Von Frank Patalong
Das "Ich" ist Trend
Journalisten verstanden sich immer auch als "Gatekeeper", die darüber entscheiden, was alles aus dem unfassbar großen Nachrichtenstrom letztlich in Zeitung oder Nachrichtensendung landen soll; als "Agenda Setter", die entscheiden, welche Themen wichtig sein sollen und welche nicht. Und das alles, während sie sich als handelnde Person hinter einer Objektivität darstellenden Sprache verbergen.
Insbesondere im angelsächsischen Raum gibt es seit Jahren einen starken Trend hin zum subjektiv gefärbten Journalismus, der bis hinein in die "Ich"-Form wieder die Zeugenschaft des Berichters betont - wie in den Anfangstagen der Zeitung. Anders als in deutschen Medien wird da mit Karacho kommentiert. Wo deutsche Kommentare gerne abwägen und ausgewogen-weise am liebsten dem Leser selbst das Urteil überlassen, scheuen sich britische und US-Medien nicht, auch subjektive Urteile zu veröffentlichen, die mitunter quer zur eigentlichen redaktionellen Linie liegen. Das ist spannend und fördert die interne wie externe Debatte.
Deutschen Medien bricht da tatsächlich noch ein Zacken aus der Krone: Die meisten setzen nach wie vor auf unemotionale Sprache und Perspektive, die ihren Lesern, Zuhörern und Zuschauern nur selten auch mal eine Meinung zumutet, an der die sich reiben können.
Jetzt haben sie Konkurrenten bekommen, die freier bloggen - heißt: reden - dürfen als die meisten Journalisten in Redaktionen.
Die Selbstkritik wächst
"Qualitätsverlust und zu viel Freiheit für Journalisten und Korrespondenten lassen die Redaktionen vor einem Einsatz von Weblogs zurückschrecken", schrieb dazu Corinna Warth in ihrem Kommentar "Das Land, das sich nicht traut" bei Onlinejournalismus.de. "Deutschland macht sich wieder einmal viel zu viele Gedanken, anstatt Mut zu beweisen und zu handeln."
Aber gilt Ähnliches nicht auch für die Blogger?
Ziehen sich nicht auch sie hinter eine betonte Stilform zurück, die oftmals mit Polemik statt mit Argumenten punktet? Pflegen sie nicht die Attitüde des überlegenen, weil mit Fachwissen ausgestatteten Nicht-Involvierten, der die Informationen der angeblich parteiischen Akteure in Politik und Medien diskreditiert? Wie viel wertvolle, originäre Stimmen haben denn die so heiß erwarteten Wahlblogs zum öffentlichen Diskurs in diesem Wahlkampf beigetragen?
Leider nicht so viel wie erhofft, resümiert ernüchtert Don Alphonso, einer der bekanntesten Blogger in Deutschland: Zwar seien Angebote wie das Wahlblog oder Lautgeben besser "als die komischen Blogversuche der politischen B-Prominenz bei "Focus", AOL oder die 'Profiwahlblogger' der "SZ" und anderer Medien". Gut seien sie deshalb aber noch lange nicht; sie dürften Schwierigkeiten haben, "von normalen Zeitungen ernst genommen oder als gleichwertiges Medium akzeptiert zu werden".
Als Gründe dafür führt er unter anderem die Minderqualität vieler Beiträge an, die etwa beim Wahlblog "schlichtweg dumme Propaganda nach dem Motto 'Schröder lügt, Merkel sagt die Wahrheit'" seien. Und das setze sich dann in den Diskussionen fort: "Es ist wohl der Fluch eines jeden populäreren Blogs", schreibt Alphonso, "dass sich in den Kommentaren ein gewisses Pack breit macht, das früher in den Tiefen abstruser Foren verborgen geblieben wäre."
Das ist starker Tobak, bestätigt im Übrigen die These, dass gerade Authentizität den Wert eines Blogs ausmacht - und stellt die überzogenen Erwartungen an Wahlblogs endlich auf die Füße.
Aller Anfang ist mühsam
Was haben wir denn erwartet? Die plötzliche Medienrevolution, die die etablierten Netzwerke der Medienmarken hinwegfegen und durch die weise Stimme des Volkes ersetzen würde?
Wie denn? Auch im Land der Blogger scheiden sich langsam Spreu und Weizen, und Erfolg haben - das zeigt das Beispiel der Erfolgs-Blogger in den USA, von denen manche längst Profis und keine Hobbyschreiber mehr sind - vor allem die, die wirklich schreiben können.
Denn eine kostenlose Software allein macht noch keinen Egon Erwin Kisch, und nicht jeder, der tippen kann, kann auch schreiben - oder hat wirklich etwas mitzuteilen. Dass etwas "Blog" ist, heißt nicht automatisch, dass es auch gut ist - auch wenn "Wahl" davor steht. Wie in der "großen" Medienwelt schreibt sich ein gutes Blog nicht von allein: Es bedeutet eine Menge Fleiß und Arbeit, und das auch noch "ehrenamtlich" neben anderen Tätigkeiten.
Auch Jan-Hinrik Schmidt sieht das nüchtern. Für ihn haben sich - "ganz ohne Wertung" - "neben oder jenseits der etablierten Massenmedien" Weblogs etabliert, "in denen Stimmen zu Wort kommen, wie man sie in den professionellen Medien eben nicht zu hören bekommt". Für ihn ist das der Beginn einer Entwicklung, die in Deutschland ja erst vor rund zwei Jahren ernsthaft einsetzte. Gemessen daran hätten die Verfechter der Blogosphäre bereits viel erreicht.
Auch dass es so kommen könne wie in den USA, wo prominente Blogger längst wie einflussreiche freie Journalisten behandelt werden, würde Schmidt "sich wünschen". In den Vereinigten Staaten sei dies den Bloggern jedoch leichter gefallen, weil sie aufgrund ihrer Gesamtzahl schneller eine "kritische Masse" erreicht hätten, die ihnen Gewicht in den Augen von Politik und Medien verlieh. Das könne aber auch in Deutschland noch passieren, denn "wir sind hier auf einem Stand wie die Blogging-Szene in den USA vor zwei, drei Jahren".
Auf die Wahlblogs im nächsten Wahlkampf darf man dann wohl wirklich gespannt sein.
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