niemals unterbrochene virtuelle Talk Show soll das ganze werden, ergänzt durch aktuelle Nachrichten rund um die Uhr.
Kritiker sprechen von einem Versuch, das einstige Untergrundmedium zu zähmen und vermarktbar zu machen. Und in der Tat soll sich die Klatschbühne für Prominente über Werbeeinnahmen finanzieren. Zudem schloss die findige Dame einen Vertrag mit einem Medienservice, der Parallelveröffentlichungen des Blogs in Zeitungen und auf deren Internetseiten organisiert.
Den Bloggern weltweit kann das ziemlich egal sein. Und auch den Journalismus in seiner traditionellen Form wird es kaum verändern. Denn was über Huffingtons Blog noch ungefiltert rausgeblasen werden darf, soll für die Parallelveröffentlichungen professionell editiert und auf sachliche Richtigkeit überprüft werden.
Liberale Gegenöffentlichkeit im Medienbetrieb
Das Potential des Blogs liegt woanders. In ihm oder um ihn herum könnte sich eine liberale Gegenöffentlichkeit organisieren, die sich im konservativen Medienbetrieb der USA ansonsten nur bedingt Gehör verschaffen kann. Das hoffen zumindest einige derer, die ihre Teilnahme zugesagt haben. Die Autorin und Regisseurin Nora Ephron beispielsweise sieht in dem Blog eine Chance, ein Gegengewicht zur Rechten zu bilden. Der ehemalige Vize-Vorstandsvorsitzende von AOL Time Warner, Kenneth B. Learer, zugleich Chef der New Yorker Sektion des Blogs, sagt: "Die Idee entstand zum Teil aus Frustration über die letzten beiden Präsidentenwahlen."
Doch ein Blog ist schwer zu kontrollieren. So haben neben zahlreichen dem linken politischen Spektrum zuzuordnenden Teilnehmern bereits Konservative wie der Leiter der Washington-Post-Meinungsseite, Tony Blankley, und der Erfinder der "Achse des Bösen", der ehemalige Redenschreiber von Präsident Bush, David Frum, Beiträge angekündigt. Chefin Huffington kommentiert: "Das Forum wird nicht links oder rechts stehen. Vielmehr geht es darum, eingefahrene Weltsichten aufzubrechen." Optimistisch hinsichtlich des Gelingens ihrer Idee ist sie, weil "sich Menschen immer von Unterhaltungen angezogen fühlen, die leidenschaftlich, authentisch und ungefiltert daherkommen".
Interaktiver Austausch mit den Stars?
Nimmt man die Zusagen Prominenter zum Maßstab, ist der Erfolg bereits greifbar. Die Schauspieler Diane Keaton, Warren Beatty, John Cusack, Maggie Gyllenhaal und Gwyneth Paltrow wollen bloggen, die Regisseure Mike Nichols und Rob Reiner auch. Der ehemalige Kennedy-Berater Arthur Schlesinger Jr. ist dabei, ebenso die Literaten David Mamet und Norman Mailer sowie die Medienmogule David Geffen und Barry Diller. Der legendäre CBS-Nachrichtensprecher Walter Conkrite, mittlerweile 88, will mitmachen, weil "das Medium neu und interessant ist und ich viel Spaß haben werde". Doch insbesondere bei der Hollywood-Riege sind Zweifel geboten, ob sie tatsächlich selbst in die Tasten greifen und unpopuläre Meinungen äußern wird.
"Gwyneth Paltrow hat keinen Anlass, durch ehrliche Offenheit künftige Ticketkäufer zu befremden", sagte Experte Jay Rosen, der sich auf seiner Website "pressthink" mit Blogs beschäftigt, der New York Times. Zudem bezweifelt er, dass die Prominenten von derselben Leidenschaft wie gewöhnliche Blogger getrieben sein werden: "Das sind nicht gerade Leute denen es in unserer Kultur an Medienpräsenz mangelt." Interaktiver Austausch der Stars mit der Leserschaft wird es - das räumen es auch die Macher ein - in der Regel nicht geben.
Joan Welsh, Herausgeberin der Internet-Magazins Salon.com, warnt zudem, dass einige der Berühmtheiten, die zusagten zu bloggen, es nie tun werden. Huffington versprach der Prominenz jedoch leichtes Spiel: "Die schwerste Arbeit eines Bloggers leistet ihr bereits: Ihr habt interessante und frische Sichtweisen auf tagesaktuelle Nachrichten", schrieb sie ihren Favoriten. Sie stelle lediglich das Megaphon. Mal sehen, wie sich die Celebreties schlagen werden. Denn wie Online-Kennerin Joan Welsh weiß, ist das Internet nicht ungefährlich: "Du glaubst, du formst das Netz, aber das Netz formt dich."
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