Von Danny Kringiel
Habt ihr euch auch immer einsam gefühlt im Singleplayermodus? Setzt einfach euren Kontaktmann unter Drogen, legt ihn über die Schulter, und ihr werdet nie wieder allein sein in einer Mission. Und für die ganz Ehrgeizigen: Versucht ihn bis zum Ende des Spiels mitzuschleppen, ohne dass er stirbt! Kämpfen? Ach herrje, schließt euch lieber in einem Wandschrank ein und lasst die NPCs die Arbeit für euch machen. Diejenigen, die dann noch stehen, schickt ihr einfach in einen Kampf auf Leben und Tod - gegen einen Staubsauger.
Nach getaner Arbeit füllt ihr schließlich euren Avatar mit den mühsam zusammengeklaubten 60 Flaschen Schnaps ab, studiert vor einem Spiegel "silly walks" ein und baut schließlich im Vollrausch eure Mauskugel aus, um psychedelische Effekte mit den Stimmen der NPCs zu erzielen. Und für diejenigen, denen die Bewusstseinserweiterung noch nicht weit genug geht, findet sich eine Anleitung, wie man NPCs in durchsichtige, explodierende Geister verwandelt (und zu guter Letzt den Schnapskater durch eine fachmännische, möglichst spektakuläre Selbstsprengung wieder loswird).
Auf diese Weise werden alle möglichen Spiele durch den Wolf gedreht: Wer sich für Online-Galerien explodierender Schweine in "Arx Fatalis" interessiert oder schon immer wissen wollte, wie er seinen Avatar durch Rattenbisse zum Fliegen bringen kann, wird hier ebenso fündig wie "System Shock"-Spieler, die gern die Arme ihrer Spielfigur 13 Fuß lang machen und dann die Erde in die Luft jagen würden.
"Thief"-Zocker erfahren, wie man Klingelstreiche bei den Hammeriten durchführt und Wachen zum Fechten in die Badewanne lockt, Fans von "Thief 2" werden ausführlich darüber informiert, wie man Amok laufende Wachroboter auf eine Party der Stadtobrigkeit lockt und anschließend hübsche Skulpturen aus mit 14.000 Umdrehungen pro Minute rotierenden Vasen baut. Und nur um das Ausmaß des Wahnsinns ganz deutlich zu machen: Die Vasendrehzahl ist kein fiktiver Wert - sie wird in dem Walkthrough haarklein ausgerechnet!
Ganz klarer Liebling der Anti-Walkthrough-Autoren ist allerdings die "Ultima"-Reihe. Hier erhält der ambitionierte Spielevermurkser Antwort auf seine geheimsten Fragen: Wie klaue ich Schafen, Kühen und Hühnern die Eingeweide, ohne sie zu töten? Wie klone ich Lord British, um ihn gegen sich selbst kämpfen zu lassen? Wie kann ich die Erschaffung von Frankensteins Monster mit meinen Partymitgliedern nachspielen und wie dem Pfarrer sein Pult klauen, sodass er bei der Abendmesse stotternd vor der versammelten Gemeinde steht? Und natürlich besonders wichtig: Wie stelle ich essbares Gold her (das Brot brauche ich schließlich zum Treppenbauen)?
Neben den "normalen" Anti-Walkthroughs, die sich mit verschiedensten Fragen von allgemeinem Interesse befassen - etwa "Wie baue ich mir einen als Motorradrocker verkleideten Kampfroboter?" oder "Wie schaffe ich es, im Stehen und auf einem Baumstamm balancierend, der in 2000 Grad heißer Lava schwimmt, zu schlafen?" -, gibt es auch eine Reihe von Spezialartikeln. Sie widmen sich besonders umfangreich einzelnen Facetten des subversiven Verdrehens der "Ultima"-Spiele.
Ein Guide mit dem hübschen Namen "Further Drug Experiments in Ultima 7" zeigt, wie man seine treuen Kampfgefährten durch exzessive Drogenpartys in menschliches Gemüse verwandelt. Und wie man die halb toten Partymitglieder nach dem Hangover zu unverwundbaren Göttern macht (durch noch mehr Drogen natürlich). Ein Hundeliebhaber-Walkthrough für "Ultima 9" erklärt, wie man das Spiel schlägt, ohne dass dabei Wölfe zu Schaden kommen, beziehungsweise wie man nach dem einzig unvermeidbaren Wolfsmord die Führung über das verwaiste Rudel übernimmt und aus Rache alle Schafe der Auftraggeberin erlegt.
Ein "Ultima 8"-Anti-Walkthrough mit dem viel sagenden Titel "How To Be A Complete Bastard In Pagan" zeigt uns schließlich, wie man sich selbst sprengt, dennoch überlebt und anschließend die eigenen verstreuten Körperteile einsammelt. Außerdem erfährt der geneigte Leser, wie man den Weihnachtsmann als Menschenopfer darbringt. Was vor allem insofern beachtenswert ist, als der Weihnachtsmann im Spiel überhaupt nicht vorkommt.
Und das alles sind nur einige Möglichkeiten, wie man Spiele wie "Ultima", "GTA" oder "Soul Calibur" anders spielen kann. Also Spieler, benutzt eure Fantasie und übernehmt die Kontrolle, anstatt immer nach der Pfeife der Entwickler zu tanzen! Setzt den Schiri ab, übersprüht die Feldlinien mit euren eigenen Zeichen, und baut euch eigene Tore aus ein paar geklauten Brettern, Nägeln - und Brot! ¡Viva la revolución!
Auf anderen Social Networks posten:
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Netzwelt | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Web | RSS |
| alles zum Thema Gamers' Corner | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2005
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH