Tim O'Reilly gehört eigentlich zu den Guten. Er hat Open-Source-Konferenzen organisiert und sagt gelegentlich Dinge wie, dass man "die Welt verändern" müsse, indem man "das Wissen der Innovatoren verbreitet". In seinem Weblog schrieb der Verleger erst vor ein paar Tagen, "die beste Methode, selbst Web 2.0 zu werden, ist, die eigenen Daten so zu veröffentlichen, dass andere Leute sie wiederverwenden können."
Der Trendbegriff "Web 2.0" gilt als Erfindung O'Reillys - und eine offenbar übereifrige Rechtsabteilung hat seinem Verlag soeben großes Ungemach bereitet, indem sie auf diese Urheberschaft pochte. Ausgerechnet eine Non-Profit-Organisation bekam den bösen Anwaltsbrief, sie möge bitteschön unterlassen, für eine Konferenz mit dem Begriff "Web 2.0" zu werben. Schlimmer noch: Ausgerechnet in O'Reillys irischem Geburtsort sitzt diese Organisation namens "IT@cork".
Vergangenen Mittwoch schickte ein Anwalt von CMP Media, die mit O'Reilly zusammenarbeiten, diesen Brief. Der Organisator der Konferenz in Cork, Tom Raftery, veröffentlichte ihn in seinem Blog. Sogleich brach ein Sturm los in der globalen Blogosphäre, Aberhunderte von Einträgen mit den Stichworten "Web 2.0" und "cease and desist" (Unterlassungsanordnung) wirft eine entsprechende Blogsuche aus. Die Reaktionen reichten von "Einfach ignorieren" über "nennt die Konferenz doch Web 2.1" bis hin zu übelsten Beschimpfungen gegen O'Reilly selbst - dabei weilte der gerade im Urlaub und hat sich bis heute nicht zu dem peinlichen Thema geäußert.
Ein Vertreter von CMP erklärte gegenüber der "New York Times", man müsse solche Briefe verschicken, weil man sich in den USA und Europa "Web 2.0" als Marke registrieren lassen wolle, die Verfahren seien bereits im Gang. Wenn man nicht gegen solchen Missbrauch vorgehe, sei das "schlechte Geschäftspraxis" und könne deshalb der eigenen Bewerbung um die Markenrechte schaden. Die von CMP und O'Reilly organisierte "Web 2.0 Conference" gibt es seit 2004.
Schnell hatte man bei O'Reilly auch in Abwesenheit des Chefs wohl begriffen, dass einem da ein Fehler unterlaufen war. "Es ist nie ein guter PR-Schachzug, Witwen, Waisen, Hunde, Großmütter oder Non-Profit-Organisationen zu verfolgen", schrieb ein Blogger. Bereits am Freitag telefonierte laut "New York Times" eine O'Reilly-Vertreterin mit den Organisatoren der irischen Tagung und man einigte sich. Diesmal dürfen die Iren den Begriff nun verwenden, für künftige Fälle muss dann aber neu verhandelt werden.
Raftery ist mit dem Resultat zufrieden - und er betrachtet es als typisches Beispiel für das, was "Web 2.0" für ihn ausmacht, wie er der "New York Times" sagte: "Wegen Web 2.0 und Bloggen war ich in der Lage, das öffentlich zu machen und eine Entschuldigung von so einer großen Multimedia-Firma zu bekommen." Das sei "nur der Macht des Blogging" zu verdanken.
cis
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