• Drucken
  • Senden
  • Feedback
 

Literatur Bekenntnisse eines Netzautoren

Der Schriftsteller im Internet hat es nicht leicht. Er muss sich mit technischen Standards ebenso herumschlagen wie mit seinen Lesern, und das Verlegen nimmt ihm auch keiner ab. Da bleiben die kleinen Sünden nicht aus. Eine Beichte in sechs Teilen.

Jan-Ulrich Hasecke

Jan-Ulrich Hasecke

1. Valid HTML 4.0

Es ist vollbracht! Nach kurzer Prüfung verkündet der "Validator": "Congratulations, this document validates as HTML 4.0 Transitional!". Mein Sudelbuch hat den Rechtschreibtest des W3-Konsortiums erfolgreich bestanden und darf sich nun als HTML-4.0-konforme Website mit einem bunten Button schmücken.

Im Internet ist Konformität revolutionär und Proprietäres keine Kunst, sondern meistens von Microsoft. Während die großen und bedeutenden deutschen Schriftsteller sich trotzig und voller Ingrimm weigern, nach der neuen Rechtschreibung zu dichten und zu denken, kämpft sich so ein kleiner Netzautor wie ich tapfer durch das 389 Seiten umfassende HTML-Regelwerk des W3-Konsortiums, das genau vorschreibt, wie eine Webseite auszusehen hat, damit sie dem ISO Standard 8879 entspricht. Ich bin eben ein ordentlicher Mensch und halte mich, ohne zu klagen, sowohl an die neue Rechtschreibung als auch, soweit dies überhaupt in der Macht eines schwachen Erdenwurms liegt, an sämtliche Standards und Netiquetten im Internet.

Jetzt also können meine Internetseiten auch mit einem Braille-Browser dargestellt und von Blinden gelesen werden. Das hoffe ich wenigstens, denn ausprobiert habe ich es noch nicht. Womit wir bei meinem ersten Geständnis in diesem Artikel wären: Ich habe nicht überprüft, ob meine Seiten mit allen auf dem Markt befindlichen Webbrowsern einwandfrei dargestellt werden können.

2. Der Leser: das allzu bekannte Wesen

Als Netzautor muss man sich nicht nur mit umfangreichen Regelwerken und "Standardbrowsern" herumschlagen, die allen Standards spotten, man bekommt es auch mit dem Leser zu tun. Nervös und kribbelig, wie Internet-Surfer bekanntlich sind, klicken sie, kaum dass sie die Webseite einmal quer gelesen haben, ruckzuck auf den Mail-Link und sagen dem Autor die Meinung.

Und seitdem ich meine Sudeleien nicht nur im Web veröffentliche, sondern sie auch noch per E-Mail verschicke, glaubt so mancher E-Mail-Abonnent des Sudelbuchs, ich hätte dies oder jenes nur geschrieben, um ausgerechnet ihn persönlich zu ärgern. Aber so ist das im Netz: der Leser ist nur einen Mausklick entfernt, und er hält mit seinen Vorlieben nicht hinterm Berg. Womit wir beim zweiten Bekenntnis wären: Ich liebe es, E-Mails von meinen Lesern zu bekommen.

3. Die Poesie der Logfiles

Das Internet ist anarchisch, für jedermann offen und überhaupt eine ideale Waffe für den verkannten Autor im Kampf gegen die Verlegerzunft. Internetautoren sind Dichter und Kaufleute in einer Person - und beide verstehen sich blendend miteinander. Liest so mancher Verleger nichts lieber als seine Bilanzen, so kann sich ein Netzautor stundenlang in seine Logfiles vertiefen, als wären es Sonette von Shakespeare. Hemmungslos berauscht er sich an Zugriffszahlen und schmiedet von morgens bis abends Pläne, wie er durch mancherlei Tricks die Position der eigenen Seite in den Suchmaschinen verbessern kann. Der Vorteil für den Leser ist dabei offensichtlich. Ein Literat, der den ganzen Tag Verleger spielt, kann keine schlechten Gedichte mehr fabrizieren. Womit ich nun mit dem dritten Geständnis heraus muss: Wenn andere Autoren in einschlägigen Mailinglisten mit ihren "Pageimpressions" prahlen, werde ich grün und gelb vor Neid.

4. Auf der Suche nach sich selbst

Schreiben ist Selbstfindung. Diese häufig benutzte Entschuldigung schlechter Autoren kann man bei Netzliteraten wörtlich nehmen. Denn ein echter Internet-Schriftsteller sucht in den Suchmaschinen meistens sich selbst. Und wenn er fündig wird, überkommt ihn ein unbeschreibliches Glücksgefühl. Kein Wunder also, wenn die Selbstfindung zur Sucht wird und die arme Netzliteraten-Seele erst zur Ruhe kommt, wenn die eigene Site in jeder Suchmaschine unter jedem beliebigen Suchbegriff ganz oben gelistet wird. Suchmaschinen bilden geradezu die postmoderne Antithese zum Feuilleton der Moderne. Sie sind wortkarg, unpolitisch und von erfrischender Beliebigkeit. Dennoch, oder gerade deswegen, sind sie für den Literaturbetrieb im Internet unentbehrlich. Und ein Netzautor, der von Yahoo die Auszeichnung "Website der Woche" erhält, kann auf weitere qualvolle Selbstfindung ebenso verzichten, wie ein Buchautor, der so wichtig ist, dass er von Marcel Reich-Ranicki verrissen wird. Womit wir das vierte Geständnis erledigt hätten.

5. Im Einklang mit der Natur

Der Webautor befindet sich völlig im Einklang mit der Natur. Internet-Literatur ist ein Vorbild für umweltverträgliches Kulturschaffen und sollte mit dem blauen Umweltengel ausgezeichnet werden. Man stelle sich nur einmal vor, all die Gedichte, die Weltschmerz austeilenden Kurzgeschichten und die mit unaussprechlichen Heldinnen multiplen Geschlechts bevölkerten Fantasy-Romane, die tagtäglich ins Usenet nach de.etc.schreiben.lyrik und de.etc.schreiben.prosa gepostet werden, würden auf Papier gedruckt. Eine Katastrophe für den deutschen Wald! Greenpeace und die drei vom literarischen Quartett würden gemeinsam - und das mit Recht - dagegen Sturm laufen. Womit wir beim fünften Geständnis angelangt wären: Die Versuchung, netzliterarische Elaborate mit Hilfe von Books on Demand und einer ISBN-Nummer in den Rang etablierter Hochliteratur zu katapultieren und dem Leser etwas zu geben, das er gedruckt mit nach Hause nehmen kann, wird von Tag zu Tag größer.

6. Der Renaissance-Künstler des 21. Jahrhunderts

Doch kehren wir zurück zu den Standards. Was soll ich nun anfangen mit dem "HTML 4.0"-Button vom W3-Konsortium? Ihn auf alle meine 483 Webseiten pinnen? Was für eine Heidenarbeit, wird da der naive Laie ausrufen. Doch weit gefehlt! Für einen gut organisierten Netzautor ist dies kein Problem, denn mit den richtigen Tools, früher hätte man Werkzeuge gesagt, ist dies in ein paar Minuten erledigt. Der Netzautor ist eben ein allseits talentiertes Wesen, ein Renaissance-Künstler des 21. Jahrhunderts: Verleger, Marketingleiter, Webmaster, Grafiker und Programmierer in einer Person. Da muss das Schreiben leider manchmal so nebenher mitlaufen.

Womit mir das sechste und letzte Geständnis erspart bleibt.

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks posten:

  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Xing
  • Digg
  • Google Bookmarks
  • reddit
  • Windows Live
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Netzwelt
alles aus der Rubrik Web

© SPIEGEL ONLINE 1999
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH









TOP



TOP