Wenn ein Internetriese wie Yahoo einen neuen Service aus der Taufe hebt, ist das vielen Medien eine Erwähnung wert. Das gilt auch dann, wenn besagter Riese mit der Innovation nicht gerade das Rad neu erfunden hat. Denn Web-Radiostationen und Musikvideosender gibt es bekanntlich wie Sand am Meer.
Allein über die beliebte Winamp-Software lassen sich zu jeder beliebigen Tages- und Nachtzeit die Programme von rund 500 Musiksendern und 250 TV-Stationen anzapfen. Darunter befinden sich zahlreiche "echte" Programme, in die man sich einfach einklinkt, oder aber auch handgemachte Angebote diverser Überzeugungstäter: Das reicht vom Speedmetalfreak über die Demoszene, fundamental-christliche US-Missionare bis hin zum keltischen Folkloreprogramm made in Heimarbeit.
Die Fans von Webradios lieben gerade das: Kreuz und quer durch alle Stilrichtungen zu zappen, sich vom Diktat des heimischen Formatradios zu lösen.
All das will Yahoo mit Launch nicht bieten.
Stattdessen hebt das Internetunternehmen ein Programm im eigentlichen Sinne des Wortes aus der Taufe: "Redaktionell betreut" sind die Kanäle, was nicht mehr heißt, als dass die in 15 verschiedenen Streams zusammengefassten Songs nach ihrem "Format" sortiert sind. Wer Rock will, bekommt Rock, wer "Jahrzehnte" will, kann die Achtziger von den Neunzigern scheiden. Derzeit beliebtestes Angebot sind "Die besten Hits von heute!", was man ja auch aus diversen Radiowerbeslogans kennt. Kein Zweifel: Yahoo leistet sich mit Launch ein Formatradio mit 15 Kanälen.
Das dürfte vor allem beim jungen Publikum ankommen. Abschreckend wird das Angebot aber auch auf die anderen Teile der Hörerschaft, die sich - wie man selbst auf den Fluren diverser ÖR- und Privatsender munkelt - seit einiger Zeit vom Formatradio abwenden, nicht wirken. Während im "normalen" Formatradio jeder Hit dermaßen zerdudelt wird, bis man schon beim ersten Ton erbricht, zumindest aber entnervt weiterzappt, kommt man bei Launch zumindest in den Genuss einer deutlich erweiterten Playlist.
Wer sich registriert, schaltet eine Funktion frei, die das Überspringen eines Liedes erlaubt. Allerdings nicht endlos: Maximal fünf Titel lassen sich pro Stunde überspringen. Das ist eine Art Disziplinarmaßnahme und nicht technisch bedingt: Auch der Wechsel auf eine der anderen Stationen schaltet die "Hüpffunktion" nicht wieder frei. Die Industrie, die hier ja Lizenzen für die Web-Ausstrahlung vergibt, will schließlich, dass man ihre Waren hört, nicht überspringt.
Launch outet sich so als gigantische Playlist (angeblich über 100.000 Titel) ohne "störende" Moderationen oder Wortbeiträge. Eine Non-Stop-Jukebox im Web - und als solche auch gut zu nutzen.
Was nicht gefällt, wird weggezappt, was Anklang findet, kann man direkt kaufen: Im "Radiofenster" gibt es natürlich elementare Infos zum Künstler, zum Lied, zum Album. Ein Klick auf die entsprechende Info, und im Browserfenster dahinter wird die entsprechende Seite aufgerufen. "CD auch bei Yahoo! Shopping erhältlich" steht dann da, was letztlich noch nicht ganz ausgefeilt erscheint: Besser wäre hier der direkte Download. In den USA gibt es den bereits.
Doch was soll's, irgendwie muss man ja anfangen. Das alles erinnert frappant an die Träume diverser Medienvisionäre, die sich schon Mitte der Neunziger den Musikvideo-Kanal mit direkter Shoppinganbindung per Fernbedienung wünschten. Genauso könnte so etwas aussehen.
Als besonderer Service steht dem angemeldeten Launch-Nutzer frei, sich eine "eigene Radiostation" zusammen zu stellen - was allerdings nur bedeutet, dass die Lieder dann nach voreingestellten Präferenzen serviert werden. Das klingt schlimmer, als es ist: Da die Voreinstellungen recht grob sind, wird eigentlich nur ermöglicht, die eng definierten "Stationen" etwas aufzubohren. Dabei sollte also - ganz im Gegensatz zur Erwartung - ein etwas weniger stark "formatiertes" Programm herauskommen. Als sehr Mainstream-lastige Beschallung, als nur Musik spielende Alternative zum Radio ist das alles professionell und gut gemacht.
Das Ende der plappernden Pausenclowns?
Im Videobereich kommt sogar richtig Freude auf. Da bietet Yahoo Launch genau das, was man bei MTV zu finden hofft und nie bekommt: Ein großes Angebot an Musikvideos (Yahoo sagt, es seien 5000), keine dösigen VJs, keine Handyklingelton-Charts. Dann ist das Ganze sogar noch alphabethisch zu durchsuchen: Wem die Geduld fehlt, sich durch die Dauerschlaufen des Musikfernsehens zu quälen, nur um endlich das neue Video der Gorillaz zu sehen, sieht bei Launch einfach unter "G" nach. Das ist Spitze.
Zudem scheint das Videoangebot aus unerfindlichen Gründen deutlich frecher zu sein als das reine Musikangebot. Rockige Töne kommen ungewöhnlich oft zum Zuge, wer das nicht will, selektiert stattdessen einen der sechs anderen Kanäle.
In der höchsten Bandbreiten-Einstellung ist das alles sogar fast fit genug für eine Vollbildschirm-Darstellung. Wer da mit ein paar Verpixelungen leben kann, hat soeben einen Voll-Ersatz für MTV und Co. gefunden.
Was steht nun unter dem Strich?
Positiv:
Negativ:
Fazit: Launch ist ein großes, kommerziell und mainstreamig geprägtes Angebot, das die Erwartungen seiner Fans nicht enttäuschen wird. Launch ist keine Konkurrenz zu den wirklich großen Webradioangeboten mit ihrem Wundertüten-Charakter: Die surft man an, weil man endlich einmal etwas völlig anderes hören möchte. Launch dagegen ist Formatradio pur, ja sogar auf die Spitze getrieben. Sähe man Launch als Musikvideokanal, wäre er wohl konkurrenzlos: Gegen dieses Angebot können sich MTV und Co. getrost eintüten lassen. Kurzum: respektabel, aber nicht revolutionär. Abwarten, wie das Angebot sich entwickelt.
Frank Patalong
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