Von Frank Patalong
Die im folgenden vorgestellten Songs sind verlinkt und als MP3-Dateien herunter zu laden. Zu finden sind solche Dateien über eine ganze Anzahl von MP3-Sammelseiten. Die folgenden 21 Songs sind eine subjektive Auswahl, die die Vielfalt und Qualität solcher "Web-Musik" dokumentieren soll.
Ida: "Late Blues"
Die amerikanische Gruppe Ida ist ein prächtiges Beispiel für eine Band, die es aus unerfindlichen Gründen nie über den Atlantik geschafft hat. Ihre Musik ist unaufgeregt, ruhig und relaxed im besten Sinne, eingängig und doch leicht schräg.
Gegründet im Jahre 1992 veröffentlichte die Gruppe bisher 13 Alben, von denen in Europa aber nur zwei als US-Import zu haben sind. Ihr Track "Late Blues" gehört im Web derzeit zu den meistverbreiteten legalen Downloads. Das Lied ist ein über die Plattenfirma Polyvinyl Records direkt als Werbemaßnahme für das Ida-Album "Heart like a river" verteilter Appetitmacher - und lohnt den Download.
"Late Blues" ist ein Liebeslied, dem jedes schwülstige Pathos fehlt, ein Versprechen unter Partnern, das passenderweise auch als Duett daherkommt. Doch die Sänger Daniel Littleton und Liz Mitchell erlauben ihren Stimmen den Ausbruch aus der perfekten Harmonie, und erst das macht den Song anrührend und glaubhaft:
"If I get lost along the way to meet you
If I'm more than a little late
If I get caught up in circles, chasing my own tale
If I trip up and fail you
If I let you down
If I let you down..."
Die Sentimentalität des Liedes ist zärtlich, nicht traurig oder brüterisch. Schön - und im deutschen Radio garantiert ungehört.
Nerdcore: MC frontalots "Start Over"
Kein Bereich, in dem Rap und Hiphop heute keine Rolle spielen. Doch beim Nerdcore, einer sehr speziellen Spielart des Genres, geht es nicht darum, im breitesten Ghetto-Quetsch-Englisch orale Straftaten zu begehen oder ohne Rücksicht auf Verluste, Sinngehalt oder Grammatik die deutsche Sprache in Reimform zu prügeln. Nerdcore-Künstler tun erst gar nicht so, als hätten sie etwas Sinnvolles mitzuteilen: Sie reimen und rappen sich mit viel Spaß kreuz und quer durch eine Welt von CPUs und RAMs, messen Gefühle in Hertz und Bytes und schildern mit Vorliebe Szenen, die entweder mit Casemodding, Star-Trek-Conventions oder Lötarbeiten zu tun haben.
Das hört sich weit bescheuerter an, als es ist. MC frontalot, eine der Ikonen der jungen Szene, ist ein Muster-Nerdcorer, der immer wieder zeigt, wie witzig die Resultate der musikalischen Bastelarbeit sein können. "Start Over" ist ein wilder, tanzbarer Genremix, in dem Rap eine Hochzeit mit soulig-funkigen Slap-Bässen eingeht - der frühe Stevie Wonder, Isaak Hayes und die "Magnificent Seven" der Clash lassen grüßen. Heraus kommt ein dichter, erfrischend un-monotoner Soundteppich, zu dem man am besten rhythmisch die Füße hebt - zum Sitzen und Hören ist Nerdcore nicht gedacht.
Lauter Krumme Hunde
Wenn eine Band mit einer Besetzung wie "Megan Weeder on violin/drums/vocals" und "Zeb Gould on guitar/vocals" daherkommt und sonst nichts, sind schon einmal zwei Dinge klar: a) laut wird es nicht aber b) möglicherweise krumm.
Als Dead-Can-Dance-, Portishead- und This-Mortal-Coil-gestählter Alt-Krummhörer kann mich das nicht schrecken. Stereofan passt da durchaus in die Stimmung, verschreckt selten, schmeichelt mit satten akustischen Sounds, gefällt mit mitunter angenehm verdrehten Melodien. Eingängige Anspieltipps von der Webseite der New Yorker Band: "Franny and Zooey" und "Ours ist the Darkness". Der Rest ist krummer.
Krumm sind auch Lambchop, die Band, die sich Lammkotelett nennt. Diese den Freunden von Indiemusik vorzustellen wäre wirklich wie Eulen nach Athen zu tragen: Die Kapelle gastiert seit Jahren regelmäßig auch in good old Europe. Und wächst dabei nicht nur musikalisch, sondern auch in Sachen Mannstärke: Mit 12 Musikern ist Lambchop heute fast schon eine Bigband - aber eine der etwas anderen Art.
Denn wenn Sänger Kurt Wagner mit seinem unnachahmlich sonoren Organ beiläufig vom "Old Matchbook Trick" singt oder beschwingt "Something's Going On" bemerkt, dann hat man den Soundtrack vom Essen bis zum Chillen gefunden. Trotz Geigen.
Auch The Notwist gehören nicht gerade zu den unbekannten Bands, aber auch ihnen hilft das Verteilen im Web, sich in Erinnerung zu halten. "One with the Freaks" ist eine britpoppig swingende Nummer mit leicht gebrochener Stimmung.
Große Verschenker vor dem Herrn sind seit Jahren auch Calexico - und man darf getrost fragen, ob sie heute so bekannt wären wie sie sind, hätten sie ihre Lieder nicht per Web verteilt. Das Duo mit wechselnder Unterstützung kommt von der kalifornisch-mexikanischen Grenze, und genau so klingen sie auch. Ihr "Stray" ist zwar ein Klassiker der Band, aber immer noch hörbar. Spritziger kommt da schon "Crystal Frontier" daher: Das ist auch partytauglich.
© SPIEGEL ONLINE 2005
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH