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19.07.2005
 

Chicago

Freier am Online-Pranger

"Sauberer Weg" nennt sich euphemistisch die Webseite der Polizei von Chicago. Die dürfte weltweit zu den populärsten ihrer Art gehören: Allein die aktuelle Seite mit den Porträts von Männern, die sich bei Prostituierten erwischen ließen, schauten sich Hunderttausende an.

Am Pranger: Erwischte Freier en masse. Wir haben die Gesichter unkenntlich gemacht
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Am Pranger: Erwischte Freier en masse. Wir haben die Gesichter unkenntlich gemacht

Die mittelalterliche Einrichtung des Prangers erlebt in den USA ein Comeback. Die moderne Technik hilft mit. In Chicago stellt die Polizei neuerdings die Fotos von Männern auf ihre frei zugängliche Website, die beim Umgang mit Prostituierten erwischt worden sein sollen. Gleich mitgeliefert werden Name, Alter und Adresse.

Die Neugier des Publikums auf die bislang etwa 200 Fotos ist enorm. In den ersten vier Wochen wurde die Seite rund 400.000 Mal angeklickt. Die Behörden der Millionenstadt sprechen von einer "Abschreckungsstrategie": Die Freier sollten vor ihren Frauen, Familien und Nachbarn bloßgestellt werden.

Bürgermeister Richard Daley sagte bei der Vorstellung der Aktion, es gehe vor allem darum, die Prostituierten aus ihrer Lage zu befreien: "Sie haben ein schreckliches Leben. Eine verantwortliche Gesellschaft muss ihnen helfen, ihr Leben zu ändern, und junge Frauen davon abhalten, in die Prostitution zu geraten."

Dies soll erreicht werden, indem vor allem die Nachfrage gesenkt wird. Ob der Pranger jedoch den gewünschten Effekt zeigt, muss sich erst erweisen. Noch würden einige Monate gebraucht, um die Resultate auszuwerten und zu entscheiden, ob die Maßnahme revidiert oder erweitert werde, sagt Polizeisprecher David Bayless.

Das Foto jedes einzelnen mutmaßlichen Freiers wird 30 Tage lang zur Schau gestellt. An der Unschuldsvermutung stört sich die Polizei von Chicago dabei nicht. Die Bilder werden gezeigt, auch wenn die Schuld des Mannes noch gar nicht feststeht. Die Akten über Festnahmen seien schließlich öffentliche Dokumente, argumentieren die Behörden. Sollte sich die Unschuld eines Verdächtigen herausstellen, könne er nachträglich beantragen, dass seine Festnahme wieder aus den Akten gestrichen wird. Die öffentliche Demütigung lässt sich damit freilich nicht mehr rückgängig machen.

Zweifel erlaubt: Wie wirkt "Abschreckung"?

Name, Alter, Adresse, Ort der Verhaftung: Peinlicher Datensatz

Name, Alter, Adresse, Ort der Verhaftung: Peinlicher Datensatz

Neben der Zurschaustellung werden die Freier in Chicago zudem weiterhin mit den bisherigen Mitteln - Geldbußen, Gefängnis, Beschlagnahmung des Autos - bestraft. Prostitution ist in Chicago wie in den meisten Teilen der USA illegal und dennoch weit verbreitet. In der Metropole am Michigan-See arbeiten nach offizieller Schätzung zwischen 16.000 und 25.000 Prostituierte. Im vergangenen Jahr wurden dort 3204 Prostituierte und 950 Freier festgenommen sowie 862 Autos konfisziert.

Chicago ist nun zwar nicht die erste Stadt, die den Pranger wieder entdeckt, um dem ältesten Gewerbe der Welt zu Leibe zu rücken, mit ihren drei Millionen Einwohnern aber bislang die größte. Auch in Akron im Bundesstaat Ohio werden Fotos von Freiern ins Netz gestellt - aber nur von solchen, die bereits verurteilt sind. In Denver in Colorado ist es das Fernsehen, das die Fotos zeigt. Und im kalifornischen Oakland wird die Kundschaft der Prostituierten auf in der ganzen Stadt klebenden Plakaten Schimpf und Schande preisgegeben.

Experten zweifeln allerdings an der Wirksamkeit der Pranger-Politik. Die Chicago-Koalition für die Obdachlosen, eine in der Arbeit mit Prostituierten engagierte Initiative, hat in einer Umfrage herausgefunden, dass nur etwa ein Siebtel des Sex-Gewerbes auf der Straße stattfindet. Die meisten Freier suchten legale Einrichtungen wie Striptease-Clubs, Massagesalons und Begleitagenturen auf, wo sie dem Zugriff der Polizei entzogen seien.

Hinzu komme, dass die Pranger-Aktion das bei vielen Freiern vorhandene Gewaltpotential steigern könne. Als Folge der Bloßstellung könnten sie durchdrehen und auf die Prostituierten oder ihre eigenen Frauen daheim "losgehen", fürchtet Daria Mueller von der Koalition für die Obdachlosen.

Daniel Jahn, AFP

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