Bill Gates: "Die längsten Flitterwochen, die ich je gesehen habe"
Der Ton wird schärfer zwischen Microsoft und seinem neuen, vielleicht einzig ernsthaften Konkurrenten. Wer hätte vor ein paar Jahren gedacht, dass der Suchmaschinenbetreiber in so kurzer Zeit vom Liebling der Netzgemeinde zum kritisch bis ablehnend beäugten Buhmann wird? Und dass ausgerechnet Microsoft so manchem plötzlich als notwendiger, gar sympathischer Konkurrent erscheinen könnte?
Die bei Google inzwischen ausgemachte Arroganz, das rasante Wachstum und die immer häufiger als "krakenhaft" beschriebene Informations-Sammelwut haben das Unternehmen Sympathie gekostet - und bringen ungewöhnliche Allianzen hervor. Der jüngste Hieb gegen den Suchmaschinenbetreiber ist heute auf den Seiten des weltgrößten Technologie-Informationsdienstes CNet.com zu lesen: Bill Gates spricht dort über Google - unter der Überschrift: "Was, Sorgen soll ich mir machen?".
"Sie machen 'wir-jetzt-auch'-Google-Talk"
CNet und Google sind sich zurzeit gar nicht grün - und dementsprechend freundlich waren die Fragen, die Gates serviert bekam. Darunter gegen Google gerichtete Steilvorlagen wie der Satz, Google sei doch in der Phase "wenn die irgendwas machen, dann kriegen sie Aufmerksamkeit". Oder, Herr Gates?
Der so elegant Angespielte verwandelte die Frage pflichtschuldig und leicht gehässig mit "Ja, sie machen 'wir-jetzt-auch'-Google-Talk und alle halten es für eine große Sache." Google Talk ist ein Instant-Messaging-Dienst, der eines Tages auch Internettelefonie ermöglichen soll - ein direktes Konkurrenzprodukt zu Microsofts Messenger und anderen ähnlichen Programmen, etwa von AOL.
"Die sind in der Flitterwochen-Phase"
Google sei immer noch in der "Flitterwochen-Phase", stichelte Gates, "die Leute glauben, dass die jederzeit alles hinkriegen, auf jede erdenkliche Art." Auch Microsoft habe eine solche Flitterwochen-Phase gehabt, und andere Mitbewerber ebenfalls, "aber ich würde sagen, in gewisser Weise sind das die längsten Flitterwochen, die ich je gesehen habe".
Die Suchmaschine werbe ja mit dem Spruch, dass sie "die Information der ganzen Welt organisieren" wolle. Microsoft wolle etwas anderes: Nämlich den Menschen die Werkzeuge in die Hand geben, die Information der gesamten Welt zu organisieren. "Wir kennen ihren Slogan, und wir sind anderer Meinung." Kritische Gegenfragen zur Position von Microsoft fanden nicht statt.
Vor Gericht hat Microsoft gerade verloren
Pikant ist die Platzierung des Interviews aus mehreren Gründen. Erstens hat Microsoft gestern die neueste Version seines Desktop-Paketes "Office" vorgestellt - und das wird irgendwie ein bisschen "googelig" sein, nach dem, was bis jetzt zu erfahren ist. Zum Beispiel soll es sich den Bedürfnissen und Gewohnheiten der Nutzer stärker anpassen. Und Personalisierung ist zurzeit auch eines der großen Schlagwörter bei den Maschinensuchern aus Mountain View in Kalifornien. Zudem will sich Microsoft in Zukunft verstärkt im Geschäft mit serverbasierten Anwendungen engagieren - auch da prallen Interessen aufeinander.
Zweitens ist jetzt klar, dass einer der großen Streitfälle zwischen den beiden Riesen zugunsten von Google entschieden wurde: Der ehemalige Microsoft-Topmanager Kai-Fu Lee, der sich im Streit von dem Softwarekonzern getrennt hat, darf künftig für Google arbeiten. Das entschied ein Richter des King County im US-Bundesstaat Washington am Dienstag in Seattle. Nach der einstweiligen Verfügung darf Lee seinem neuen Arbeitgeber Google dabei helfen, eine Dependance in China aufzubauen.
Für Microsoft ist das eine herbe Niederlage: Als im vergangenen Jahr ein anderer Microsoft-Mitarbeiter namens Mark Lucovsky zu Google abwanderte, wurde Microsofts CEO Steve Ballmer angeblich so wütend, dass er einen Stuhl durch den Raum warf und brüllte, er werde Google-Geschäftsführer Eric Schmidt "begraben" und Google "umbringen". Ballmer bestritt kurz darauf, dass das Gespräch mit Lucovsky so verlaufen sei.
"Bitte sag mir, dass es nicht Google ist"
Drittens, und hier zeigt sich deutlich, wie sich der Wind gegen Google dreht, hat Gates wohl nicht zufällig CNet als Plattform für seine Attacken gewählt. Denn mit der Nachrichtenseite stehen die Suchmaschinisten auf Kriegsfuß, seit CNet im Juli Privates ausgerechnet über Googles Eric Schmidt veröffentlichte - lauter Informationen, die Reporterin Elinor Mills er-googelt haben will. Den Börsenwert von Schmidts Aktienpaket (1,5 Milliarden Dollar) fand sie ebenso heraus wie die Tatsache, dass der Manager einmal beim drogenbefeuerten Hippie-Festival "Burning Man" dabei gewesen war. Schmidt fand die Geschichte gar nicht lustig - er verfügte ein einjähriges CNet-Interviewverbot für Google-Mitarbeiter.
Im freundlich Google-feindlich geführten Interview gab sich Gates unbeeindruckt von der Konkurrenz aus Mountain View. Google biete beispielsweise keine Möglichkeiten für Anwender, die eigenen Produkte spezifischen Bedürfnissen anzupassen, die Versuche des Unternehmens, interne Suchmaschinen für Unternehmen herzustellen, seien gescheitert.
Trotz aller zur Schau gestellten Gelassenheit - die Tatsache, dass Gates zum jetzigen Zeitpunkt an dieser Stelle mit solch eindeutigen Spitzen persönlich auf Google einschlägt, lässt tief blicken: In Redmond macht man sich zunehmend Sorgen. Angeblich sagte Steve Ballmer zu Mark Lucovsky, als der seine Kündigung einreichte - noch bevor der Stuhl flog: "Bitte sag mir, dass es nicht Google ist."
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