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Speedrun Spiel auf Zeit

3. Teil: Sie tricksen und nutzen Programmierfehler und -schwächen aus - oder auch nicht, je nach Disziplin: Manchmal besteht die Kunst darin, genau das nicht zu tun. Weiter im dritten und letzten Teil...

"Diese Tricks kommen meistens gar nicht von den Speedrunnern selbst, sondern werden von ganz normalen Spielern entdeckt", erklärt Sheqi lässig, während er im Vorbeilaufen einen Zwischengegner erledigt, dem ein normaler Spieler so manche Leben opfert. "Und wenn sie Zeit einsparen, werden sie natürlich übernommen. Manche sind aber so schwierig oder riskant, dass ich sie in meinen Single-Segment-Run-Versuchen meistens nicht wage."

Glossar: "Perfect" Bezeichnet einen Run, in dem der Spieler das Spiel von Anfang bis Ende ohne Energieverlust bewältigt.

Das Risiko, einen bisher gut gelaufenen Run nach 50 Minuten zu versauen, ist zu groß. Meistens sind es aber kleine Flüchtigkeitsfehler an eigentlich völlig harmlosen Stellen, die ihm zum Verhängnis werden. So auch diesmal. Nach einer knappen Stunde kommt der Absturz: An einer Plattform in der Eislandschaft rutscht er wegen eines schlampigen Sprungs ab. Das allein hätte den Run noch nicht ruiniert, aber auch im zweiten Anlauf glückt der Sprung nicht. "Die Motivation ist weg, mit diesem Fehler hätte ich den Run sowieso nicht akzeptiert", entschuldigt er sich.

Es gehört schon eine Menge Selbstbeherrschung dazu, in so einem Fall nicht den Controller in den Fernseher zu schleudern. Für Sheqi ist das Routine. Er startet einfach wieder von vorn. Vier-, fünf- oder sogar sechsmal hintereinander. Je nach Tageslaune. Eine Lektion, die man als Speedrunner schnell lernen muss: Der Reset-Knopf ist dein bester Freund.

Das findet auch Nolan Pflug, "denn gerade wenn es besonders gut läuft, passieren meist die unvorhergesehensten Sachen". Einem Problem, dem man nicht allein mit Können beikommen kann. "Es gehört auch viel Glück dazu", meint Sheqi und schätzt das Verhältnis auf "40 Prozent Können zu 60 Prozent Glück". Jeder, der ihn hat spielen sehen, würde ihm sofort hundertprozentiges Können und manchmal ein Quäntchen Pech bescheinigen.

Es gibt aber auch einen Weg, den Zufall, das Glück und das Pech auszuschalten. "Tool Assisted Speedruns" zeigen wirklich perfekte Runs durch Spiele. Schon zu "Doom"-Zeiten gab es die Möglichkeit, das Spiel durch Modifikationen der Engine in Zeitlupe laufen zu lassen und Demos mitzuschneiden. Die Demos konnten sogar zurückgespult werden. Ähnlich funktioniert das heute mit Emulatoren für alte Nintendo-Spiele. Durch die Zeitlupenfunktion werden Moves möglich, die vorher schlicht an der menschlichen Reaktionszeit scheiterten. Außerdem kann das Spiel jederzeit wieder kurz vor dem Fehler gestartet werden. So entfällt der Druck, und die Ersparnis an vergeudeter Zeit ist enorm.

Die Arbeit an so einem Run erfordert weniger spielerisches Können, aber trotzdem viel Geduld und Kreativität und ähnelt am ehesten dem Editieren von Musik am Computer. Zurückspulen, angucken, zurückspulen, Eingaben ändern, wieder zurückspulen, wieder ändern, bis der richtige Rhythmus gefunden ist. "Versuchen, wieder versuchen und wieder versuchen, bis du den richtigen Weg gefunden hast, die Sache zu perfektionieren", benennt Philippe Côté, der schon mehr als zwölf solcher Filme angefertigt hat, dann auch die größte Herausforderung bei einem Tool Assisted Speedrun. Die Zeit, die dabei bis zu einem fertigen Zehnminutenfilm vergehen kann, schätzt der Finne Joel Yliluoma, der die so genannten TAS auf seiner Webseite http://bisqwit.iki.fi/nesvideos präsentiert, auf "alles zwischen zwei Stunden bis zu sechs Monaten. Je nachdem wie ambitioniert der Macher ist".

Das Ergebnis ist oft nicht weniger als einfach unglaublich. Wer sieht, wie Jean-François Durocher aus Kanada den Klassiker "Arkanoid" in 16:30 Minuten durchspielt und in jedem Level drei Bälle jongliert, ohne auch nur einen einzigen davon jemals zu verlieren, traut seinen Augen kaum. Fast noch beeindruckender ist ein Film vom Japaner Morimoto, der "Super Mario Brothers 3" in 11:04 Minuten knackt und dabei vor lauter Sprüngen fast nie den Boden berührt. Auf Kanonenkugeln führt er regelrechte Tänze auf. Kaum zu glauben. Und genau das ist die Motivation dahinter.

Tool Assisted Runner wollen das optisch eindrucksvollste Ergebnis erreichen, die Filme dienen allein der Unterhaltung - nicht der Demonstration der Gaming-Skills. "Wenn ich nach vielen Stunden Arbeit das fertige Video sehe, bin ich einfach stolz", erzählt Philippe Côté, "und noch zufriedener bin ich, wenn Menschen Spaß daran haben, mein Video zu sehen."

Auch wenn beide Speedrun-Lager klar voneinander getrennt sind, ist die Motivation dahinter im Endeffekt doch in etwa die gleiche: Leidenschaft. Zu sehen, wie weit man es in einer Sache bringen kann. Aber egal ob Tool Assisted oder nicht, Nolan Pflug weiß aus eigener Erfahrung: "Oft endet es damit, dass Leute, die es nach Monaten endlich geschafft haben, einen Run fertig zu stellen, das Spiel hassen." So weit ist Sheqi noch nicht. Er hat sein Ziel noch nicht erreicht. Und obwohl er manchmal spürt, wie ihm langsam die Lust vergeht, wird er nicht aufgeben. Nicht, bevor er es geschafft hat, sein Denkmal zu zementieren.

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