Im alten Rom war die Sache klar. Brot war Brot, und Spiele waren tödlich, und Gewalt war okay, so lange sie sich nicht gegen die Obrigkeit oder gegen die eigenen Legionäre richtete. Wenn ein Gladiator in der Arena hingeschlachtet wurde, hob der Vater seinen Sohn auf die Schultern, damit der Kleine den Aufprall nicht verpasste - so sah Jugendschutz damals aus. Benahm sich einer daneben, wurde er gesteinigt oder ans Kreuz gehängt.
Zum Glück sieht die Welt inzwischen anders aus - aber ein Faible für brutale Unterhaltung hat die Menschheit immer noch. "Und sind die G'sichter g'schwolln und blutig rot, schmeckt erst so recht das Schnitzelbrot" - so (oder so ähnlich) sang's Reinhard Fendrich einst, und das gilt heute noch, nicht nur für Zuschauer beim Boxsport. Der Jugendschutz dagegen bemüht sich inzwischen, Minderjährigen nicht mehr den direkten Blick aufs Gemetzel zu gestatten, geschweige denn, sie selbst eins anrichten zu lassen.
Besonders heftig bemühen sich Hillary Clinton, Joseph Lieberman und eine ganze Reihe anderer US-Politiker um diesen Sichtschutz. Clinton hat ein 90-Millionen-Dollar-Forschungsprojekt gefordert, das endlich Argumente dafür liefern soll, dass schlimme Videospiele - anders als schlimme Filme und schlimme Bücher offenbar - aus Kindern schlimme Kinder machen. Dieses Forschungsprojekt brauchen Clinton und ihre Kinderschutztruppe dringend - denn jedes Mal, wenn sie wieder irgendwo ein Gesetz durchsetzen wollen, dass Spielverkäufer vor Gericht kommen können, wenn sie schlimme Spiele an Kinder verkaufen, stoppt sie wieder ein Richter. Weil ihre Argumente so schlecht sind.
Dem Richter fehlen "substantielle Belege"
Eben erst in Michigan: "Das Gericht stellt fest, dass Videospiele schöpferische, ausdrucksvolle Meinungsfreiheit enthalten, die von ihren interaktiven, funktionalen Elementen nicht zu trennen ist", so Richter Caram Steeh. Spiele seien deshalb von der Verfassung geschützt, Spielverkäufer zu bestrafen würde die Meinungsfreiheit einschränken. Zudem, so Steeh weiter, hätte die Gesetzesschmiede versäumt, "substantielle Belege" aus der Forschung dafür zu präsentieren, dass schlimme Spiele Kinder brutal machen. Man könne nach der derzeitigen Ergebnislage "ebenso gut sagen, dass das interaktive Element in Videospielen Minderjährigen eine Möglichkeit gibt, ihr gewalttätiges oder aggressives Verhalten auszuleben und so die Wahrscheinlichkeit reduziert, dass sie solche Handlungen in der Realität ausführen".
Manche gehen beim virtuellen Ausleben allerdings selbst Spielfreunden etwas zu weit. Zum Beispiel "Cynewulf", ein 27-Jähriger, auch aus Michigan, der mit seiner Spielfigur in der Altes-Rom-Simulation "Roma Victor" immer auf die Kleinen einschlug. Gemeinsam mit anderen brachte Cynewulf neu aufgetauchte Anfänger im simulierten Online-Rom um, sobald sie das Licht der virtuellen Welt erblickten. Auf virtuellen Spielplätzen ist Gewalt gegen Schwächere ebenso verpönt wie auf echten - nur die Strafen sind drastischer.
Kreuzige ihn! Bewirf ihn mit Äpfeln!
Cynewulf hängt jetzt am Kreuz, wie in der guten alten Zeit. Sieben Tage lang ist der Avatar dem öffentlichen Gespött preisgegeben, andere Spieler kommen vorbei, um ihn zu beschimpfen, auszulachen oder mit virtuellen Äpfeln zu bewerfen. Weil virtueller Dung "zu teuer" ist, wie ein Spieler anmerkte. Normalerweise, kommentiert news.com.au, seien Bestrafungen in Onlinespielen "diskreter" - wer mogelt, fliegt raus. Wirksam aber dürfte der virtuelle Pranger durchaus sein - und man verliert Cynewulf nicht als Kunden. Aber Strafe muss eben sein.
Bestraft werden für Videospiele ist das eine, im Spiel für falsches Spiel bestraft werden ist etwas anderes. Denn jetzt kann man auch noch spielen während man bestraft wird. Gut, das Konzept ist nicht ganz neu, zumindest aus Sicht des Publikums waren die Christen im Circus Maximus ja auch so eine Art Spieler. In der modernen Version aber spielt der Büßer nicht um sein Leben, sondern kann sich bequem auf seiner Knastpritsche zurücklehnen und - sagen wir mal - den virtuellen Rasen mähen.
Daddeln auf der Zellenpritsche
Oder eine Runde Billard spielen. Mit der Retro-Konsole DreamGear, die Häftlinge in den Gefängnissen von Oregon jetzt kaufen dürfen, wenn sie 18 Monate lang brav waren. Für 35 Dollar gibt's dann einen Controller mit eingebauten 50 Spielen, von einem "Frogger"-artigen Straßenüberquerspiel bis hin zu Klonen von "Space Invaders" und anderen Klassikern - und eben von einem Spiel, in dem man den Rasen mähen muss, auf Zeit. Die "New York Times" ätzte, man könne damit vermutlich lernen, "dass das Leben draußen genauso öde sein kann wie das Leben drinnen".
Das alles in 16-Bit-Optik, also auf dem Niveau von Kinderspielzeug der Achtziger, oder wie die Zeitung "The Oregonian" es formulierte, "weit entfernt vom ultimativen Gaming-Erlebnis". Ein Häftling sagte dem Blatt, er empfinde DreamGear inzwischen eher als Teil seiner Strafe.
Und dennoch finden auch diese Spiele natürlich wieder vehemente Kritiker, vor allem unter den Bestrafungs-Profis. Wenn man wüsste, was von ihm hinter Gitter gebrachte Straftäter ihren Opfern angetan hätten, hätte man "Schwierigkeiten, ihnen irgendetwas außer Wasser und Brot zuzugestehen", so Staatsanwalt John Foote gegenüber dem "Oregonian".
Spiele bitte ausschließlich für die Freien also, und nur Brot für die drinnen. Immerhin: Nach Kreuzigungen ruft hier draußen keiner mehr.
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