Er nennt sich selbst geriatric1927, was auf sein Geburtjahr verweist, sitzt vor Blümchentapete in seinem Sessel und erzählt in Videos, die er bei YouTube veröffentlicht, sein Leben. Und siehe da: Hundertausende sehen und hören ihm begeistert zu.
Viel Action hat geriatric1927 nicht zu bieten. Denn bei YouTube, wo sich normalerweise die Teenys der Welt zappelnd und tanzend, Playback-singend oder Gitarre spielend exponieren, erzählt der 79-jährige Peter aus Großbritannien einfach von seinen Meinungen und aus seinem Leben. "Duck dich!" will man da schon rufen, denn was als Spott und Häme sollte ein Rentner, der im Lehnsessel vor Blümchentapete sitzend aus seinem Leben erzählt, vom zumeist jugendlichen YouTube-Publikum zu erwarten haben?
Die Antwort überrascht: Tausende von E-Mails innerhalb einer Woche, Hunderte von Kommentaren und eine Flut von Antwort-Videos zum Beispiel, in denen dieses jugendliche Publikum dem Filme versendenden Rentner Respekt zollt. Seit sein Erstling (siehe unten) vor knapp einer Woche bei YouTube erschien, sind
Peters Werke permanent in den Top 100 der meistgesehenen Videos zu finden.
Und das sind nicht wenige: Nachdem sich der allein lebende Witwer dazu durchgerungen hatte, es selbst einmal zu versuchen, veröffentlichte er sieben Filme in sieben Tagen. Am Sonntag fanden sich die Autobiografie-Teile "Telling it all" Teil 2 und 3 noch auf den Chart-Plätzen 5 und 13. Sein Erstling "First Try" rangiert mit über 400.000 Abrufen bereits auf Platz 15 der Monatscharts, Tendenz steigend (die Top-Notierung des Videos war Platz 3 in den Tages-Charts). Am Montagmorgen wies YouTube den Biografie-Teil 2 als meistdiskutierten Beitrag im Angebot aus, Teil 3 folgt drei Plätze dahinter.
Das YouTube-Team ist an all dem nicht ganz unschuldig, es setzte Peter "geriatric1927" als Tagestipp an die Spitze der "Featured in YouTube"-Liste. Keine Frage: Peter ist ein YouTube-Shootingstar.
"Meine Lieblingsmusik: Blues"*
Recht umständlich und stets höflich, dabei auf Kommentare zu seinen Beiträgen wie auf Beiträge anderer "YouTuber" eingehend monologisiert geriatric1927 in fünf bis sieben Minuten langen Sequenzen über die verschiedensten Themen. Das Internet, erzählt er, habe ihm viele Segnungen gebracht. Neben YouTube sei er fleißiger Skype-Nutzer, Surfer sowieso, und sammele so viele Kontakte.
Einen hat er wohl mit seinem ersten Beitrag regelrecht gesucht: Am Ende von "First Try" wirft er schnell noch den Satz ein, alle YouTube-Nutzer sollten "renetto" drängen, doch weiter zu machen.
"Meine Lieblingsbücher: Alle, in denen es um menschliche Beziehungen geht" *
Der 39 Jahre alte Künstler und überzeugte YouTube-Community-Verfechter schickt seit fünf Monaten seine Videos von Ohio aus ins Netz, und offenbar mag Peter die ganz besonders. renetto
scheut Werte-Debatten nicht, und auf die
lässt sich auch Peter gerne ein. Seit ein paar Tagen führen sie nun einen öffentlich geführten Dialog via Video über Umgangsformen bei YouTube. Das sind dort äußerst ungewohnte Töne, die von der "Gemeinde" aber begierig aufgenommen werden. Peter mit seinen 79 Jahren scheint der Debatte da einiges an zusätzlichem Gewicht zu verleihen.
Denn was geriatric1927 in allererster Linie erntet, ist Respekt. Es gibt wohl keinen anderen YouTuber, der von seinen Fans mit "Sir" angeredet wird - und mit Sicherheit keinen, über den sie als "elder gentleman" reden. "Vielleicht verdiene ich einen Preis", meint auch Peter selbstironisch, "weil ich der Älteste bei YouTube bin."
"Nein, ich habe keine Piercings oder Tatoos" *
renetto sieht im Phänomen geriatric1927 aber noch mehr: Als er den ersten Beitrag sah, erzählt er
in einer Video-Würdigung für Peter, habe ihn das regelrecht umgehauen. Freunde und Verwandte habe er darauf aufmerksam gemacht: "Schaut Euch das an. Das ist YouTube in Hochform. Genau um solche Dinge geht es da!"
Peter genießt seinen Ruhm derweil im Kreise der Community, ohne ihn bisher weiter medial auszuschlachten. Eine Interview-Anfrage hat er bisher nicht beantwortet, daran möglicherweise auch wenig Interesse: Der Mann ist beschäftigt. Hunderte und Tausende von Mails am Tag wollen bewältigt werden. In der Nacht von Sonntag auf Montag loggte er sich zuletzt gegen 1 Uhr auf seiner Kommentarseite ein.
Daneben hat er ja offensichtlich ambitionierte Pläne für die weitere Filmarbeit. In "Telling it all" Teil 3 hat er Schul- und Kriegszeit glücklich hinter sich gebracht, stürzt sich in den frühen Fünfzigern mit Begeisterung auf sein Hobby: Motorradrennen. Bleibt ein sattes halbes Jahrhundert, das er seinem Publikum noch zu erzählen hat.
*Zitate: Aus dem Mitgliedsprofil von Peter geriatric1927
WEB 2.0: MITMACH-PLATTFORMEN UND SOZIALE NETZWERKE
Facebook, Myspace und Co - die bekanntesten sozialen Netzwerke und Mitmach-Plattformen im Überblick.
Facebook ging Anfang 2004 als soziales Netzwerk für Harvard-Studenten online. Zunächst konnten nur Menschen mit E-Mail-Adressen ausgewählter US-Hochschulen Mitglieder werden, seit 2006 ist die Seite für alle Über-13-Jährigen offen. Nach eigenen Angaben hat Facebook derzeit 175 Millionen aktiver Mitglieder weltweit. (Mehr zu Facebook bei SPIEGEL WISSEN)
Wer-kennt-wen wurde von den beiden Studenten Fabian Jager und Patrick Ohler gegründet. Das Netzwerk hat laut Betreiber knapp 5,8 Millionen Nutzer. (Mehr zu wer-kennt-wen bei SPIEGEL WISSEN)
Xing (früher OpenBC) wurde 2003 von Lars Hinrichs gegründet. Ende 2008 hatte Xing 6,5 Millionen Mitglieder, etwa eine halbe Millionen Nutzer haben einen kostenpflichtigen Premium Account. Bei Xing geht es vor allem um berufliche Kontaktaufnahme. (Mehr zu Xing bei SPIEGEL WISSEN)
Ehssan Dariani hat die Studenten-Community StudiVZ 2005 gegründet. Zuerst investierten Lukasz Gadowski und Matthias Spiess, später finanzierten StudiVZ vor allem die Gebrüder Samwer - bekannt für die Klingeltonfirma Jamba - und der Venture-Capital-Arm des Holtzbrinck-Verlags ("Die Zeit", "Handelsblatt"). Im Januar 2007 übernahm Holtzbrinck StudiVZ. Derzeit haben Plattformen studiVZ.net, schuelerVZ.net und meinVZ.net nach eigenen Angaben mehr als zwölf Millionen Nutzer. (Mehr zu StudiVZ bei SPIEGEL WISSEN)
MySpace.com ist die populärste unter den Community-Plattformen, mit über hundert Millionen registrierten Nutzern. Wie auch Facebook.com, Xanga.com oder Friendster.com bietet MySpace den Nutzern die Möglichkeit, Profilseiten anzulegen und mit Bildern und Videos zu dekorieren, Musik und Text auf die Seite zu stellen und ihre persönliche Profilseite mit der von Freunden und Bekannten zu verknüpfen. MySpace ist sehr beliebt bei Nachwuchsmusikern und verhalf auch den britischen Arctic Monkeys zu ungeahntem Erfolg. In die Kritik geriet das Angebot, weil es von Pädophilen benutzt wurde, um Kontakt zu Minderjährigen aufzunehmen. StudiVZ ist eine deutsche Studenten-Community, die Facebook ähnelt. (Mehr zu MySpace bei SPIEGEL WISSEN)
Flickr.com ist eine Foto-Community. Nutzer können Bilder einstellen, mit Schlagworten ("Tags") versehen und Pools für bestimmte Themen einrichten. Im Zusammenhang mit Ereignissen wie den Terroranschlägen in der Londoner U-Bahn oder dem Hurrikan "Katrina" wurde Flickr auch zu einem Paradebeispiel für den sogenannten citizen journalism: Schnell entstanden Bildersammlungen von Privatleuten, die das Geschehen dokumentierten. Als deutsches Flickr-Pendant versucht sich zum Beispiel Photocase. (Mehr zu Flickr bei SPIEGEL WISSEN)
YouTube.com lässt Nutzer Videos online stellen. Wie bei Flickr und ähnlichen Angeboten können andere Eingestelltes kommentieren und bewerten. Mit einem speziellen Werkzeug kann man YouTube-Videos auch auf seiner eigenen Webseite einbinden. Vergleichbare Dienste gibt es inzwischen zuhauf, Beispiele sind Metacafe.com, Vimeo.com und ClipShack.com. Auch Googles Videodienst funktioniert nach dem gleichen Prinzip. Putfile.com ist ein genereller Upload-Service für Videos, Audio- und Bilddateien. Weiter gehen Angebote wie Eyespot.com und Jumpcut.com - dort können die Nutzer eingestellte Videos auch bearbeiten, zusammenschneiden und nachvertonen. Deutschsprachige Varianten von Youtube sind etwa MyVideo und FMarket. Eine Kombination aus Flickr und YouTube bietet Sevenload. (Mehr zu YouTube bei SPIEGEL WISSEN)
Eine Art Online-Bookmark-Sammlung mit Community-Eigenschaften. Bei Del.icio.us kann jeder angemeldete Nutzer Web-Adressen speichern, sie mit Schlagworten ("Tags") versehen und so anderen Benutzern zugänglich machen. Verwandte Sites lassen sich so gruppieren, User mit ähnlichen Interessen können einander auf Interessantes hinweisen. Für Firefox-Benutzer gibt es sogar ein Browser-Plugin, das den Zugriff auf die Online-Linksammlung in die Navigationsleiste integriert. Mr Wong ist eine deutsche del.icio.us-Variante.
Ursprünglich auf Technologie-Nachrichten spezialisiert war digg.com. Die Selbstbeschreibung des Angebotes spricht von "nicht-hierarchischer redaktioneller Kontrolle": Indem Nutzer eingestellte Nachrichten bewerten, entscheiden sie mit über die Platzierung einer bei digg.com verlinkten Meldung auf der Seite. Eine deutsche Variante von Digg heißt Yigg. (Mehr zu Del.icio.us bei SPIEGEL WISSEN)
Technorati.com ist die Mutter aller Blog-Suchmaschinen. Sie katalogisiert Weblogs, Blogeinträge können wiederum mit Tags versehen und so zusammengefasst oder effektiver durchsucht werden. Technorati beurteilt Blogs auch nach Bedeutsamkeit und Glaubwürdigkeit - Suchergebnisse können entweder danach oder nach dem Erscheinungsdatum sortiert werden. Durch die Hitliste der häufigsten Suchbegriffe ist Technorati auch zu einer Art Seismograph für die heiß debattierten Themen der Blogosphäre geworden. Eine Blog-Suche bietet auch Google an (Google Blog Search) - mit weniger aufwendiger Funktionalität, aber teilweise anderen Ergebnissen. (Mehr zu Technorati bei SPIEGEL WISSEN)
Blogs oder Weblogs sind oft von Privatleuten geführte Internet-Publikationen. Sie basieren auf einer Software, die es erlaubt, Texte mit wenig Aufwand online zu stellen und Leser Artikel kommentieren zu lassen. Weblogs sind teilweise schlicht private Aufzeichnungen für den Freundeskreis, zum Teil aber durchaus ambitionierte Publikationsprojekte, die von den Betreibern als alternative journalistische oder literarische Form verstanden werden. Besonders themenspezifische Blogs können durch eingeblendete Werbung durchaus lukrativ sein. Es gibt auch organisierte Blogger-Verbände, die Zulieferer-Verträge mit Zeitungen und Nachrichtenagenturen haben. (Mehr zu Blogs bei SPIEGEL WISSEN)