Von Holger Dambeck
So könnte es künftig zwei verschiedene Wikipedia-Ausgaben geben: Eine, die nur aus stabilen, tendenziell älteren Artikeln besteht, und eine aktuelle, in der - wie bisher auch - jederzeit Texte verändert werden können. Beim Start der Wikipedia könnten Surfer automatisch auf die stabile Version geleitet werden - nur registrierte User bekommen die "echte" Wikipedia zu sehen, an der sofort in Texte eingegriffen werden kann.
Genausogut könnten Surfer beim Aufrufen eines Wikipedia-Artikels vor die Entscheidung gestellt werden, ob sie die stabile oder die neuere Variante zu Gesicht bekommen wollen. Per Knopfdruck könnte man schnell zur jeweils anderen Version wechseln.
Das klingt zunächst einmal ganz gut. Doch schnell taucht die Frage auf, wer denn eigentlich darüber entscheiden soll, ob ein Artikel offensichtlich frei von groben Fehlern und von Vandalismus ist und deshalb als stabil einzustufen ist. Dies könnte ein ausgewählter Kreis übernehmen - etwa die Administratoren. Es gäbe dann bei Wikipedia eine Zwei-Klassengesellschaft: die der normalen Artikelschreiber und jene der Administratoren, die über die Einstufung "stabil" entscheiden.
Zwar gibt es Administratoren heute auch schon, und sie sperren bereits seit längerem von wiederholtem Vandalismus betroffene Artikel für ein paar Tage, bis sich die Autoren-Gemüter beruhigt haben. Eine Entscheidung aber über die Fehlerfreiheit eines Artikels macht einen Administrator, oder wie auch immer man ihn nennt, zu einer Art Lektor. So etwas kannte man bisher nur aus klassischen Lexikonverlagen - nicht aber aus der Wikipedia.
Hier kommen dann womöglich das vielgelobte Web 2.0 (Wikis) und eine eigentlich in der Community eher verpönte hierarchische Entscheidungsstruktur zusammen - mal schauen, ob's gut funktioniert.
Vandalismus könnte schwerer auffindbar sein
Die Neuerung soll konsequent angewandt werden: "Grundsätzlich muss es von jedem Artikel eine stabile Version geben können", erklärt Wikimedia-Vorstand Schindler. Es werde dabei sicherlich einen großen Haufen unproblematischer Artikel, aber auch "eine Handvoll nerviger und zeitraubender Sonderfälle" geben.
Schindler ist zwar eher ein Verfechter stabiler Versionen, sieht jedoch auch gewisse Risiken. So könnte es zu einem Problem werden, wenn die meisten Surfer nur noch eine statische Wikipedia zu Gesicht bekommen und das Überarbeiten nur noch im kleinen Kreis stattfindet. "Wenn wir potentiell von Vandalismus betroffene Versionen verstecken, haben wir womöglich weniger Chancen, diese zu finden."
In der Tat verschwinden Fehler derzeit oft binnen weniger Minuten, weil sie Besuchern der Seite sofort auffallen. Der Fehler lässt sich schnell beheben - ein echter Vorteil. Auch sollte man die Motivation der Autoren nicht vergessen: Natürlich ist es schöner, wenn eigene Verbesserungen von Artikeln binnen weniger Minuten online sind als erst nach einigen Wochen oder Monaten, wenn der jeweilige Artikel gerade eine neue stabile Version verpasst bekommt.
Die technische Umsetzung stabiler Artikel scheint bereits festzustehen. "Es wird vermutlich auf ein Flag hinauslaufen", sagt Schindler, also einer zusätzliche Kennzeichnung einer bestimmten Artikelversion. Derzeit sei so etwas aber noch nicht in die Wiki-Software integriert. Wann es losgehen soll mit der neuen Wikipedia - darüber hüllt sich Schindler in Schweigen. Nur so viel: "Es spricht sehr viel dafür, mit der deutschsprachigen Ausgabe anzufangen."
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