Von Christian Ströh
Wer das nachmachen will, muss selbst löten oder bei Jens Schönfeld einkaufen: Der Aachener ist eine Autorität unter den Commodore-Jüngern, half Jeri bei der Entwicklung des technisch anspruchsvollen "C-One" und bietet auf seiner Seite www.jschoenfeld.com unter anderem das Retro-Replay- und das MMC64-Modul an, die beide mit Ethernet-Erweiterungen ausgestattet werden können.
Auch der Amerikaner Maurice Randall versorgt die Commodore-Fans seit Jahren mit Old-School-Hardware; seine "SuperCPU" beschert dem Rechner 20 Megahertz und steuert bis zu 16 Megabyte Arbeitsspeicher an (www.cmdweb.de).
Doch der Star der Vintage-Computerszene ist unbestritten Jeri Ellsworth, sie schaffte es bis in die renommierte "New York Times". Klar, das liegt auch daran, dass sie optisch deutlich besser rüberkommt als die oft genug ziemlich grottenolmigen Besucher von Retro-Computing-Events. Aber sie hat eben auch etwas geschafft, wovon Commodore-Anhänger seit Jahren nur zu träumen wagten: Einen kompletten C64 auf einen einzigen Chip zu packen, ihn in einen Competition-Pro-Joystick zu stecken und für 30 Dollar zu verkaufen - und ihn so ins 21. Jahrhundert zu retten.
Einen Rechner, dessen Herz gerade mal 940.000-mal pro Sekunde schlägt - und 0,9 Megahertz waren schon vor 20 Jahren nicht gerade viel. Zu wenig, um mehr als 16 Farben zu erzeugen, aber genug, um die Gestaltung von Schülerzeitungen zu revolutionieren, Millionen von Menschen in Amazonasabenteuer zu verwickeln und zusammen mit einem Akustikkoppler für dreistellige Telefonrechnungen zu sorgen.
Kein Wunder, dass Jeri am Brotkasten hängt, und ihn durch die Entwicklung ihres Chips für die Ewigkeit konservieren wollte. "Als mein Commodore kaputt war, saß ich vor dem Weißrauschen des Fernsehers, bis mir die Augen brannten," erzählt Jeri Ellsworth und wirkt für ein paar Sekundenbruchteile richtig traurig, "denn ich hatte nun nichts mehr, womit ich mich beschäftigen konnte".
Ganz unschuldig an dem Malheur war sie natürlich nicht. Schließlich hatte die damals Achtjährige den Expansionsport mit rostigen Nägeln malträtiert, weil sie dachte, "die Spiele würden nur durch die Hardware erzeugt und dass ich mit etwas Fummelei meine eigenen erschaffen könnte."
Überhaupt nahm sie damals alles auseinander, was ihr in die Finger kam. Offenbar keine schlechte Schule: "Ich lernte viel mehr, wenn etwas schief ging, als aus geglückten Experimenten." Ihr allein erziehender Vater versuchte der schleichenden Haushaltsauflösung durch seine Tochter pragmatisch entgegenzuwirken: Auf seiner Tankstelle stand "Jeri's Box" - ein Kasten, in den die Kunden ihren Elektroschrott werfen konnten, damit die Kleine etwas zum Spielen hat.
Und als sie ihre viel versprechende Karriere als Rennfahrerin und Chassis-Konstrukteurin aufgab, um sich als PC-Händlerin zu versuchen, gewährte der Vater natürlich Asyl - wenn das Geld ob der geringen Gewinnspannen mal wieder nicht für eine warme Mahlzeit reichte.
Die harten Zeiten dürften jetzt allerdings vorbei sein. Als der Hersteller des C64 DTV - wie bereits eine britische und eine kanadische Firma zuvor - Bedenken bezüglich der Finanzierung äußerte und abzuspringen drohte, ließ Jeri sich kurzerhand auf einen Spezialdeal ein: Geringes Honorar, dafür eine ordentliche Beteiligung an den Verkaufserlösen. Wäre das Gerät gefloppt, hätte sie monatelang umsonst gearbeitet. Doch dann kam ja bekanntlich der amerikanische Teleshoppingkanal QVC.
Und nun kann sie im Hörsaal freudestrahlend die Anekdote zum Besten geben, in der sie ein etwas unangenehmer Ex-Arbeitgeber förmlich anbettelte, wieder in seinem Computerladen zu arbeiten. Und sie erwidern konnte: "Ich fürchte, sie können sich mich gar nicht mehr leisten". Damit das so bleibt, erteilt GEE jetzt den Kaufbefehl: Ab 24. August ist die PAL-Version des C64 DTV in Deutschland auf dem Markt. Und besser kann man 25 Euro nicht anlegen, Ehrenwort.
© GEE-Magazin, Hamburg
Auf anderen Social Networks posten:
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Netzwelt | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Web | RSS |
| alles zum Thema YesterTech | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2005
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH