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16.07.2006
 

Gaming im Osten

Die Russen kommen

Von Felix Scharlau und Linus Volkmann

Russland gilt aus Gamer-Sicht vor allem als ein Land der Raubkopierer. Auch wenn das illegale Geschäft nach wie vor blüht, so hat sich in Metropolen wie Moskau mittlerweile eine eigene Spiele-Industrie entwickelt, die im Kampf gegen die Raubkopierer bestehen kann.

Woran man einen Russen erkennt, das weiß jeder Gamer genau. Er trägt einen langen Wintermantel und eine Pelzmütze mit einem roten Stern drauf. Und: Er zielt mit seiner Kalaschnikow auf dich. So zumindest haben es uns PC- und Konsolengames nachdrücklich eingeimpft. In den vorherrschenden westlichen Game-Szenarien taucht der Russe als solcher ja meist nur als entmenschter Rotarmist a.k.a. Kanonenfutter auf. Kanonenfutter, das durch seine düstere Herkunft bereits die Legitimation für eine Umnietung in sich trägt. Da wird mitunter die Doom’sche Monstren-Revue differenzierter dargestellt.

Russische Games: Kreative Ideen aus dem kühlen Osten
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Russische Games: Kreative Ideen aus dem kühlen Osten

Doch jetzt ist Schluss damit. Denn Russland befindet sich momentan in einer Umbruchphase in Sachen Games. Publisher wie Akella, 1C und Nival lizensieren nicht nur westliche Spiele, sondern entwickeln mittlerweile auch eigene Games mit russischem Background abseits jedes Einflusses durch westliche Kriegsspiele. Zudem gibt es mittlerweile auch eine aktive E-Sport-Szene, Eventspielhallen, kommerziell orientierte Weltübernahmegeheimpläne und noch Diverses mehr. Für solche Geschichten friert man dann auch gern mal vor Ort. Selbst wenn es kalendarisch hier in Moskau doch langsam schon Sommer sein sollte. Was soll’s. Richtige Games-Reporter wie wir haben ohnehin kaum Abwehrkräfte, sind blass vom Kunstlicht und müssen bezüglich Krankheiten eben einfach aufs Beste hoffen. Und möglichst immer irgendwo drinnen sein.

In Moskau angekommen lassen wir uns zunächst einen Nachmittag lang treiben. Ohne Kyrillisch-Kenntnisse ohnehin ein leichtes Unterfangen. Wie magisch angezogen landen wir dennoch bald in einer dieser viehisch bunten und brüllenden Spielhallen, die sich häufig an einem der vielen U-Bahneinstiege finden. „Diese Arcade-Halls haben sich ziemlich gemacht in den letzten Jahren. Früher gab es immer nur vereinzelte Läden mit Geldspielen oder mal ein paar PS2s in Kellern“, wird uns Oleg später erzählen. Oleg ist hier geboren, studiert mittlerweile seit zwei Jahren Informatik in Frankfurt („keine Herausforderung“), besucht Moskau aber regelmäßig. „Diese Arcade-Hallen sind heute ganz professionell aufgezogen. Mit diversen Levels, wo du manchmal mehr findest als in so einem Ding in Tokio.“ Level: Bowling, Level: Billard, Level: Karaoke, Level: Simulationen, Shooter, Autorennen. Dennoch kommt bei unserem Besuch nur wenig bubblegummiges Spielhallen-Flair à la amerikanische High-School-Filme auf. Eher eine spürbare Mischung aus Tristesse und Aggro Moskau.

Kein Wunder, denn Oleg klärt uns auf: „In Moskau ist in den allermeisten dieser Läden der Ausschank von Alkohol erlaubt, und das gehört für viele auch dazu, wenn sie hierher gehen. Abends sollte man tatsächlich ein bisschen aufpassen, man bekommt weit mehr aufs Maul, als das zum Beispiel in Frankfurt passieren würde. Aber das ist schon okay mit den russischen Kids, so läuft das, man bringt sich ja nicht um. Das verstehen meine Freunde in Deutschland aber auch nie.“

Also, dann mal wieder raus aus diesem Wirtshausklischee einer Ballermann-Arcade. Draußen, an der U-Bahn-Station „VDNH“ kann es ohnehin gleich weitergehen. Dort liegt unmittelbar einer dieser Märkte, auf denen man industriell gefertigte Raubkopien kaufen kann. Für Rubel oder Dollar. Die selbst gemachte Original-Software findet sich in Dutzenden echter und feststehender Ladengeschäfte mit erstaunlichem Sortiment. Auf engen Straßen schleust man sich durch diese Containerbauten, von rechts und links brettert osteuropäischer Autoscooter-Techno und hin und wieder Modern Talking. Alles blinkt und leuchtet.

„Ich kaufe meine ganzen Games und die für meine Freunde hier“, erzählt Oleg, „nur bei den PS2-Spielen musst du noch den Ländercode ändern, sonst laufen die nicht. Aber ist kein Problem. Das ist auch der Grund, warum die Games-Kultur in Russland so schnell nachziehen konnte die letzten Jahre. In Deutschland muss sich ein Kid, das nicht irgendwie illegal an Spiele kommt, schon überlegen, für welches Game es sein Taschengeld anlegt. Hier zahlst du auf den Märkten maximal deine 150 Rubel, etwa 4,50 Euro. Da kannst du in viel mehr Sachen reinschnuppern. Ich habe mir gerade ‚Warcraft 4‘ für drei Dollar besorgt.“

Ein Paradies für Gamer, die Hölle für Spielhersteller: Allein in Moskau gibt es Dutzende solcher Märkte voll raubkopiertem geistigen Eigentum – CDs, industriell gefertigte MP3-CDs (zum Beispiel alle Beatles-Alben auf zwei CD-Roms – 4 Euro), DVD-Kopien oder – noch begehrter – DVDs mit Filmen, die eben erst im Kino anlaufen. Und natürlich Games, allerdings fast ausschließlich PC- oder PS2-Versionen. Mit dem Urheberrecht alleine scheint man der Situation vor Ort nur bedingt Herr werden zu können. Das gibt es zwar, alleine seine Einhaltung stellt eine Sisyphusarbeit dar.

Und dennoch: Mit Spielen kann man in Russland trotz professionell agierender Produktpiraten auch legal Geld verdienen. Das belegt zum Beispiel der Erfolg des Publishers und Developers Akella. Das Kerngeschäft der Firma besteht aus Lizensierungen und Übersetzungen westlicher Spiele. Mittlerweile ist der Publisher-Katalog auf 300 Titel angewachsen, darunter extrem prominente wie „Painkiller“, „Prince Of Persia: Warrior Within“, „Postal 2“ (über das noch zu reden sein wird), „Codename: Panzers“, „Everquest 2“ oder „Cold Fear“. Erst im März wurde ein wichtiger Distributionsvertrag mit Atari unterzeichnet. Mittlerweile ist die Moskauer Zentrale an der Metro-Haltestelle Sawjolowskaja im Norden des Stadtkerns ein Großraumbüro-Bienenstock mit mehr als 200 Angestellten. Hinzu kommen noch vier ausgelagerte Entwicklerstudios. „Wir haben 2002 mit eigenen Spielen für PC und Xbox begonnen“, erzählt uns Semenova bei einem dieser seltsam dünnen russischen Kaffees. „2003 kamen dann auch PS2-Versionen dazu.“

Wir erzählen ihr von den vielen illegalen Spielen, die wir auf dem Weg zu ihr gesehen haben, und erwarten Hasstiraden oder zumindest Zähneklappern. Aber nö: „Anfang der Neunziger war das mit der Produktpiraterie gar nicht so schlimm – wir konnten unsere Verpackungen noch aufwendig gestalten und Spiele zu unterschiedlichen Preisen verkaufen. Aber 1998 waren mehr als 90 Prozent all der in Russland verkauften Spiele Raubkopien. Fortan gab es von uns nur noch normale CD- oder maximal DVD-Hüllen als Verpackung. So konnten wir fast den gleichen geringen Verkaufspreis wie die raubkopierten Spiele erzielen – und überlebensfähig bleiben. Denn wir verfügen hier zwar über Anti-Piracy-Kommissionen, aber es gibt einfach zu viele Produktpiraten.“

Ein 1-Disc-PC-Game von Akella kostet in der abgespeckten Version neu umgerechnet zwei bis drei Dollar. Mehr-CD-Games vier bis sechs, Top-Titel auch mal bis zu zehn Dollar. Ein auf den ersten Blick lächerlicher Preis, der aber natürlich auch der geringeren Kaufkraft im Land geschuldet ist. Denn der Prozentsatz der viel zitierten russischen Öl-Milliardäre, die durch zahllose RTL2-Reportagen in unser Bewusstsein gerückt wurden (und wie wir vor Ort erfahren, auch mal Eminem oder Robbie Williams zum Geburtstag des Sohnes einfliegen lassen), ist eben verschwindend gering. Und doch: Durch die knallharte Preispolitik lässt sich trotzdem ein satter Gewinn erwirtschaften. Noch dazu einer mit einem anderen positiven Nebeneffekt.

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