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05.05.2006
 

Sprach-Verhunzung im Internet

Falsch ist das neue Richtig

Von Frank Patalong

Im Internet tippt Otto-Normalsurfer so krumm, wie ihm die Finger gewachsen sind. Heraus kommen schräge Kurzformen, krude Schreibweisen und - freundlich gesagt - lautschriftliche Umschreibungen des Sinns. Manche Sprachverhunzung ist inzwischen so mehrheitsfähig, dass sie Einzug in Lexika hält.

Lol, obtw rofl ps rulez tgif wth fudhuk? Nein, um dieses Kauderwelsch soll es hier nicht gehen. Solche "Akronyme" für die Ultrakurz-Verständigung im Netz haben ihren Sinn, ihre Berechtigung, machen zudem dem Nachwuchs und kindlicheren Gemütern Spaß. Hier aber geht es um ernste Dinge, um die Verhackstückung der Sprache.

Scheußlich schön: Kommunikation im Internet-Stil
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Scheußlich schön: Kommunikation im Internet-Stil

Denn was konservative Pädagogen schon seit Mitte der Neunziger befürchteten, ist nun aktenkundig: Der Sprachgebrauch im Web verändert die Sprache selbst. Als fleißiger Webnutzer wissen Sie ja bereits, dass man Worte wie "nicht" seit einigen Jahren ohne "icht" schreibt, dafür aber mit "et": "Net war?"

Wer so was schon für scheußlich hält, hat sich nie in Technik-Diskussionen herumgetrieben, in denen absolut nichts (diese Form wird weiter gebraucht, "nets" klänge auch zu dämlich) mehr einfach nur klappt, arbeitet, aufgeht oder funktioniert, sondern natürlich nur noch "funzt" oder "funxt". So wie in "Weis net, was ich faslch mache, bei mir funzts net". Das ist kein Minderheiten-Code, sondern gilt als allgemeinverständlich.

In solchen Augenblicken kann man froh sein, in Deutschland zu leben. Zwar ist Sprache überall auf der Welt etwas lebendiges, dynamisches, das sich ständig verändert, in Deutschland aber natürlich net. Hier funxt das anders.

Bevor sich das hehre Deutsche selbst offiziell verändert, werden erst einmal politisch korrekt auch mit ausländischen Vertretern deutschsprachiger Minderheitssprachgebiete besetzte Gremien gegründet, die alles so gründlich regeln, bis jede natürliche Sprachveränderung für die nächsten 50 Jahre erstickt.

Fehler werden mehrheitsfähig

Jenseits des Ärmelkanals ist das anders. Im englischen Sprachraum begreifen sich die Sprachexperten nicht als Hüter und Regulatoren, sondern als Beobachter. Seit einigen Jahrzehnten beobachten sie zum Beispiel das langsame Verschwinden der "ight"-Formen und dokumentieren ihn als ganz natürlichen Vorgang. Längst finden sich in guten englischen Lexika neben Worten wie "Night" und "Light" die neueren Formen "Nite" und "Lite". Auch so etwas kann man schlimm finden, es ist aber konsequent: Die Schreibweise nähert sich hier der heutigen, aktuellen Aussprache an. Soweit, so gut also.

Seit einigen Jahren aber, berichtet nun der "Guardian", machen sich im Englischen sprachliche Veränderungen ganz anderer Art breit. Dabei geht es um offenkundige Fehler, falsch buchstabierte Worte, ähnlich klingende Begriffe, die falschen Bedeutungen zugewiesen werden und ähnliches. So etwas gab es immer, doch jetzt machen sie die Runde: Im Copy & Paste-Verfahren vervielfältigt, von einem grammatikalisch herausgeforderten Chatter zum anderen weitergegeben, sind viele mittlerweile mehrheitsfähig.

So soll es laut dem Oxford English Corpus - den Sprach-Dokumentaren hinter dem Oxford English Dictionary, dem englischen Äquivalent zum Duden - blödsinnige Schreibweisen geben, die im Internet verbreiteter sind als ihre richtige Form. Gern verhunzen Surfer so den Ausdruck "just deserts" ("gerechte Belohnung", im Sinne von "gerechte Strafe") zu "just desserts", was mit "nur Nachtische" zu übersetzen wäre. Der Gag: Der Nachtisch als Konsequenz aus einer Tat ist im Web deutlich häufiger als die Strafe. Schon 58 Prozent aller "just deserts" im Web können sich über einen kleinen s-Zuwachs freuen, so mancher Straftäter zudem scheinbar über Pudding statt Knast.

Der Brunnen ("fount", kurz für "fountain") der Weisheit, berichtet der "Guardian", wird schon so oft als "font" wiedergegeben, dass sich die Schreibweise als Alternativform im Oxford Dictionary wieder findet. Analog dazu mutieren Worte wie "sleight" zu "slight", "rein" zu "reign", "cords" zu "chords" und vieles mehr. Aus den Schreibfehlern wird dann durch mehrheitlichen Gebrauch eine Regel - und Falsch wird das neue Richtig.

Was uns allen da noch blüht, kann man in jedem lebendigen Chat bewundern, besser noch aber in Web-Gästebüchern, Forumsdiskussionen und Leserbriefen erahnen. Uns erreichen da fast täglich Kostbarkeiten wie die folgende. Das Zitat ist ein Auszug aus einem Diskussionsbeitrag zu einem Artikel im Ressort Wissenschaft rund um das schöne Thema Esoterik und Astrologie, bei dem sich Leser immer wieder gern emotional engagieren. Leserin Magret Z. merkte zu diesem Artikel unter anderem an:

"Von wegen 'kein' Zusammenhang z. Geburtsdatum und auswirkung auf die Persönlichkeit ?
Welcher verwixxter Wisxsxenschaftler (also bezahlt)=(WIXXER ist bezahlte Wissenschaft = NICHT DIE WAHRHEIT IHR LÜGNER!!!)
Lest und staunt ihr schlauen GEBILDETEN dummen :
Mein Vater ist am 1.9. in der Jungfrau geboren als Vater von zwei Männern (also 3)
Mein älterer Bruder ist im Löwe am 1.8. als zweiter von drei geboren = 1 plus 8 = 9
Ich bin als Scorpion am 2.11. 1969 geboren als zweiter von drei also 2 minus 11 = 9 (dreh die neun um und ließ die BIBEL)"

Hier soll es nicht um die von Frau Z. gesuchte sachliche Auseinandersetzung gehen, für die wir "gebildeten dummen" auch gar nicht qualifiziert wären: Hier müsste ganz offensichtlich ein Fachmann ran. Zu beachten sind vielmehr die höchst kreativen orthografischen Sprenkelchen inmitten bis dato unschuldiger sowie verständlicher Wörter, dazu die so revolutionäre wie Internet-typische Interpunktion. Frau Z. gebührt der Ruhm, den Begriff Wissenschaftler einfach durch gezielten Einsatz einiger zusätzlicher Buchstaben ("Wisxsxenschaftler") in seiner Bedeutung deutlich erweitert zu haben: Das ist Sprachschöpfung in Reinunkultur wie sie noch nicht im Buche steht!

Das sollten wir, uns ein Beispiel an unseren angelsächsischen Nachbarn nehmend, aber ändern. So was könnte und sollte man sammeln, um es der Duden-Redaktion zumindest zur Prüfung vorzulegen. Also: Steuern Sie Ihre fiesesten Sprachverhunzungen aus den Tiefen des Netzes bei! Erfreuen Sie uns mit Ihren Hysteriker-Mails! Beglücken Sie uns mit Schöpp-Fungen, die funzen, auch wenn Sie faslch sind.

Und wie immer gilt: E-Mail an netzwelt@spiegel.de genügt, net war? Stichwort nicht vergessen: "et funxt"!

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insgesamt 192 Beiträge zum Forum...
Die neuesten Beiträge:
25.06.2011 von pcpero: Hört hört!

Sie kommen bestimmt aus Bayern, wo man zum Lachen in den Keller geht, wa? Dialekte gehören zum Kulturgut einer Nation, und Lokaldialekte haben durchaus das Potential, eine völlig eigen Sprachentwicklung und semantische Reifung [...] mehr...

09.06.2011 von nixkapital: ...

So, wie mit der "krummen" Sprache im TV. RTL verwechselt ja "kölsch" auch mit lustig, jedenfalls versuchen die permanent, mit diesem rheinschen Idiom ihre billig produzierte "Comedy"-Kost ans [...] mehr...

09.06.2011 von schmuggi29@gmx.de: ja natürlich - yes of course...

selstverständlich, möchte jeder im netz richtig informiert werden! Besonders dann, wenn man wenig zeit und gedankenkraft aufbringen möchte, um sich zu informieren. leider ist es so, das man durch sugestiv-fragen ( auch von [...] mehr...

06.06.2011 von Der demographische Viktor: Der Online-Bildungsbereich könnte hier eine Vorbildfunktion bekommen

Wenn das so ist bzw. wäre, haben bzw. hätten diese Eltern ihren Kindern gegenüber kläglich versagt... bezogen auf den Titel dieses Themas. Ich glaube (ich weiß es nicht, weil mir die Fakten fehlen), dass wir aneinander vorbei [...] mehr...

05.06.2011 von BlubberLord: Sieht man das hier nicht?

Komische Idee die Frage hier zu stellen, wo doch jeder mit eigenen Augen an den Beiträgen anderer sehen kann, wie diese es mit der Rechtschreibung im Web halten. Mehr muss ich dazu wohl nicht mehr schreiben, oder? mehr...

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