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28.07.2006
 

Internet

US-Repräsentanten sperren Jugendliche aus dem Netz

Von Christian Stöcker

Fast unbemerkt ist ein Gesetz durchs US-Repräsentantenhaus geschlüpft, das Amerikas Armen den Zugang zum Internet massiv erschweren könnte. Dabei soll es eigentlich Jugendliche vor Sexualstraftätern schützen.

Das ganze Internet summt und brummt im Augenblick, berauscht sich am eigenen Drehmoment, der "Weisheit der Vielen", der Kreativität der Community. Es wird endlich Geld verdient, oder doch zumindest davon geträumt. Die Dotcom-Blase Nummer zwei wächst langsam heran. Jetzt will das US-Repräsentantenhaus der Blase den Blasebalg wegnehmen.

MySpace-Profile: "Virtuelles Jagdrevier"
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MySpace-Profile: "Virtuelles Jagdrevier"

Aufgepumpt wird sie mit Zeit - der Zeit, die all die Community-Mitglieder da draußen investieren, um bei YouTube lustige Videos einzustellen, bei Digg.com interessante Webseiten zu empfehlen oder bei MySpace an ihrer Profilseite zu feilen. Investiert wird diese wertvolle Zeit, die ein neues Online-Wirtschaftswunder schaffen soll, vor allen von denen, die viel davon haben: Schülern und Studenten nämlich, die beispielsweise einen großen Teil der gen 100 Millionen strebenden MySpace-Population ausmachen.

Und gerade diese arbeitswilligen, enthusiastischen Gemeinschafts-Arbeiter im Teenager-Alter will das US-Repräsentantenhaus nun aussperren. Zumindest von öffentlich mitfinanzierten Internet-Zugangsstellen sollen "Community-Websites" künftig nicht mehr erreichbar sein für Minderjährige. Mit der überwältigenden Mehrheit von 410 zu 15 Stimmen verabschiedete das Repräsentantenhaus am Donnerstagabend den "Deleting Online Predators Act", kurz DOPA - seltsamerweise fast ohne öffentliche Aufmerksamkeit. Während die Blogosphäre sich bereits die Finger wund tippt, um gegen das Gesetz zu protestieren, ist von den etablierten US-Medien rein gar nichts zu hören zu dem ziemlich revolutionären Vorstoß.

Das Totschlag-Argument von den pädophilen Jägern

Der republikanische Abgeordnete Mike Fitzpatrick, einer der Verfechter des Gesetzes, sagte, soziale Netzwerk-Seiten wie "MySpace, Friendster und Facebook" seien zu einem "sicheren Hafen für Online-Sexualstraftäter" geworden, zu einem "virtuellen Jagdrevier". In der Tat sind in den vergangenen Monaten einige Fälle bekannt geworden, in denen Pädophile über MySpace mit ihren potentiellen Opfern Kontakt aufgenommen hatten. Das Argument mit den Kinderschändern verfängt im Kongress offenbar - anders ist die Erdrutsch-Zustimmung für das ausgesprochen schusselig aufgesetzte Gesetz nicht zu erklären.

Das DOPA-Gesetz ist ein klassisches Beispiel für "Sack gemeint, Esel getroffen": Der Text (PDF) ist so schwammig formuliert, dass das halbe kommerzielle Internet künftig für all jene Jugendlichen, die auf öffentliche Internetzugänge angewiesen sind, nicht mehr erreichbar sein könnte. Die Definition von "Community-Website" enthält die Merkmale "kommerzieller Betreiber", "Möglichkeit, Profile anzulegen, die detaillierte persönliche Informationen enthalten", "Möglichkeit, ein Online-Tagebuch zu führen" und "Möglichkeit, zur Kommunikation zwischen den Nutzern".

Mit diesem großen Netz fängt das Repräsentantenhaus nicht nur MySpace und Facebook, sondern beispielsweise auch den Buchhändler Amazon, weil man dort Profile anlegen und Persönliches preisgeben kann (etwa die eigenen Lieblingsfilme), digg.com und slashdot.com, weil man dort Profile anlegen kann, und, aus dem gleichen Grund, einen großen Teil aller Onlineangebote von Zeitungen und anderen Nachrichtenanbietern. Auch SPIEGEL ONLINE wäre nach dem DOPA-Vorstoß nicht mehr für Kinder und Jugendliche geeignet - weil man auch hier im Forum Nachrichten an andere versenden und Persönliches über sich verraten kann, wenn man das möchte.

"Parteilichkeit und Panik"

Der Demokrat John Dingell, Abgeordneter für den Staat Michigan, sprach laut ZDnet folgerichtig von einem "schlecht durchdachten Stück Gesetzgebung, das "merkwürdig nach Parteilichkeit und Panik riecht", aber die eigentlich anzugehenden Probleme nicht löst.

Die Wissenschaftlerin Danah Boyd, die an der Berkeley University in Kalifornien die Entwicklungen im Netz verfolgt und erforscht, wurde in ihrem Blog deutlicher: "Weil dies sowohl Schulen als auch Bibliotheken betrifft, wird es die digitale Kluft dramatisch vergrößern. Arme Jugendliche finden nur in Schulen und Bibliotheken Zugang zu solchen Seiten. Durch dieses Verbot werden arme Jugendliche keinen Zugang mehr zu den kulturellen Schöpfungen der Gegenwart bekommen." Zudem werde das Gesetz auch Erwachsene in ihren Möglichkeiten einschränken: Viele Institutionen werden kaum in der Lage sein, unterschiedliche Rechner für Minder- und Volljährige zu unterhalten.

Der sehr populäre Blogger Michael Arrington sekundiert auf seiner Seite Techcrunch: "Wenn Jugendliche diejenigen sind, die am wahrscheinlichsten neue soziale Software annehmen, dann, meine ich, wäre es im Interesse all derer, die sich für soziale Software interessieren, die Versuche der US-Regierung genau zu beobachten, Kinder davon fernzuhalten."

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