Danielle Tiedt ist vorsichtig. Die Managerin, die bei Microsofts Suchmaschine MSN für "search content acquisition" verantwortlich ist sagt zum Thema Buch-Digitalisierung: "Das bringt der Firma kein Geld. Das ist ein strategischer Schachzug für die Internetsuche im Allgemeinen."
In der Tat nimmt sich das, was Microsoft gerade plant, im Vergleich zu den Anstrengungen des Konkurrenten Google ziemlich bescheiden aus. Das mächtigste Softwarehaus der Welt tut sich mit einem Konkurrenten zusammen - nämlich Yahoo und dessen "Open Content Alliance". Das ist eine Art kleinster gemeinsamer Nenner des digitalen Buchs: Etwa 150.000 veröffentlichte Werke wird man dort zunächst durchsuchen können. Werke, bei denen es keine Copyright-Inhaber (mehr) gibt, die sich beschweren könnten. Im kommenden Frühjahr soll das Projekt ins Netz gehen, in Zusammenarbeit mit dem gemeinnützigen "Internet Archive".
Google dagegen will alles scannen, was je gedruckt wurde, zumindest aber alles, was die größten US-Bibliotheken in ihren Beständen haben - sehr zum Unmut einer ganzen Reihe von Kritikern. Die US-Autorenvereinigung Authors Guild klagte schon vor einiger Zeit, vergangene Woche ging auch die Association of American Publishers vor Gericht.
Sympathie für Copyright-Inhaber
Microsoft fühlt offenbar Sympathie für die vergrätzten Urheberrechtsinhaber: Man komme da aus einer anderen Richtung, sagte Tiedt der Agentur AP, weil man selbst ja auch ständig mit Copyrightverletzungen zu kämpfen habe.
Das ist eine subtile Stichelei gegen das ziemlich ruppige Vorgehen von Google - die Suchmaschinisten aus Kalifornien sind prinzipiell der Ansicht, dass ihre Bemühungen ums gedruckte Wort keine Rechte verletzen. Die Inhaber dieser Rechte können noch Einspruch gegen die Digitalisierung erheben - bis November stehen die Scanner deshalb erst einmal still. Außerdem könnten nur kleine Teile der betreffenden Bücher tatsächlich online gelesen werden, argumentiert Google. Die US-Verlage dagegen sprechen von "Freibeuterei".
Beim Buchhändler Amazon kann man schon seit einiger Zeit den Volltext der angebotenen Bücher durchsuchen, und auch Google Print ist bereits online, inzwischen auch in eigenen Versionen für bestimmte Sprachräume. Die überwiegende Mehrheit der dort durchsuchbaren Bücher ist allerdings in englischer Sprache verfasst - eine Tatsache, die die Europäer verstimmt.
Angeführt von Frankreich klagen Bibliothekare und Politiker, die übermächtige Suchmaschine werde zu einer Dominanz des Englischen in der Repräsentation des Weltwissens führen - gerade für die Grande Nation eine mit allen Mitteln zu bekämpfende Albtraumvorstellung.
Die deutschen Verleger wollen nun das Heft selbst in die Hand nehmen. Unter dem Dach des Börsenvereins des deutschen Buchhandels will man die eigenen Bestände auf eigenen Servern vorhalten - so dass die dann von außen oder über ein eigenes Suchwerkzeug durchstöbert werden könnten. Verlage und Buchhändler könnten dieses Werkzeug in ihre Internetpräsenz integrieren.
Die Dateien selbst und alle Verwertungsmöglichkeiten blieben so bei den Rechteinhabern. Die könnten auch entscheiden, wie viel von einem Buch online als Suchergebnis zu sehen wäre, denn "bei Harry Potter könnten 20 Seiten sinnvoll sein, bei einem Kochbuch aber drei Seiten schon zu viel", erklärt Matthias Ulmer im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Ulmer leitet das Projekt für den Börsenverein. Bei Google Print, ebenso wie bei der Volltextsuche von Amazon, erscheinen standardmäßig fünf Buchseiten - das ist vielen Copyright-Haltern zu viel.
Mit Google und Yahoo ist der Börsenverein schon im Gespräch, beide sind interessiert an einer Zusammenarbeit - die dann aber zu den Bedingungen der deutschen Verlage stattfände. Denen gefällt das Konzept, sagt Ulmer: "Die Verlage sehen, es muss etwas passieren". Gerade kleine Verlage könnten so für ihr Sortiment ganz neue Abnehmerschichten erschließen. In etwa zwei Wochen wird der Börsenverein endgültig über das Projekt entscheiden.
Das deutsche Modell spart Geld
Ein großer Vorteil: Das Einscannen könnten sich die Verlage sparen, erklärt Ulmer, denn "wir haben ja digitale Daten von den Druckereien." Nur die Auflösung müsse angepasst, die Dateien etwa in PDFs umgewandelt werden. Das spart Geld. Microsoft zum Beispiel kalkuliert mit Kosten von etwa 10 US-Cent pro Buchseite für die Digitalisierung.
Interessant ist, dass ausgerechnet Microsoft sich nun zum frei verfügbaren Weltwissen bekennt. "Prinzipiell und philosophisch", sagte Managerin Tiedt der IT-Seite CNet.com, sei man auch der Meinung, dass "intellektuelles Eigentum nicht einem kommerziellen Unternehmen gehören sollte."
Ein verblüffender Standpunkt für einen Konzern, der als erklärter Feind all dessen gilt, was da "Open Source" heißt. Auch diese Bemerkung ist aber wohl nicht der Anfang eines Open-Source-Windows, sondern ein weiterer Piekser gegen Google: Dessen Print-Datenbanken können nur von der eigenen Suchmaschine durchsucht werden, die Bestände der "Open Content Alliance" dagegen sollen von überallher zugänglich sein - natürlich auch von MSN oder Yahoo aus.
Microsoft will nach Tiedts Angaben im ersten Jahr etwa 150.000 Werke digitalisieren, Yahoo 18.000. Manche Bücher könnten eines Tages vielleicht auch nur gegen eine Gebühr zugänglich sein, sagte die Microsoft-Sprecherin. Das Geschäftsmodell werde sich verändern, in Abhängigkeit davon, ob alle Bücher Copyright-frei seien oder nicht.
Google gibt sich, wie immer, unbeeindruckt - sowohl von Microsofts neuer Allianz mit Yahoo als auch von den Sticheleien in seine Richtung. In einer Stellungnahme zu den Plänen heißt es, Google begrüße grundsätzlich "Anstrengungen, der Welt Informationen zugänglich zu machen."
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