Von Carsten Volkery

Stewart Brand
Stewart Brand, 60, ist ein Gründertyp. In den 60ern gehörte er zum harten Kern der Hippie-Szene in San Francisco und rief den "Whole Earth Catalogue" ins Leben , 1984 startete er die Online-Community "The Well", 1988 schließlich das "Global Business Network", wo er weiterhin arbeitet. Sein neuestes Baby, geboren 1995, ist die "Long Now Foundation", eine gemeinnützige Organisation, die Gewaltiges vorhat: Die größte und langsamste Uhr der Welt zu bauen.
Die "Uhr des Langen Jetzt" tickt einmal pro Jahr, ihr Zeiger rückt einmal pro Jahrhundert vor, sie schlägt einmal pro Jahrtausend und soll die Zeit bis ins Jahr 12.000 anzeigen. Sie wird etwa zwanzig Meter hoch sein und soll im Inneren eines Berges in der Wüste von New Mexico oder Nevada untergebracht werden. Dort ist sie einigermaßen sicher vor den Atomkriegen, Immobilienhaien und Erdbeben der nächsten zehntausend Jahre. Der genaue Standort soll in ein bis zwei Jahren feststehen. Ein kleineres Testmodell, etwa drei Stockwerke hoch, will man vorher schon in einer Stadt bauen. Im Gespräch sind San Francisco, Los Angeles und Jerusalem.
Begleitend zur Uhr wollen Brand und Co. die größte und wichtigste Bibliothek seit der von Alexandria errichten. Sie soll die menschliche Geschichte über die 10.000 Jahre hinweg dokumentieren und im Fall des Untergangs der Zivilisation einen Eindruck von unserem Leben geben.
Der Designer des Uhr-Bibliothek-Projekts ist Danny Hillis, der sich mit der Erfindung des "massiv parallelen" Supercomputers einen Namen machte. Stewart Brand ist der Präsident der Long Now Foundation, die noch drei weitere Angestellte hat. Nachzulesen ist die Geschichte ihrer Idee in: Stewart Brand, The Clock of the Long Now. Basic Books, New York, 1999.
SPIEGEL ONLINE: Sie haben geschrieben, die Menschheit befände sich im freien Fall. Was ist unser Problem?
Stewart Brand: Ich sehe kein Problem darin, schnell zu leben. Es wird allerdings zum Problem, wenn es uns davon abhält, uns um die wirklich wichtigen, die langsamen Dinge zu kümmern. Es gibt eine Hierarchie von Schichten in unserer Zivilisation, die sich unterschiedlich schnell verändern. Mode und Business ändern sich ständig, Kultur und Natur nur sehr gemächlich. Wenn wir die langsamen Schichten vergessen, geraten wir in ernste Krisen.
SPIEGEL ONLINE: Und sie glauben, dass eine Uhr, die nur einmal pro Jahr tickt, uns vor diesen Krisen bewahren kann. Wie?
Stewart Brand: Der Vorteil einer großen, langsamen Uhr - sehr groß und sehr langsam - ist, dass sie nicht mit dem immer schnelleren Tempo von Geschichte und Technologie mithält. Die Uhr tickt unbeirrt vor sich hin, wie die Jahreszeiten. Die Uhr fragt: Was passiert, wenn man 10.000 Jahre zurück und 10.000 Jahre nach vorn schaut? Machen Dinge Sinn aus dieser Perspektive? Manche Dinge machen eine Menge Sinn, aber bei anderen gerät man ins Grübeln. Wenn man so Probleme frühzeitig erkennen kann, kann man den Wohlstand, den unsere schnelle Zeit hervorbringt, nutzbringend einsetzen.
SPIEGEL ONLINE: Sie haben geschrieben: "Über zehntausend Jahre nachzudenken, ist ein interessantes Unterfangen." Was ist am interessantesten?
Stewart Brand: Das weiß ich noch nicht. Das ist einer der Gründe, warum ich es so spannend finde. Selbst wir, die seit fünf Jahren darüber nachdenken, finden immer wieder neue erstaunliche Perspektiven. Eine Uhr und eine Bibliothek für 10.000 Jahre zu bauen, ist ein höllisches Designproblem. Und da alle Beteiligten Tüftler sind, haben wir eine Menge Spaß.
SPIEGEL ONLINE: Wer kam auf die Idee?
Stewart Brand: Danny Hillis, der Computerdesigner. Er wollte die Jahr-2000-Schranke durchbrechen, die unser Denken blockiert. Es scheint, dass niemand mehr 30, 40, 50 Jahre im Voraus denken kann. Das ist erstaunlich angesichts der Macht, die wir jetzt haben, Dinge zu verändern.
SPIEGEL ONLINE: Ist diese Macht nicht mit ein Grund dafür, dass wir uns die Zukunft nicht vorstellen können?
Stewart Brand: Das ist richtig. Je mehr wir die Welt verändern können, desto besorgter sind wir über Veränderungen. Darum ist es unmöglich, die nächsten Jahrzehnte zu planen. Früher dagegen war Vorausdenken um fünzig und hundert Jahre ziemlich üblich, zumindest in Europa. In den USA haben wir es nur in der Zeit nach der Amerikanischen Revolution getan, als es hieß: Wir errichten eine "Nation für alle Zeiten". Die Verfassung war für viele Generationen angelegt. Die damalige Kultur war vorwärts schauend und langzeitorientiert.
SPIEGEL ONLINE: Warum ist Langzeitdenken aus der Mode gekommen?
Stewart Brand: Gute Frage. Die naheliegende Antwort wäre, dass man heutzutage schlicht keine Zeit hat, über die nächste Woche hinaus zu denken. Aber ich bin nicht sicher, ob ich das glaube. Es gibt noch ein anderes kulturelles Hindernis, und zwar: Kurzsichtigkeit wird belohnt. Zum Beispiel ist es wirtschaftlich sinnvoll, Gebäude zu bauen, die billig sind und nicht lange halten.
Amerika hat gerade hart mit seiner Infrastruktur zu kämpfen. Unser Erziehungssystem beispielsweise hinkt international hinterher. Das zeigt, dass Wohlstand nicht automatisch zur Lösung struktureller Probleme beiträgt. Wenn die Uhr erfolgreich ist, dann wird ein Zeichen ihres Erfolgs sein, dass sich "infrastrukturelles Denken" ausbreitet und Wirkungen zeigt.
SPIEGEL ONLINE: Wie erklären Sie, dass ältere Leute wie Sie so besorgt um die Zukunft sind? Sollten es nicht vielmehr die Jungen sein?
Stewart Brand: Ältere Menschen leben in der Geschichte. Anders als junge Leute nehmen sie Geschichte daher ernst, zukünftige Geschichte eingeschlossen. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass alte Leute vor allem an den langsamen Schichten interessiert sind, Kultur, Natur etc.
SPIEGEL ONLINE: Die Uhr soll "eine bemerkenswerte Einrichtung an einer bemerkenswerten Stelle" sein, um "mythische Tiefe" zu vermitteln. Was genau stellen Sie sich vor?
Stewart Brand: Das Innere eines Berges in der Wüste. Der Mechanismus soll groß und beeindruckend sein. Er muss das gleiche Gefühl vermitteln wie eine Dampfmaschine, der Big Ben, alle Dinge, die viktorianische Größe haben. Man wird in den Berg hineingehen können. Das ist ein sehr wirkungsvoller, alter Trick: Man geht in den Untergrund, und wenn man wieder herauskommt, sieht man die Welt in einem neuen Licht. Der andere Grund ist der Schutz der Uhr. Höhlen sind extrem haltbar, und der Berg wird für immer da sein, es sei denn, jemand legte es darauf an, ihn zu zerstören.
SPIEGEL ONLINE: Vieles an der Uhr erinnert an Religion. Sie schreiben, sie sei wie ein heiliger Ort, wo man den Alltag hinter sich lässt. Der Besucher soll schweigen, ergriffen von der Größe der Vision. Versuchen Sie, eine neue Religion der Verantwortlichkeit zu gründen?
Stewart Brand: Ergriffenheit ist nur eine mögliche Reaktion. Ebenso wahrscheinlich sind Faszination, ein neues Gefühl für Geduld oder schlicht Langeweile. Aber Sie haben recht. Die Uhr hat vieles, was Religion auch liefert. Wir haben jedoch zwei Gründe, das Projekt nicht zur Religion werden zu lassen. Erstens: Die Uhr soll keine mythische Geschichtsauffassung fördern. Statt Endzeitszenarien zeigt sie ganz einfach, dass die Geschichte immer weiter geht und dass wir eingreifen können. Zweitens: Religionen tendieren dazu, zu Kämpfen zu führen. Und die Uhr soll eine Weile existieren.
SPIEGEL ONLINE: Für welche Eventualitäten im Laufe der zehntausend Jahre planen Sie?
Stewart Brand: Am nächstliegenden sind finstere Zeiten - wenn die Zivilisation wegen einer wirtschaftlichen, technologischen oder militärischen Katastrophe untergeht. Dazu bedarf es keiner allzu großen Fantasie. Und heutzutage geht es nicht mehr wie früher, dass beim Zusammenbruch einer Zivilisation eine andere bereitsteht, die Führung zu übernehmen. Wir leben in einer globalen Gesellschaft. Wenn die untergeht, bevor wir den Mars erobert haben, dann haben wir ein echtes Problem. In der Situation wäre es äußerst hilfreich, eine Gebrauchsanleitung für den Aufbau einer neuen Zivilisation zu haben. Das ist eine der Ideen hinter der 10.000-Jahre-Bibliothek.
SPIEGEL ONLINE: Ist die Uhr nicht einfach ein weiteres gigantomanisches Produkt unseres Jahrhunderts? Was macht Sie so sicher, dass die Menschen sie nicht wie ein neues Las Vegas oder Disney World feiern und bloß ihre Sensationslust befriedigen?
Stewart Brand: Das könnte durchaus passieren. Der Unterschied ist: Es handelt sich nicht um ein kommerzielles Unternehmen. Wir wollen, dass die Uhr ein Symbol wie der Eiffelturm, Big Ben oder die Freiheitsstatue wird.
SPIEGEL ONLINE: Spielen Sie doch mal Prophet: Wird die Zukunft besser oder schlechter?
Stewart Brand: Sowohl als auch. Ich glaube, die Menschen benehmen sich besser, wenn sie glauben, dass die Zukunft etwas besser wird. Wenn sie glauben, sie wird sehr viel besser, dann verhalten sie sich seltsam. Wenn sie denken, die Zukunft wird schlechter oder ist ungewiss, dann benehmen sie sich schlecht.
SPIEGEL ONLINE: Sie glauben an eine "Singularität", einen Punkt in der Zukunft, an dem der technische Fortschritt nicht mehr schneller werden kann?
Stewart Brand: Ich glaube daran, dass Leute vor der Beschleunigung Angst haben. Sie befürchten, dass etwas extrem Merkwürdiges passieren könnte, wenn der Fortschritt in diesem Tempo weitermacht. Sie haben Angst, weil sie herumgeschubst werden. Sogar junge Leute fühlen die Geschwindigkeit. Sie können gut damit leben, weil sie denken, sie haben die Kontrolle. Sie denken, sie befinden sich auf einem fliegenden Teppich und sitzen am Steuer. Das ist eine Illusion. Aber beides passt zum Jahr 2000, die Begeisterung und das Gefühl einer bevorstehenden Zäsur.
Die "Singularität" ist ein Phasenwechsel, so wie wenn heißes Wasser zu Dampf wird. Die "Singularität" ist erreicht, wenn unsere Zivilisation anfängt zu "dampfen". Wir haben keine Ahnung, was das heißt. Die Ängste sind daher verständlich. Ich glaube aber nicht, dass die Menschheit plötzlich an einem Dienstag im Jahre 2031 untergehen wird. Ich glaube, Folgendes wird passieren: Ein Teil der Menschheit wird entscheiden, dass sie in der schnellen Zeit leben wollen. Sie werden dem Fortschritt folgen, wo immer er sie hinführt: Mars oder irgendeine Nanotechnologie-Welt. Der Rest bleibt, wo er ist, aber die beiden Welten werden weiterhin in Kontakt sein. Die Menschen werden einfach in unterschiedlichen Geschwindigkeiten leben.
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