Von Frank Patalong
Was wäre aus Hans Joachim Kulenkampff geworden, hätte es die Funkausstellung, die erst ab 1971 IFA heißen sollte, nicht gegeben? Der 1998 verstorbene TV-Moderator gilt vielen bis heute als einer der besten seiner Zunft. Seine Karriere begann mit einem wahren Kickstart: Am 29. August 1953 (das BRD-Fernsehen war erst im Jahr zuvor in Betrieb gegangen) moderierte er "Wer gegen wen?", live von der Funkausstellung in Düsseldorf. Mit dieser Starthilfe wurde "Kuli" über Nacht zum Star.
Die Geschichte ist typisch für die Funkausstellungen der Nachkriegszeit bis weit in die Siebziger Jahre hinein. Für den größten Teil des Publikums war die Funkausstellung vor allem ein großes TV-Ereignis, bei dem ARD und ZDF so richtig klotzten, ihre Stars ins Rennen schickten, neue Showformate und Sendungen aus der Taufe hoben.
Am selben Tag, an dem Kuli dem Publikum vorgestellt wurde, erlebte so auch Werner Höfers "Frühschoppen" seine Uraufführung (die Sendung lief bis 1987, als Höfer aufgrund journalistischer Verstrickungen in der Nazi-Zeit, die der SPIEGEL öffentlich gemacht hatte, abgesetzt wurde).
Die Funkausstellung als Startrampe für Formate und Figuren: Das sind keine Einzelfälle. Am 3. August 1957 begann so auch die bis heute für viele völlig unbegreifliche Erfolgsgeschichte des Schunkel- und Äppelwoi-Fernsehens "Zum Blauen Bock", begünstigt durch die publikumsträchtige Starthilfe der Funkausstellung. Und was an großen Shows dort nicht eingeführt wurde, gastierte zumindest in Berlin, Stuttgart, Frankfurt oder Düsseldorf, denn von 1950 bis 1970 fand die Messe an wechselnden Orten statt.
Wie passend für eine Messe, die als solche kaum noch wahrgenommen wurde: Fiel in den Sechzigern oder Siebzigern das Stichwort Funkausstellung, dachte man spontan an den großkarierten Peter Frankenfeld, den hüpfstarken Hans "Das war Spitze!" Rosenthal, an Thoelke oder Torriani - nicht so sehr aber an Technik.
Gemessen am Programm-Brimborium, das die öffentlich-rechtlichen Sender damals trieben, wenn die IFA anstand, ist es in den letzten zwanzig Jahren schon fast ruhig geworden um die Messe. Die Berichterstattung über sie hat sich wieder von den Glamour-Seiten der Presse und von der Showbühne zurück in die Technik-Ressorts verschoben. Dafür besitzt sie heute wieder eine weit höhere Relevanz als Produktmesse der Unterhaltungselektronik - "wieder", denn eigentlich ist sie nur zu ihren Wurzeln zurückgekehrt.
Die Anfänge der IFA
Die erste "Große deutsche Funkausstellung" im Dezember 1924 muss eine ziemlich trockene Veranstaltung gewesen sein - zu sehen gab es nur Geräte. Immerhin 242 Aussteller zeigten dem staunenden Publikum ihre neuesten Entwicklungen auf dem Gebiet der Radioempfänger und Kopfhörer. Ein Trendthema der Zeit, das Massen begeistern und bewegen konnte: Das Radio war High-Tech. Fast 180.000 Besucher wollten sich das nicht entgehen lassen - die Funkausstellung wurde zur Mutter aller Publikums-Tech-Messen.
Und die setzte in den folgenden Jahren und Jahrzehnten die Trends, in Deutschland allemal und oftmals auch international (siehe Teil 2: "Meilensteine").
Gerade in ihren Anfangstagen wurde die neue Technik dabei mit ähnlich großen Hoffnungen begrüßt und verbunden, wie mehr als 70 Jahre später das Internet: Albert Einstein sprach dem Rundfunk in seiner herrlich launigen Eröffnungsrede ("Verehrte An- und Abwesende!") zur Funkausstellung 1930 gar Frieden stiftende, die Völker versöhnende Qualitäten zu. Erst der alle Grenzen überschreitende Rundfunk ermögliche es den Völkern, sich unabhängig vom "verzerrenden Spiegel der eigenen Tagespresse" kennen und verstehen zu lernen. So seien es die Techniker, "die erst wahre Demokratie möglich machen", glaubte Einstein.
Es war die Zeit zwischen den Kriegen, als letzte Idealisten und Menschen guten Willens im Völkerbund (einem Vorläufer der Uno) debattierten, wie sich der Friede ewig bewahren ließe. Nicht nur Einstein, sondern auch Bertolt Brecht glaubte, dass der Rundfunk der Masse eine Stimme geben könne, die diese emanzipieren würde - Völker, hört die Signale. Heute wirkt das naiv, weil wir wissen, wie anders alles kam. Ab 1933 mischte das NS-Propagandaministerium kräftig mit auf der Rundfunkausstellung und sorgte durch Subventionierung der neuen Technik dafür, dass "Volksempfänger" zu Kampfpreisen und in bis dahin ungekannter Stückzahl unters Volk kamen.
Von 1940 bis 1949 nahm die Funkausstellung eine erzwungene Auszeit - und veränderte sich in den folgenden Jahren von Grund auf. Denn 1952 wurde - weit später als in anderen westlichen Ländern - auch in Deutschland der regelmäßige und landesweite Fernsehbetrieb aufgenommen. Die Funkausstellung wurde in der öffentlichen Wahrnehmung zur TV-Plattform. Entertainment zählte mehr als Innovation oder Information.
"Sollen sich auch alle schämen, die gedankenlos sich der Wunder der Wissenschaft und Technik bedienen und nicht mehr davon geistig erfasst haben als die Kuh von der Botanik der Pflanzen, die sie mit Wohlbehagen frisst."
Albert Einstein,
Eröffnungsrede zur Funkausstellung, 22.8.1930
Am 25. August 1967 nutzte der damalige Vizekanzler Willy Brandt die IFA, um demonstrativ und feierlich das Farbfernsehen in Betrieb zu nehmen. Die wenigen Besitzer eines solchen Gerätes durften sich bereits direkt im Anschluss über eine erste bunte Ausstrahlung freuen: Gezeigt wurde (typisch IFA: als Premiere) "Der goldene Schuss" mit dem trällernden Moderator Vico Torriani.
Den Schweizer Entertainer kannten bis dahin viele als schmalzig-dauerheiteren Schein-italienischen Sänger mediterran gefärbter Gassenhauer, fortan aber auch jeder als "Fernsehstar" - die Funkausstellung bewies sich einmal mehr als Präsentationsort für Tech-Innovationen und zugleich als Karrieresprungbrett für TV-Gestalten. Ab dem 29. August kamen Deutschlands Farbfernsehbesitzer übrigens endlich auch in den Genuss bunter Werbespots, zunächst allerdings nur dienstags und freitags.
In den Achtziger Jahren wuchs die Konkurrenz für die IFA sowohl im Inland als auch international. Vor allem die neuen, auf Computertechnologie setzenden Messen entwickelten zunehmend Schnittmengen mit den Themen der anders als in der Vorkriegszeit nur noch alle zwei Jahre stattfindenden IFA. In einer immer schneller pulsierenden Produktwelt auf dem Weg in Richtung Multimedia erwies sich die starke Konzentration auf das Thema Fernsehen und der zweijährige Takt als unvorteilhaft. Die IFA erlebte in den Neunzigern einige schwache Jahre.
Mitte der Neunziger jedoch begann sich der Wind wieder zu drehen. Das Thema Multimedia ließ IT (Computertechnik) und CE (Consumer Electronics, in Deutschland Unterhaltungselektronik genannt) näher zusammen rücken - mit vorteilhaften Effekten besonders für die IFA. Im letzten Jahr fiel die Entscheidung, die Messe wieder jährlich zu veranstalten - auch, wenn die Besucherzahlen längst nicht mehr so hoch sind wie zur Hochzeit der Funkausstellung.
In diesem Jahr erwarten die Veranstalter trotzdem rappelvolle Hallen, denn selten waren ihre Themen so en vogue wie heute: Flach- und HDTV-Bildschirme, Beamer- und Wohnzimmer-Beschallungstechnik, Festplattenrekorder, DVD und Nachfolgetechniken, Home-Entertainment-Center und Handy-TV, mobile Trends und Digitalcamcorder - die Liste ist so endlos wie attraktiv. Aus Konsumentensicht ist die IFA die bessere Cebit (weil beschränkt auf Dinge, die man begreifen, betasten, begehren und sich mitunter sogar leisten kann), wie eh und je gewürzt mit diversen TV-Events, bei denen die zahlenden IFA-Zuschauer die klatschende Kulisse spielen und vor Ort einen kleinen Blick hinter dieselbe werfen dürfen.
Die Zeiten aber, in denen die IFA eine einzige große Showbühne war, auf der die Rosenthals, Frankenfelds und Kulenkampffs ihrem Publikum ganz großes Heimkino boten, sind vorbei. Heute sind es vor allem Informationssendungen, die sich aus Berlin melden: Im Fokus des Interesses steht - wie in den Anfangstagen der Funkausstellung - wieder das Gerät, die Innovation.
Auf anderen Social Networks posten:
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Netzwelt | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Web | RSS |
| alles zum Thema Ifa | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH