Von Frank Patalong
Sie sind im Bilde, sind informiert, wissen alles über Britney und Janet und Paris? Dann gehören Sie zur großen Masse, die sich im letzten Jahr für nichts mehr interessierte als für diese drei Damen. Sagen Yahoo und Google und Lycos, und die müssen es ja wissen: Jeden Tag laufen Hunderte von Millionen Suchanfragen über deren Server. Wenn jemand weiß, was Sie und mich im Web umtreibt, dann die Betreiber großer Suchmaschinen.
Aber Britney Spears? Paris Hilton? Janet Jackson?
Erstere hat ja wohl geheiratet und wurde schwanger. Die zweite wird, qualifiziert durch ihren Trash-Appeal, tatsächlich als "kultig" durchs mediale Dorf gehetzt. Und letztere hatte vor Jahren mal ein Garderobenproblem, das das christliche Amerika in Schockstarre versetzte. Seitdem ist sie wieder da, wo sie vorher auch war: irgendwo im Nachrichten-Nirwana. Dachte ich.
In den USA war das wohl anders. Da machte sie mit Gerüchten über eine angeblich verheimlichte, längst volljährige Tochter Schlagzeilen, die bei Google News, fraglos mittlerweile größter Nachrichten-Durchlauferhitzer der Welt, mehr Interesse fanden als klitzekleine Themachen wie "Hurricane Katrina" oder "Tsunami".
Das sagt eine Menge darüber aus, wie das Netz gestrickt ist. Unterstellen wir doch mal ein paar Dinge.
Zum Beispiel: Im Web sind Nachrichten vor allem Entertainment
Das Potential von News-Überblickseiten wie Google News wird gerühmt: Sie bündeln die Nachrichtenflüsse und arrangieren sie nach einem Algorithmus, der sich an ihrer "Wichtigkeit" orientiert. Für so etwas gibt es Kriterien, "Nachrichtenkriterien", an denen sich menschliche Redakteure orientieren.
Sie wählen aus dem Übermaß an Nachrichten die aus, die das Publikum als wichtig zuerst erfahren soll, und verwerfen den ganzen großen Rest. Die Nachrichtenseiten der Suchdienste arbeiten zwar nicht so, orientieren sich aber wiederum an dieser Auswahl: Sie bewerten als wichtig, was als "Aufmacher" präsentiert wird, kategorisieren Nachrichten nach Fundort und Gewichtung.
Menschlicher Redakteur wie Maschine setzen Nachrichten also erst als wichtig auf die "Agenda", sie entscheiden, was Nachricht ist und was nicht.
Bei den Suchmaschinen gibt es aber noch eine weitere Instanz, die da weit "demokratischer" verfährt: das Publikum. Per Mausklick entscheidet dieses, welche Nachrichten wirklich wichtig waren. Folgte man diesem Publikumsverdikt, hätten alle Redakteure in aller Welt außer denen von "Sun", "Daily Mirror" und "Bild" in ihrem Job versagt. Hier die "wichtigsten", zumindest aber meist nachgefragten Nachrichtenbegriffe 2005 in der Zählung von Google:
Das darf, mit Verlaub gesagt, ja wohl nicht wahr sein, ist es aber wohl. Die Frage ist, über wen das etwas aussagt: den Surfer, das Medium, die "Nachrichtenseite" oder alle drei?
Kreuzen wir letzteres an: Die bei weitem meisten Menschen suchen im Web vor allem Entertainment. Darin unterscheidet sich das Web in nichts vom Fernsehen - zumindest bei Google und Co..
So erklärt sich auch der seltsame Effekt, dass sich die Top-Ten-Liste der Google-Nachrichten fast genau so liest wie die Charts von Lycos, erhoben aus den gesammelten Suchanfragen. Gesucht werden vor allem Promis. Die Unterschiede von Suchdienst zu Suchdienst sind zumindest bei den großen allenfalls graduell. Hier die Lycos-Top 10 für 2005 (mit Vorjahresplatzierung):
Das fällt klar unter Jacke wie Hose, bei Yahoo sieht es ähnlich aus.
Sind solche Listen nun wirklich repräsentativ für unser Surfverhalten? Sucht eine Mehrheit von uns nach Wrestlern, Pokerrunden oder Pokemon-Karten, wenn er nicht gerade Pamela Anderson hinterher surft?
Ein Blick auf kleinere, spezialisiertere Suchdienste zeigt: Nein, diese Tabellen sagen vor allem etwas über die "Massen-Engines" aus, nicht mehr. Hier zum Beispiel die Top 10-Suchanfragen der letzten Woche bei "Ask Jeeves":
Was ist das nun: Eine Suchmaschine mit extrem wenig Nutzern mit sehr spezialisierten Vorlieben? Da liegt ein Kern Wahrheit drin. Von Jeeves erhoffen sich viele Nutzer "hintergründigere" Suchergebnisse, was die Popularität von Recherchen nach der Wintersonnenwende, Gerald Ford oder Prince zumindest ansatzweise erklären könnte. Bei AOL dagegen vermutet kaum einer etwas Hintergründiges. Wer dort auf Recherche geht, hat offenbar elementarere Bedürfnisse zu befriedigen:
Alles scheint also eine Frage der Zielgruppen zu sein, die ein Webangebot bedient. Eine "objektive" Antwort darauf, wofür sich "der Surfer" interessiert, gibt es dagegen nicht.
Die meisten Suchdienste unterteilen ihre Top-Zählungen darum auch nach verschiedensten Kriterien. Bei Yahoo kann man sich ansehen, wer der meistgesuchte Mann, die meistgesuchte Frau ist. Der Suchdienst erfasst, an welchen Begriffen die meisten Menschen ihr Interesse verloren haben und welche Musiker gerade en Vogue sind.
Die Gründe solcher Popularitäten zu hinterfragen ist dann wieder ziemlich ernüchternd: So stieg Eddie van Halen dort von Dienstag auf Mittwoch um 570,48 Prozent nicht wegen seiner (seit längerem nicht mehr geforderten) musikalischen Qualitäten, sondern weil sich seine ungleich populärere Frau Valerie Bertinelli von ihm scheiden lässt. Die brachte es so auch mit einem Plus von 1173,08 Prozent auf Platz 3 der meistgesuchten Schauspieler. So platt ist die Web-Welt.
Wie die wirklich tickt, bekommt man in solchen Statistiken sowieso nicht zu sehen. Dafür braucht man ein Schlüsselloch, dass die Ergebnisse nicht vorsortiert und vorfiltert. In den Anfangstagen des Webs gab es so etwas auch noch bei den großen Suchdiensten. Die meisten wagen das heute nicht mehr.
Doch es gibt sie noch, die "Peepholes", durch die man anderen beim Surfen zusehen kann. SearchSpy bietet so etwas noch in gefilterter und ungefilterter Form an.
Sofort verändert und relativiert sich das Bild. Ja, sie sind alle da, die Paris Hiltons und Britney Spears, die Pamela Andersons und diversen anderen Silikon-Schönheiten. Sie sind nur relativ selten: Allein in der Vielfalt der Anfragen erscheinen sie relativ häufig. Denn gesucht werden auch Statistiken über den US-Staat Missouri oder aktuelle Hundeschauen in Idaho, Blowjobs und leckere Weihnachtsplätzchen, Songtexte und Übersetzungen aus dem Gälischen - und dieser bunte Strauß spezialisierter, seltsam abseitiger, exotischer, vielfältiger Interessen macht das absolute Gros der Suchanfragen aus.
Und entgegen verbreiteter Befürchtungen, genährt durch die ausdrückliche "Adult!"-Warnung, die der unzensierten Schlüsselloch-Seite vorgeschaltet ist, sind auch Anfragen nach Pornografie nicht häufiger als solche nach den ach so populären Starletts der Web-Welt.
Am Ende also entpuppen sich die diversen Top-10-Listen als Info-Porn, als Teil des Web-Entertainments, den man so ernst nicht nehmen muss. Die absolut populärste Suchanfrage der Welt ist und bleibt die nach Kraut und Rüben: Es gibt einfach zu viele von uns Surfern, um uns in nur zehn Schubladen pressen zu können.
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