Von Cornelia Stolze
Wer Craig Newmark in seiner Stammkneipe 'Reverie' im Cole-Valley-Viertel von San Francisco trifft, hat nicht gerade den Eindruck von einem neuen Superstar der Internet-Ära. Klein, pummelig und ein bisschen verklemmt, verkörpert der 52-jährige vielmehr den klassischen 'Nerd' - jenen verschrobenen Typ von Computer-Freak also, der mit jedem Rechner zehnmal besser kommunizieren kann als mit irgendeinem menschlichen Wesen.
Dennoch ist Newmark zu einem Held der Online-Szene avanciert. Wer immer in San Francisco, Alabama oder New York einen Job oder eine Wohnung sucht, einen Babysitter braucht, sein Auto verkaufen oder den Partner fürs Leben finden will, wird bei Craigslist.org fündig.
Allein durch Mundpropaganda hat sich die 1995 gestartete Website zu einer rasant wachsenden Plattform für Kleinanzeigen entwickelt. Drei Milliarden Seitenzugriffe verzeichnet die Firma heute pro Monat - mehr als drei Mal so viel wie noch vor einem Jahr. Dem Schweizer "Media Trend Journal" zufolge erreicht der Webverkehr auf Craigslist.org inzwischen eine ähnliche Größe wie bei Amazon.com.
Dabei war die Entstehung von Craigslist, wie Newmark sagt, nur "ein glücklicher Unfall". 1995 hatte er begonnen, einen E-Mail-Newsletter über lokale Kunst- und Netzkultur-Events an seine Freunde zu verschicken. Innerhalb kürzester Zeit entstand daraus eine rasch wachsende Online-Börse für viele weitere Themen und Angebote.
1999, als Newmark die ersten Mitarbeiter einstellte, machte er aus Craigslist eine richtige Firma. Seither hat sich das Projekt auf mehr als 110 Städte in den USA und 35 weitere Länder ausgedehnt, darunter auch Deutschland. Seit kurzem gibt es lokale Portale in Frankfurt, Berlin und München.
Das Erfolgsrezept ist einfach: Internet-Inserate lassen sich nicht nur schneller und systematischer durchforsten als herkömmliche Zeitungsanzeigen. Sie erreichen auch einen viel größeren Kreis von Lesern. Entscheidend aber war etwas Anderes: Fast jeder kann bei Craigslist kostenlos inserieren.
Einzige Ausnahme sind Stellenanzeigen in New York, San Francisco und Los Angeles. Doch mit Preisen zwischen 25 und 75 Dollar pro Job-Inserat und unbegrenztem Platz für Text ist Craigslist unschlagbar günstig. Selbst winzige Anzeigen in einer Zeitung der großen Ballungsräume sind bislang kaum unter 300 bis 400 Dollar zu haben.
Craig kostet die Konkurrenz mehr, als er selbst verdient
Die Folgen bekommen die Zeitungsverlage bereits deutlich zu spüren, wie eine Analyse der Marktforschungsfirma Classified Intelligence in Altamonte Springs (Florida) zeigt. In der Bay Area haben Zeitungen wie der San Francisco Chronicle, die Oakland Tribune oder der San Jose Mercury, allein im Bereich der Stelleninserate Einnahmen in der Höhe von 50 bis 65 Millionen Dollar an Craigslist verloren.
Die Gratis-Konkurrenz trifft die Verlage an einer ihrer empfindlichsten Stellen: Bislang machen Kleinanzeigen im Schnitt 40 Prozent des gesamten Anzeigenumsatzes von US-Zeitungen aus. Und es sieht nicht so aus, als ob sich der verlorene Grund je wieder gut machen ließe. "Wenn etwas gratis zu haben ist", bringt es der Technologieanalyst Rick Summers auf den Punkt, "wer will da noch jemals wieder etwas dafür zahlen"?
Craigslist ist zudem - trotz der Dumping-Preise und dem strikten Verzicht auf jegliche Banner-Werbung - auch ökonomisch ein Erfolg. Experten schätzen, dass seine Firma allein mit Job-Inseraten jährlich zwischen sieben und zehn Millionen Dollar einnimmt. Und das mit einem Team von gerade einmal 18 Leuten, das sich mit schlichten Büros in einem der für San Francisco typischen schmalen, viktorianischen Wohnhäuser zufrieden gibt.
Bestätigen will Newmark diese Zahlen nicht. Unter anderem deshalb, weil er generell nicht gern über Geld redet - und weil es ihm, wie er selbst sagt, nicht wichtig ist. "Ich bin ziemlich zufrieden mit ein paar Nerd-Werten: komfortabel wohnen und dann etwas tun können, das die Welt ein bisschen verändert."
Partner durch die Hintertür: Ebay kaufte sich ein
Tatsächlich könnte Newmark längst ein Dotcom-Millionär sein und sich ein relaxtes Leben ("Urlaub - was ist das?") gönnen. Etliche Male hat der Computer-Freak, der längst zu einem Star der Internet-Szene avanciert ist, Angebote von Investoren ausgeschlagen, die seine Firma kaufen wollten.
Dann allerdings kam es vor einem Jahr zu einer kleinen Panne - zumindest aus Sicht der Kommerz-kritischen Online-Community: Ein ehemaliger Mitarbeiter des kleinen Dotcom-Unternehmens hat 25 Prozent der Firmenanteile an das Internetauktionshaus Ebay verkauft - zum Preis von 15 Millionen Dollar, wie der Internet-Newsletter SmartMoney.com berichtet.
Bei einer Nebenrolle im US-Anzeigenmarkt soll es, wenn es nach den Strategen von eBay geht, allerdings nicht bleiben. Nach dem Vorbild von Craigslist und unter dem zungenbrecherischen Namen kijiji.de hat das Unternehmen vor kurzem eine neue Website lanciert, mit der sie nun die Eroberung des europäischen Kleinanzeigen-Markts antreten will.
Kijiji bedeutet auf Suaheli "Dorf" und "versinnbildlicht den Wunsch, wieder mehr Gemeinschaftsgefühl - wie früher in dörflichen Gemeinschaften - in unsere weltumspannende Internet-Gemeinschaft zu bringen", heißt es in einer Selbstdarstellung.
Dass es dank Kijiji zumindest für die durch die anhaltende Medienkrise arg gebeutelten Zeitungsverlage hierzulande mit der Rest-Idylle bald vorbei sein könnte, steht da freilich nicht.
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