Dass die Nachrichtenagenturen jede Stunde des Tages auch pfundweise Trash, Enten und irrelevanten Blödsinn um den Globus funken, ist für Nachrichtenredakteure der Normalfall. Ein wichtiger Teil ihrer Aufgabe besteht darin, aus diesem Wust die wichtigen Dinge herauszufiltern. Das tun sie anhand von Kriterien, die den "Nachrichtenwert" einer Geschichte definieren.
Was aber, wenn da nichts relevantes drin ist im Wust? Nichts meldenswertes, ernst zu nehmendes, auch nur für den Tag wichtiges? Ganz einfach: Dann öffnet man den Filter "nach unten", lässt auch Nachrichten hinein, die sonst keinen Platz gefunden hätten.
Das kommt vor, und zwar erstens periodisch und zweitens immer zur selben Zeit: Redakteure fürchten diese Zeit als "Sommerloch".
Das fällt - Wahl sei Dank - zumindest in Deutschland kleiner aus als normalerweise. Trotzdem schaffen es wieder etliche Meldungen bis zur Veröffentlichung, die normalerweise aus guten Gründen im Orkus verschwunden wären. Ein paar Beispiele:
Hardcore-Fans
Akademische Studien sind ein beliebtes Füllmaterial für Sommerlöcher. Eine richtig spannende zitierte die BBC in dieser Woche: Erkenntnissen des Marktforschungsinstitutes The Leading Question zufolge hören Musikinteressierte mehr Musik als Menschen, die sich nicht so sehr für Musik begeistern. Dabei laden sie mitunter Musik aus illegalen Tauschbörsen - wer hätte das gedacht?
Der Knaller aber ist folgendes: Filesharer kaufen auch mehr MP3s bei legalen Portalen als "normale" Musikhörer - wahrscheinlich, weil sie sich (siehe oben) überdurchschnittlich für Musik interessieren.
Während Musikliebhaber im Monat durchschnittlich 1,27 Pfund (knapp 1,80 Euro) für Audio-Dateien ausgeben, investieren die besessenen Vielsammler ganze 5,54 Pfund (rund 8 Euro). Allerdings, und das sollte nicht unter den Tisch fallen, kaufen nur ein Drittel der Hardcore-Fans MP3s so enthusiastisch, wie sie diese auch tauschen. Die restlichen zwei Drittel tauschen zwar mehr Musik-Dateien, kaufen aber weniger (wenn auch immer noch mehr als die, die sich nicht für Musik interessieren).
Im statistischen Durchschnitt gilt also: Die Musikindustrie sollte sich die bösen Jungs und Mädchen aus den illegalen Tauschbörsen lieber warm halten, als sie zu verklagen. Wir schlagen vor: Bestrafen sollte man stattdessen alle, die sich nicht für Musik interessieren - oder wie soll man die Nachricht sonst deuten?
Plaudertaschen
Noch mehr tiefe Erkenntnisse gefällig? Wie wäre es damit: Zwar telefonieren amerikanische Teenager gern und oft per Handy und verschicken SMS, ziehen zum Quasseln aber das Festnetztelefon vor!
Forscherin Amanda Lenhart vom renommierten Pew Internet & American Life Project fand in akribischer Arbeit auch den Grund heraus: Sie vermutet , dass die Kids im Alter von 12 bis 17 Jahren bei der Telefonrechnung sparen wollen. Meistens würden die bei den Eltern wohnen und die übernähmen in der Regel die Kosten des Festnetztelefons. In vielen Gebieten der USA sind Ortsgespräche über die Festleitung zudem kostenlos.
Schlecht mit Ankündigung
Besonderer Beliebtheit erfreuen sich auch immer Gerichtsmeldungen aus den USA. Neben weltweit wichtigen Präzedenzfällen wie Millionenentschädigungen wegen verkleckerten Kaffees oder Verurteilungen zu 4521 Jahren Haft wegen Pferdediebstahl, die oft eher ins Reich der Legende gehören, sind es vor allem die Berichte aus dem sozialen Brennpunkt, die faszinieren. Und wer Fernsehen sieht weiß, der ist überall in USA.
Obwohl bereits 17 Jahre alt, muss der Verurteilte nun nicht für 261 Jahre hinter Gitter, sondern nur vier Monate lang alle Polizeiautos putzen, wenn sich jemand darin übergeben hat. Wenn seine Kumpel aus dem sozialen Brennpunkt ähnlich drauf sind, wie der jugendliche Delinquent, könnte dabei mehr Arbeit herauskommen, als man zunächst denkt.
Wer nicht will, der muss
Noch ein toller Fund bei AP: 150 bis 200 wilde Ponys wurden dabei beobachtet, wie sie den Assateague Kanal vor dem amerikanischen Städtchen Chincoteague in sage und schreibe fünf Minuten überquerten. Was Schlagzeilen machte: Die armen Viecher mussten das im Nebel tun!
Wer jetzt glaubt, er habe es mit einer spannenden Wissenschaftsgeschichte zu tun, in der kompetente Fachleute die Frage klären, warum die scheuen Wesen dieses Wagnis trotz widrigen Wetters auf sich nahmen, ist auf dem Holzweg. All diese Fragen sind geklärt: Sie taten es nicht freiwillig und auch nicht aus einem mysteriösen inneren Trieb heraus, sondern weil man sie in den Fluss hineintrieb (trotz Nebel). Am anderen Ufer wurden sie eingesammelt und verkauft, und das macht man übrigens jedes Jahr beim jährlichen "Sommerschwimmen" in Chincoteague. Nebel sei Dank hat das in diesem Jahr auch mal jemand berichtet.
Lust auf mehr Nachrichten-Trash?
Massenweise Neuigkeiten der etwas anderer Art sammeln zahlreiche Web-Newsdienste, und nicht nur im Sommer. Eine stets aktuelle Auswahl von mitunter ungeklärtem Wahrheitsgehalt findet man unter anderem bei Excite, Netscape, Newsoftheodd, Yahoo oder Buzzpage.
Verena Dauerer und Frank Patalong
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