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31.05.2005
 

Datenklau

Eifersuchtsdrama ließ Spionagering auffliegen

Es ist ein Thriller der Sonderklasse, einer der größten Fälle von Industriespionage: Ein Schnüffler-Ring saugt mit raffinierten Methoden geheime Informationen von Firmen-Rechnern in aller Welt. Jetzt flog die Sache auf, bohrende Eifersucht wurde einem deutsch-israelischen Verdächtigen zum Verhängnis.

Netz-Spionage: Unsichtbares Datenleck
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DPA

Netz-Spionage: Unsichtbares Datenleck

Kränkung, Rache, kriminelle Manager und Hightech-Spionage - die Geschichte gäbe den Stoff für einen guten Thriller ab. Ausgerechnet ein Schriftstellerehepaar war es auch, das die Wirtschaftsspione schließlich auffliegen ließ. In großem Stil hatte das konspirative Netzwerk Daten von Unternehmensrechnern gestohlen, vermutlich im Auftrag der Konkurrenz. 18 Verdächtige wurden bislang festgenommen.

Die deutschen, israelischen und britischen Behörden arbeiteten zusammen, um die illegale Schnüffelei zu beenden. Nach Angaben israelischer Medien handelt es sich um einen größeren Spionagering, zu dem auch hochrangige Angestellte einiger Unternehmen gehören, etwa von Mobilfunkanbietern und einem TV-Sender. Die 16 Verdächtigen wurden schon am 24. Mai 2005 in Israel und London festgenommen, doch Details wurden erst jetzt bekannt. Danach befanden sich unter den Datendieben auch der 41-jährige deutsch-israelische Geschäftsmann Michael H. und seine 28-jährige israelische Ehefrau Ruth B., die den Ermittlern in England ins Netz gingen.

"Niemand erinnert sich an einen solchen Fall"

Israels Industrie und Sicherheitsbehörden sind noch dabei, den Schock zu verdauen. Ein Polizeisprecher sagte der "Washington Post": "Niemand erinnert sich an so einen Fall in Israel - eine Affäre mit einem solchen Ausmaß, auf einem solchen technologischen Niveau." Die israelische Zeitung "Jediot Achronot" meldete, die Polizei gehe davon aus, dass etwa 60 weitere Unternehmen ausspioniert wurden. Der israelische Zentralbankchef Stanley Fisher warnte vor negativen Auswirkungen der Affäre auf den israelischen Markt.

Ob deutsche Firmen Opfer der Datendiebe wurden, wird noch überprüft. Man gehe jedenfalls davon aus, dass Michael H. innerhalb des Spionageringes "eine tragende Rolle gespielt hat", teilte das Landeskriminalamt Baden-Württemberg auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE mit. Bis vor kurzem habe H. gemeinsam mit seiner Frau noch in einer Ferienwohnung bei Freudenstadt gewohnt. Der Computerspezialist hatte in London eine Wirtschaftsauskunftei betrieben und offenbar abwechselnd in Deutschland und in Großbritannien gelebt.

Von Freudenstadt aus habe er, meist über nahegelegene Schweizer Flughäfen, Reisen unter anderem nach Tschechien, Rumänien, Bulgarien und in die Türkei unternommen. Bei einer Durchsuchung der Ferienwohnung stellten die LKA-Ermittler schriftliche Unterlagen und Datenträger mit einem Datenvolumen von insgesamt rund 560 Gigabyte sicher.

Persönliche Rache mit den Mitteln der Spionage

Nach Informationen der israelischen Zeitung "Globes" und der "Washington Post" wurden die Datendiebstähle nur entdeckt, weil Michael H. einen persönlichen Rachefeldzug führte - mit den gleichen Mitteln, mit denen er auch seine Spionagegeschäfte betrieb.

Der israelische Autor und Universitätsdozent Amnon Jackont und seine Frau und Co-Autorin Varda Raziel Jackont hatten im vergangenen Jahr entdeckt, dass Teile eines noch nicht publizierten Romans von ihnen im Internet kursierten. Die nicht autorisierten Auszüge waren demnach an entscheidenden Stellen abgeändert worden, um Jackont "zu demütigen oder seinen Ruf zu schädigen", schreibt die "Washington Post". Jackont sagte dem Blatt: "Es wurde größer und größer und wirklich irgendwie monströs, es gab keinen Ort mehr, an dem man sich verstecken konnte."

Das Paar meldete den vermuteten Datendiebstahl vom heimischen Rechner der Polizei. Die entdeckte, dass auf dem Computer der Jackonts ein Trojaner installiert worden war, über den der Computer ferngesteuert werden konnte. Daten waren an andere Rechner verschickt worden. Die nachfolgenden Ermittlungen führten dann zur Aufdeckung des Spionagerings.

1500 britische Pfund für den Datenklau

Der mutmaßliche Industriespion sei äußerst raffiniert vorgegangen, erklärte das LKA Baden-Württemberg. Seine Aufträge habe er von Privatdetektiven erhalten, die für Wirtschaftsunternehmen Informationen über Konkurrenten sammeln sollten. An diese Konkurrenzunternehmen habe er Computer-CDs mit Geschäftsofferten und Projektvorschlägen gesandt, und zwar gezielt an Führungskräfte. Dafür habe er eine monatliche Summe von rund 1500 britischen Pfund erhalten.

Auf den Datenträgern hatte er einen für Antiviren-Programme nicht erkennbaren Trojaner platziert, der die betroffenen Rechner infizierte, sobald eine Datei aufgerufen wurde. Der Trojaner verschickte dann, von den Geschädigten unbemerkt, Texte und Firmendaten an zuvor festgelegte Rechner. Sogar Screenshots von den befallenen Rechnern wurden so, teilweise im Minutentakt, übermittelt.

Der Grund dafür, dass Michael H. einen Trojaner auf dem Rechner des Ehepaares Jackont platziert hatte, ist ein trivialer: Vor acht Jahren war der Mann, offenbar in großer Bitterkeit, von der Tochter von Varda Raziel Jackont geschieden worden. Amnon Jackont sagte der "Washington Post", der ehemalige Schwiegersohn seiner Frau sei auch Vorbild für eine zwielichtige Figur in ihrem neuen Buch gewesen. "Er war besessen, und das war sein tragischer Fehler", sagte der Schriftsteller gegenüber dem Blatt. "Die Firmen hätten nie herausbekommen können, dass ihre Computer ein Leck hatten. Aber weil er mich wütend machen wollte, hat er dieses Material überall verteilt, als ob er wollte, dass wir wissen, dass er es war."

Nach Angaben des LKA Baden-Württemberg hat Israel die Auslieferung des 41-Jährigen beantragt. Er selbst und seine Frau haben bislang zu den Vorwürfen keine Stellung bezogen.

Christian Stöcker

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