ThemaBundestagswahl 2005RSS

Alle Artikel und Hintergründe

  • Drucken
  • Senden
  • Feedback
 

Wahlblogs Alles viel zu wichtig

2. Teil: Im zweiten Teil: Die Wahlblogs können die in sie gesetzten Erwartungen nicht erfüllen. Vielleicht stimmt da was mit den Erwartungen nicht. Weiter...

Das "Ich" ist Trend

Journalisten verstanden sich immer auch als "Gatekeeper", die darüber entscheiden, was alles aus dem unfassbar großen Nachrichtenstrom letztlich in Zeitung oder Nachrichtensendung landen soll; als "Agenda Setter", die entscheiden, welche Themen wichtig sein sollen und welche nicht. Und das alles, während sie sich als handelnde Person hinter einer Objektivität darstellenden Sprache verbergen.

Insbesondere im angelsächsischen Raum gibt es seit Jahren einen starken Trend hin zum subjektiv gefärbten Journalismus, der bis hinein in die "Ich"-Form wieder die Zeugenschaft des Berichters betont - wie in den Anfangstagen der Zeitung. Anders als in deutschen Medien wird da mit Karacho kommentiert. Wo deutsche Kommentare gerne abwägen und ausgewogen-weise am liebsten dem Leser selbst das Urteil überlassen, scheuen sich britische und US-Medien nicht, auch subjektive Urteile zu veröffentlichen, die mitunter quer zur eigentlichen redaktionellen Linie liegen. Das ist spannend und fördert die interne wie externe Debatte.

Deutschen Medien bricht da tatsächlich noch ein Zacken aus der Krone: Die meisten setzen nach wie vor auf unemotionale Sprache und Perspektive, die ihren Lesern, Zuhörern und Zuschauern nur selten auch mal eine Meinung zumutet, an der die sich reiben können.

Jetzt haben sie Konkurrenten bekommen, die freier bloggen - heißt: reden - dürfen als die meisten Journalisten in Redaktionen.

Die Selbstkritik wächst

"Qualitätsverlust und zu viel Freiheit für Journalisten und Korrespondenten lassen die Redaktionen vor einem Einsatz von Weblogs zurückschrecken", schrieb dazu Corinna Warth in ihrem Kommentar "Das Land, das sich nicht traut" bei Onlinejournalismus.de. "Deutschland macht sich wieder einmal viel zu viele Gedanken, anstatt Mut zu beweisen und zu handeln."

Aber gilt Ähnliches nicht auch für die Blogger?

Ziehen sich nicht auch sie hinter eine betonte Stilform zurück, die oftmals mit Polemik statt mit Argumenten punktet? Pflegen sie nicht die Attitüde des überlegenen, weil mit Fachwissen ausgestatteten Nicht-Involvierten, der die Informationen der angeblich parteiischen Akteure in Politik und Medien diskreditiert? Wie viel wertvolle, originäre Stimmen haben denn die so heiß erwarteten Wahlblogs zum öffentlichen Diskurs in diesem Wahlkampf beigetragen?

Das "Wahlblog": "Schlichtweg dumme Propaganda"?

Das "Wahlblog": "Schlichtweg dumme Propaganda"?

Leider nicht so viel wie erhofft, resümiert ernüchtert Don Alphonso, einer der bekanntesten Blogger in Deutschland: Zwar seien Angebote wie das Wahlblog oder Lautgeben besser "als die komischen Blogversuche der politischen B-Prominenz bei "Focus", AOL oder die 'Profiwahlblogger' der "SZ" und anderer Medien". Gut seien sie deshalb aber noch lange nicht; sie dürften Schwierigkeiten haben, "von normalen Zeitungen ernst genommen oder als gleichwertiges Medium akzeptiert zu werden".

Als Gründe dafür führt er unter anderem die Minderqualität vieler Beiträge an, die etwa beim Wahlblog "schlichtweg dumme Propaganda nach dem Motto 'Schröder lügt, Merkel sagt die Wahrheit'" seien. Und das setze sich dann in den Diskussionen fort: "Es ist wohl der Fluch eines jeden populäreren Blogs", schreibt Alphonso, "dass sich in den Kommentaren ein gewisses Pack breit macht, das früher in den Tiefen abstruser Foren verborgen geblieben wäre."

Das ist starker Tobak, bestätigt im Übrigen die These, dass gerade Authentizität den Wert eines Blogs ausmacht - und stellt die überzogenen Erwartungen an Wahlblogs endlich auf die Füße.

Aller Anfang ist mühsam

Was haben wir denn erwartet? Die plötzliche Medienrevolution, die die etablierten Netzwerke der Medienmarken hinwegfegen und durch die weise Stimme des Volkes ersetzen würde?

Wie denn? Auch im Land der Blogger scheiden sich langsam Spreu und Weizen, und Erfolg haben - das zeigt das Beispiel der Erfolgs-Blogger in den USA, von denen manche längst Profis und keine Hobbyschreiber mehr sind - vor allem die, die wirklich schreiben können.

Denn eine kostenlose Software allein macht noch keinen Egon Erwin Kisch, und nicht jeder, der tippen kann, kann auch schreiben - oder hat wirklich etwas mitzuteilen. Dass etwas "Blog" ist, heißt nicht automatisch, dass es auch gut ist - auch wenn "Wahl" davor steht. Wie in der "großen" Medienwelt schreibt sich ein gutes Blog nicht von allein: Es bedeutet eine Menge Fleiß und Arbeit, und das auch noch "ehrenamtlich" neben anderen Tätigkeiten.

Auch Jan-Hinrik Schmidt sieht das nüchtern. Für ihn haben sich - "ganz ohne Wertung" - "neben oder jenseits der etablierten Massenmedien" Weblogs etabliert, "in denen Stimmen zu Wort kommen, wie man sie in den professionellen Medien eben nicht zu hören bekommt". Für ihn ist das der Beginn einer Entwicklung, die in Deutschland ja erst vor rund zwei Jahren ernsthaft einsetzte. Gemessen daran hätten die Verfechter der Blogosphäre bereits viel erreicht.

Auch dass es so kommen könne wie in den USA, wo prominente Blogger längst wie einflussreiche freie Journalisten behandelt werden, würde Schmidt "sich wünschen". In den Vereinigten Staaten sei dies den Bloggern jedoch leichter gefallen, weil sie aufgrund ihrer Gesamtzahl schneller eine "kritische Masse" erreicht hätten, die ihnen Gewicht in den Augen von Politik und Medien verlieh. Das könne aber auch in Deutschland noch passieren, denn "wir sind hier auf einem Stand wie die Blogging-Szene in den USA vor zwei, drei Jahren".

Auf die Wahlblogs im nächsten Wahlkampf darf man dann wohl wirklich gespannt sein.

  • 1. Teil: Alles viel zu wichtig
  • 2. Teil: Im zweiten Teil: Die Wahlblogs können die in sie gesetzten Erwartungen nicht erfüllen. Vielleicht stimmt da was mit den Erwartungen nicht. Weiter...
Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks posten:

  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Xing
  • Digg
  • Google Bookmarks
  • reddit
  • Windows Live
insgesamt 52 Beiträge
Rus 14.09.2005
kein interesse. keine tipps. ausser - buch kaufen. ;-) ne, also ich hab da bisher nichts mit anfangen können. gleichgesinnte können sich auch in foren treffen, obwohl, wenn jemand aufgrund seines gewichtes ( zum abnehmen ) [...]
kein interesse. keine tipps. ausser - buch kaufen. ;-) ne, also ich hab da bisher nichts mit anfangen können. gleichgesinnte können sich auch in foren treffen, obwohl, wenn jemand aufgrund seines gewichtes ( zum abnehmen ) quer durch die staaten läuft und das als weblog reinsetzt, ist das ein erlebnisbericht und von daher schon interessanter mal drüber zu schauen.
Daniel Kulla 14.09.2005
Der Vorteil von Blogs gegenüber Foren besteht hauptsächlich in der Abwesenheit von Gruppendisziplin. Blogs erzeugen und verstärken individuelle Standpunkte, die sich ohne Tagesordnung oder erzwungenen Konsens austauschen können. [...]
Der Vorteil von Blogs gegenüber Foren besteht hauptsächlich in der Abwesenheit von Gruppendisziplin. Blogs erzeugen und verstärken individuelle Standpunkte, die sich ohne Tagesordnung oder erzwungenen Konsens austauschen können. "Foren sind eh ganz schön deutsch", sagte Bob, "deshalb lese ich da meistens nur mit. Die Ältesten bestimmen den Konsens, alle anderen laufen im Minenfeld herum und schießen um sich. Wenn man irgendwas fragt, wird man sofort in irgendeine Fraktion einsortiert. Das stimmt völlig, daß sich da ganz üble Welten aufgebaut haben, weil es überhaupt keinen Abgleich mehr mit der Wirklichkeit gibt. Dann schon lieber Bloggen. Da ist jeder nur eine Durchgangsstation und kann aber sein Ding machen. Das ist in Deutschland auch auffällig wenig verbreitet." Tascha nickte: "Oh ja, da habe ich gerade erst in der c't gelesen, ausgerechnet der IT-Redakteur vom Focus - naja - meinte, daß in Frankreich jeder zweite Oberschüler ein Blog hat, und hier gibt es ganz wenige. Und er meinte, daß liegt an der mangelnden rhetorischen Kultur, an Technikfeindlichkeit und daran, daß es keine starken Zugpferde gibt, auf die sich alle beziehen." http://myblog.de/classless/art/1383126 _________ Weiterführende Literatur: "Die Blogosphäre", Frank Unger http://neuronal.twoday.net/files/magisterarbeit
DJ Doena 14.09.2005
Blogs werden meiner Meinung nach in Ihrer Bedeutung zu hoch angesiedelt. Sie sind nur eine neue Inkarnation des Internets. Seit es dieses gibt, lässt es die Menschen interaktiv partizipieren. War es am Anfang noch das Usenet [...]
Blogs werden meiner Meinung nach in Ihrer Bedeutung zu hoch angesiedelt. Sie sind nur eine neue Inkarnation des Internets. Seit es dieses gibt, lässt es die Menschen interaktiv partizipieren. War es am Anfang noch das Usenet (http://de.wikipedia.org/wiki/Usenet), waren es später zu Zeiten des WWW die Gästebücher, die Kommentarfunktionen und die Webforen. Und jetzt eben die Blogs. Nur weil es 60 Millionen Blogs gibt, sind sie noch nicht besonderes. Ich möchte nicht wissen, wieviele Webforen es gibt, in denen von Star Trek bis "Weblogs - Zu hohe Erwartungen" alles ausdiskutiert wird,.
Marcel Bartels 14.09.2005
Da möchte ich denn auch was zu sagen, lesenswert sind freilich nur Weblogs mit Katzenbildern. ;-) Besten Gruß Marcel vom Parteibuch http://www.mein-parteibuch.de/
Zitat von sysopNicht alle Weblogs sind freilich lesenswert, nicht jeder Blogger ist ein Talent. Was halten Sie von der Weblog-Flut? Lesen Sie Internet-Tagebücher?
Da möchte ich denn auch was zu sagen, lesenswert sind freilich nur Weblogs mit Katzenbildern. ;-) Besten Gruß Marcel vom Parteibuch http://www.mein-parteibuch.de/
sand222 14.09.2005
Stimme ich voll zu!
Zitat von DJ DoenaUnd jetzt eben die Blogs. Nur weil es 60 Millionen Blogs gibt, sind sie noch nicht besonderes. Ich möchte nicht wissen, wieviele Webforen es gibt, in denen von Star Trek bis "Weblogs - Zu hohe Erwartungen" alles ausdiskutiert wird,.
Stimme ich voll zu!
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Netzwelt
alles aus der Rubrik Web
alles zum Thema Bundestagswahl 2005

© SPIEGEL ONLINE 2005
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP



TOP