Von Frank Patalong
Als am 17. Januar die Einstweilige Verfügung, die Rechtsanwalt Friedrich Kurz im Auftrag der Eltern des 1998 gestorbenen Hackers Tron beim Amtsgericht Berlin-Charlottenburg erwirkt hatte, beim Verein Wikimedia Deutschland - Gesellschaft zur Förderung Freien Wissens e.V. einging, schellten umgehend die Alarmglocken. "Zwangsvollstreckung" drohte da, 250.000 Euro bei Zuwiderhandlung und bis zu sechs Monaten Ordnungshaft - es war kein kleines Kaliber, mit dem hier der nächste Schuss in einem bizarren Streit, der Anfang des Jahres begonnen hatte, auf die Wikipedia abgegeben wurde.
Wikipedia: Weltgrößtes, ehrenamtlich verfasstes Lexikon
Wörtlich heißt es in der Verfügung, dass es Wikipedia.de untersagt sei, "die Internetadresse wikipedia.de auf de.wikipedia.org weiter zu leiten, solange unter de.wikipedia.org ein Beitrag vorgehalten wird, der den bürgerlichen Namen des Sohnes der Antragsteller" nenne. Der Vorstand des Vereines beschloss, der Verfügung nachzukommen - inzwischen mäkeln da Teile der Community, das sei eine Überreaktion gewesen.
Die allerdings sehr viel öffentliche Aufmerksamkeit auf den bizarren Fall lenkte. Wikipedia-Anwalt Thorsten Feldmann reichte am 19. Januar Einspruch gegen die Zwangsvollstreckung der einstweiligen Verfügung ein. Das Amtsgericht, durch das ungeahnte Maß an Publicity offenbar selbst schockiert, gab diesem Einspruch bereits am Morgen des 20. Januar statt - gegen Mittag ging Wikipedia.de wieder online.
Geklärt ist damit gar nichts.
Wikipedia erklärt dazu: "Dies bedeutet, dass die einstweilige Verfügung formaljuristisch zwar noch Bestand hat. Bis endgültig über die Rechtmäßigkeit des Beschlusses entschieden ist, entfaltet der Beschluss aber keine Wirkung mehr für uns. Daher dürfen wir seit dem 20. Januar 2006 wieder auf Wikipedia weiterleiten.
Wir rechnen damit, dass das Gericht in der Kalenderwoche 5 über unseren Widerspruch gegen die einstweilige Verfügung entscheidet, und hoffen, dass dann die einstweilige Verfügung endgültig aufgehoben wird."
Worum geht es eigentlich?
Die Antragsteller geben an, bei diesem Streit gehe es um die Persönlichkeitsrechte ihres Sohnes, der in ihrem Verständnis keine Person des öffentlichen Lebens gewesen sei und darum in Presse und Veröffentlichungen auch nicht mit seinem vollen Namen genannt werden dürfe. Ein Argument, das nach zahlreichen TV-Reportagen, Zeitungsberichten und mittlerweile zwei Buchveröffentlichungen, die den "Fall Tron" thematisieren, nur schwer nachzuvollziehen ist.
Die Web-Community wittert da ganz andere Gründe - und setzt erst einmal auf Web-typische Formen des Protestes. Seit gestern verbreitet eine zunehmende Zahl von Weblogs Trons Klarnamen, um die Absurdität einer eventuellen Namensstreichung in der Wikipedia noch zu steigern.
Ob es zu der kommen wird, ist allerdings fraglich. Jimmy Wales, Mitbegründer der Wikipedia und nach wie vor eine ihrer leitenden Figuren, will darauf keine klare Antwort geben. In welche Richtung die Diskussion laufen könnte, deutet er allerdings an: "Unsere Anwälte versuchen gerade, die Situation auszuloten", erklärte er auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE, "und daher kann ich zu diesem Zeitpunkt keinen Kommentar dazu abgeben. Wie auch immer, die radikale Befürwortung des Prinzips der Informationsfreiheit für jedermann gehört zu den Grundsätzen der Wikipedia Foundation. Wir werden immer für das Recht aller Menschen auf der Welt auf Zugang zu Wissen eintreten."
Noch deutlicher wird der Verlag Zenodot, in dem die Wikipress-Bücher und die DVD-Version des Onlinelexikons erscheint. Verlagsgeschäftsführer Ralf Szymanski veröffentlichte am Donnerstagabend einen an den Anwalt Friedrich Kurz gerichteten offenen Brief.
Darin heißt es unter anderem: "Bezugnehmend auf die einstweilige Verfügung die das Amtsgericht Charlottenburg am 17.1.2006 auf Ihren Antrag hin erlassen hat, weise ich Sie darauf hin, dass der Zenodot-Verlag über den deutschen Buchhandel eine DVD-ROM-Ausgabe der Wikipedia verbreitet, in der der volle bürgerliche Name des "Tron" genannt wird.
Ich beabsichtige ausdrücklich, die Verbreitung des Produktes in dieser Form fortzusetzen. Sollten Sie nun auch gegen die von mir als Geschäftsführer vertretene Zenodot Verlagsgesellschaft eine einstweilige Verfügung erwirken, werde ich mich dagegen zur Wehr setzen."
Drohend lässt Szymanski einen Hinweis auf erhebliche wirtschaftliche Schäden folgen, die durch ein Verbot der Verbreitung verursacht werden könnten. Für so etwas aber werde er "Sie, respektive Ihre Mandantschaft, in vollem Umfang dafür in die Haftung nehmen".
Geht es um ein Buch?
Es gibt noch ein aktuelles Buch, das sich als Kandidat für eine Einstweilige Verfügung anbieten würde: "Offenbarung 23" von Jan Gaspard.
In dem Ende 2005 erschienen Schmöker ist Tron so etwas wie der Held: Basierend auf einer bei Bastei Lübbe erschienen Hörspielreihe stilisiert Autor Gaspard den Hacker in einer schwurbeligen Verschwörungsgeschichte unter anderem zum Gesangspartner des (ermordeten) Rappers Tupac Shakur, um ihn später als neuen Messias zu outen. Und der ist natürlich gar nicht tot, genauso wenig wie Tupac.
Eine Verbindung zwischen diesem Machwerk, der Wikipedia und den Einstweiligen Verfügungen gibt es - wenn auch eine sehr indirekte. Heißt es jedenfalls in zahlreichen Blogs. Auch in der internen Diskussion, die die erste Einstweilige Verfügung gegen Wikipedia.org entfesselte, wird die Vermutung bereits angesprochen: "Geht es Dir wirklich um den Wikipedia-Eintrag? Ich kann die moralische Empörung nicht nachvollziehen. Ist das Ganze nicht eher ein Stellvertreterkrieg gegen die Macher von "Offenbarung 23", die - soweit ich das mitbekommen habe - tatsächlich Tron pietätlos vermarkten?"
Die Legende geht so: Der Verlag von "Offenbarung 23" habe die volle Nennung des Namens unter anderem damit gerechtfertigt, dass der ja öffentlich sei - wie man der Wikipedia entnehmen könne. Das jedenfalls erzählte Andy Müller-Maguhn, Sprecher des Chaos Computer Club CCC, der die Familie Trons öffentlichkeitswirksam unterstützt und dadurch einen Streit innerhalb des CCC verursachte, der ORF futurezone. Bestätigen will das natürlich niemand. Nur einer hat sich da womöglich verquatscht.
Ivo F., Vater von Tron, erklärte in einem Gespräch mit Annabel Dillig von der "Süddeutschen Zeitung" die Gründe für die erste einstweilige Verfügung unter anderem mit Verdienstausfällen, die er gehabt habe, weil er ständig auf seinen toten Sohn angesprochen werde - "auch im Ausland".
Was natürlich auch an Burkhard Schröders "Tron"-Buch liegen könnte oder an all den Medienberichten der letzten Jahre. Die liegen Ivo F. aber anscheinend weniger im Magen, als der unter Pseudonym veröffentlichte "Offenbarung 23"-Roman. Der, sagte Ivo F. der "Süddeutschen", sei der eigentliche Anstoß für die einstweilige Verfügung gewesen. "Ich dachte, irgendwann hört das Theater um Boris auf. Aber die machen immer weiter."
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In der englischen wird dazu aufgerufen, in der deutschsprachigen wird es umgesetzt (einer der Gründe für Löschungen). mehr...
Als ich studierte, gab es noch kein Internet. Ich kann aber verstehen, dass es heute eine große Versuchung ist, sich Informationen schneller zu besorgen, als stundenlang in der Uni-Bibliothek zu sitzen. Dennoch muss man die [...] mehr...
Das ist bei einem riesigen Großlexikon wie dem Internet eine ziemlich vermessene und gewagte Behauptung. Der größte aller Informationsvermittler ist schließlich Google. Bei Wikipedia wird nur versucht, alles etwas [...] mehr...
Hmm ich habe da die gegenteilige Erfahrung gemacht und war immer wieder erstaunt grade von der Qualität der wissenschaftlichen Artikel.(Und die haben eigentlich immer Quellen die man dann natürlich seinem Profesor angibt und [...] mehr...
Dass die Fanatiker und Ideologen auf Wiki so zahlreich sind, liegt ganz einfach daran, dass Menschen mit einer verbissenen Weltanschauung idR auch wesentlich mehr Zeit investieren, eben "lauter schreien". Daran werden [...] mehr...
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