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29.06.2006
 

Weblog

Gaddafi will Fifa abschaffen

Von Florian Harms

Libyens Staatschef Gaddafi ist ein Freund des Internets. Per Weblog wettert er gegen verblendete Terroristen, verbohrte Amerikaner und andere Dummköpfe. Der neueste Streich des Sonderlings kommt pünktlich zum WM-Viertelfinale: Gaddafi will die Fifa abschaffen.

Hamburg - Muammar al-Gaddafi liebt es direkt. Wenn er wieder einmal überzeugt ist, den Rest der Welt mit einer neuen Erkenntnis beglücken zu müssen, nimmt der libysche Revolutionsführer kein Blatt vor den Mund. Legendär sind seine Ausfälle gegen Ronald Reagan ("Cowboy-Präsident"), islamistische Eiferer ("schlimmer als Aids") oder Israelis und Palästinenser (beide gleichermaßen "Schwachköpfe"). Wenn Gaddafi spricht, dann kleckert er nicht, sondern klotzt.

Da passt es ins Bild, dass das Enfant terrible der Weltpolitik sich nicht länger damit zufrieden geben will, vor Mikrofonen zu dozieren und Bücher zu publizieren, die keiner lesen will. Nein, inzwischen hat der nach Fidel Castro am längsten amtierende Diktator, der sich auf Propagandaplakaten gern als Großer Bruder seiner Untertanen feiern lässt, ein neues Betätigungsfeld ausgespäht: Im Internet ließ er sich von seinen Apologeten ein Weblog einrichten, in dem er regelmäßig das Wort an die Welt richtet: auf Arabisch an seine Untertanen und alle anderen Araber sowie auf Englisch und Französisch an den Rest der Menschheit.

Sei es die Kaschmir-Krise, das Nordkorea-Problem oder die Zerstrittenheit der arabischen Staaten - Gaddafi ist kein Thema zu komplex, als dass er es nicht aufgreifen, auf Schlagworte reduzieren und dann kurzerhand "lösen" könnte. In einem ausschweifenden Traktat analysiert er den internationalen Terrorismus und gesteht den USA das "Recht auf Selbstverteidigung" zu. Allerdings müsse zwischen berechtigten Militäraktionen wie dem Afghanistan-Feldzug einerseits und dem viel komplexeren weltweiten Kampf gegen den Terror andererseits unterschieden werden. Und dabei gebe es eben unterschiedliche Meinungen, was als Terrorismus gelte und was nicht. Irgendwo hat man das schon mal gehört.

"Fußball sät Hass"

Origineller ist Gaddafis jüngste Abhandlung, die jetzt pünktlich zur WM in seinem Blog erschienen ist: Garniert mit einem Bildchen, das ihn in jüngeren Jahren beim Kicken zeigt, wettert der Revolutionsführer gegen die Ungerechtigkeit, dass Weltmeisterschafts-Endrunden immer nur in "reichen Ländern" ausgetragen würden. Gemeinsam mit Tunesien hatte sich Libyen um die Durchführung der WM 2010 bemüht, war aber frühzeitig damit gescheitert. Dass das Sportspektakel nun in Südafrika stattfinden wird, blendet Gaddafi lieber aus.

Was er zum Ablauf der WM-Organisation zu sagen hat, lässt schon eher aufhorchen. "Da die Fifa nicht das Eigentum eines Einzelnen oder eines bestimmten Staates oder einer Gruppe von Staaten ist, darf niemand berechtigt sein, sie zu monopolisieren, zu instrumentalisieren oder für seine eigenen Bedürfnisse auszunutzen. Aber genau das passiert heute mit der Fifa", schreibt Gaddafi. Entgegen seiner ursprünglichen Ideale fördere der Fußball heutzutage nicht die Verständigung zwischen den Völkern, sondern säe Hass. Beweis gefällig? "Das (WM-Qualifikations-) Spiel 1970 zwischen Honduras und Salvador führte zu einem Krieg mit 30.000 Toten und Verletzten." Die tatsächlichen, sozialen Ursachen dieser Krise lässt er aber doch lieber unerwähnt.

Mit um so mehr Verve widmet sich Gaddafi dem Sündenregister der Fifa: Der Verband sei für Korruption, Geldverschwendung sowie horrende Ticketpreise verantwortlich und fördere zudem den Ausverkauf armer Länder, indem er junge Spieler an reiche Clubs im Westen vermittle: "Die Kinder der armen Staaten sind zu Sklaven der reichen Länder geworden. Die Fifa hat den Menschenhandel wieder belebt."

Um diese Ungerechtigkeiten zu beseitigen, bietet Gaddafi zwei Lösungen an: Entweder müsse die Fifa radikal umgestaltet werden und ihre Milliarden, die sie für "das nichts sagende Weltturnier" verschleudere, in Armutsbekämpfung, Gesundheits- und Entwicklungshilfe investieren. Oder aber sie müsse ganz abgeschafft werden. Allerdings, so räumt Gaddafi ein, sei er sich nicht ganz sicher, ob Fifa-Boss Blatter tatsächlich gewillt sei, den Verband zu reformieren oder aufzulösen.

Salbadern im gelben Ledersessel

Gaddafis virtuelle Denkschriften mögen skurril sein, aber schon ihre bloße Existenz ist bemerkenswert. Anders als viele arabische Staatschefs betrachtet er das Internet weniger als Bedrohung denn als Entwicklungschance für sein Land: Moderne Kommunikationsmittel sollen die aufkeimende Privatwirtschaft fördern. Rund die Hälfte der libyschen Bevölkerung ist unter 16 Jahre alt, in den wenigen Großstädten an der Mittelmeerküste okkupieren Jugendliche täglich die Internet-Cafés und nutzen die Chance zum kaum zensierten Kontakt mit der großen weiten Welt. So beginnen sich Autoritätsstrukturen und gesellschaftliche Einflusssphären langsam zu verschieben - wenn auch nur abseits der Politik. Ihre virtuelle Macht bewiesen Tausende von libyschen Jugendlichen, als sie im zweiten panarabischen "Superstar"-Wettbewerb 2004 dem trällernden Zahnmedizin-Studenten Ayman Later und dessen Song "Ich liebe Dich" per massenhafter Online-Abstimmung zum Sieg verhalfen.

Auch den libyschen Internet-Nutzern, so sie denn die Website ihres Großen Bruders anklicken, dürfte allerdings nicht verborgen bleiben, dass dessen Online-Pamphlete kaum spritziger sind als sein Reden, die er bevorzugt auf Massenkundgebungen oder auf seinem gelben Ledersessel im libyschen Pseudo-Parlament zum Besten gibt. Bei diesen folkloristischen Darbietungen beweist Gaddafi einerseits immer wieder seine Gabe zur perfekten Selbstinszenierung. Andererseits offenbaren die Auftritte des 63-Jährigen in letzter Zeit immer schonungsloser, dass der einstige Schrecken des Westens nicht nur rhetorisch ausgebrannt ist: Mit schleppender, rauchgeschwängerter Stimme salbadert er seine kruden Polit-Theorien in die Runde, lässt die Claqueure artig applaudieren, kündigt noch geschwind einen seiner berüchtigten ideologischen Richtungswechsel an und tritt dann müde von der Bühne ab.

Auf seiner Website sind diese skurrilen Darbietungen leider nicht zu sehen (die Video-Sektion funktioniert nicht). Schade drum, zumindest der Erheiterung würden sie dienen.

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