Von Carsten Görig
Ginge es nach dem Werbespot, dann wäre Computerspielen schon in der Mitte der Gesellschaft angekommen (vielleicht ist es das ja in Wahrheit auch längst). Da nämlich sitzt ein grauhaariger Mann mit Notebook auf dem Sofa, während ihn ein kleines Mädchen fragt: "Wann kommt denn das neue 'Anno'?"
Die Auflösung ist einfach: Der Opa hat es schon und spielt gerade. Eine Werbung also, die ungefähr so aufregend ist wie ein Spot für einen Schonkaffee – und sich einer ähnlichen Optik bedient. Gerade deshalb wird sie die Menschen ansprechen, für die "Anno 1701" gemacht ist: Die Gelegenheitsspieler, die, die sich einmal im Jahr ein Spiel kaufen und damit Wochen verbringen. Den Opa und die Enkelin.
Da kann Sky Du Mont, der den Opa spielt, noch so sehr beteuern, dass er ein Hardcorespieler ist: Das werden ihm vielleicht die Frauen abnehmen, die laut Hersteller Sunflowers einen großen Teil der Spielerschaft stellen. Die richtigen Gamer werden ihm das nicht glauben. Sollen sie auch nicht, denn sie finden das Spiel auch so gut. Fachzeitschriften geben Höchstwertungen, in den Foren jubeln Leute, die sonst Shooter spielen. Auf "Anno" können sich viele einigen, denn "Anno" ist ein Phänomen. Der erste Teil, "Anno 1602", kam schon sehr gut an. Inzwischen sind weltweit knapp 4,5 Millionen Stück der ersten beiden Teile verkauft worden. Für ein deutsches Spiel sind das eigentlich unbekannte Größenordnungen.
Ein Erfolg, den "Anno 1701" wiederholen soll. Denn der Entwickler Sunflowers verkündet Großes: 450.000 Exemplare des Spiels stehen bereits in den Geschäften bereit. Die größte Erstauslieferungsmenge eines Computerspiels in Deutschland sei das, sagt Sunflowers-Geschäftsführer Adi Boiko stolz. Bei einem Entwicklungsbudget von mehr als 10 Millionen Euro muss diese Menge allerdings auch sein. Denn einen Flop kann sich die Firma kaum leisten: Sie setzt auf wenige Marken. Zur Zeit sind es zwei: "Anno" und "Paraworld". Letzteres wurde mit einem ähnlich hohen Budget entwickelt und blieb laut Branchenkennern bislang weit hinter den hohen Erwartungen zurück.
"Meerwasser salzen, Wellen glätten"
"Anno 1701" muss es jetzt richten für Sunflowers. Und wird es aller Voraussicht nach auch tun. Denn eines ist sicher: Es ist ein wunderbares Spiel, eines, in dem man versinken kann, das mit viel Liebe zum Detail gemacht wurde. Eines, bei dem man schon beim Ladebildschirm schmunzeln muss. Denn während im Hintergrund die Welten aufgebaut werden, die die Spieler bald entdecken und besiedeln sollen, erscheinen dort Botschaften wie "Meerwasser salzen", "Wellen glätten" und "Wettervorhersage machen".
Das Spiel redet mit den Spielern, sagt ihnen, was es gerade macht und erzählt ihnen in einem schön gestalteten Einführungskurs, was sie machen sollen: Städte aufbauen, Schiffe bauen, neue Inseln entdecken und vor allem die Bewohner ihrer Welten glücklich machen. Das ist anfangs einfach, da wollen die nämlich nur ein Dach über dem Kopf und etwas zu essen. Doch spätestens wenn Luxusbedürfnisse hinzukommen wächst die Herausforderung: Alkohol muss es sein, Lampenöl oder Parfüm. Gefragt sind dann nicht nur Aufbauer, sondern auch Strategen: Denn mit den Gegnern muss gehandelt werden, manchmal auch gekämpft. Zwischendurch brechen Vulkane aus und Wirbelstürme fegen über die Inseln.
Wenn das Volk unzufrieden ist, brennen die Häuser
Das Schöne an "Anno": Es lässt sich auch friedlich durchspielen. Während andere Strategie-Titel die Spieler irgendwann in den Kampf zwingen, kann das hier umgangen werden, Handel und Diplomatie machen es möglich.
Aufpassen muss man dann nur auf die eigene Bevölkerung: Die kann recht ungemütlich werden. Aufstände wegen zu hoher Steuern, fehlender Alkoholvorräte oder einem Mangel an Süßigkeiten sind keine Seltenheit: Schnell organisieren sich die Siedler in einer spontanen Montagsdemo, holen Schilder raus und bewerfen das Standbild auf dem Marktplatz mit faulem Obst. Wer jetzt als Stadtoberhaupt nicht rechtzeitig reagiert, sieht bald die ersten Häuser brennen. Die werden aber fleißig wieder gelöscht, wenn die Wünsche erfüllt sind.
Das alles sieht so nett und freundlich aus, hat so viele schöne Details, dass man gerne im Spiel verweilt und irgendwann entsetzt feststellt, dass es schon lange nach Mitternacht ist. Es fällt schwer, sich gegen den Charme von "Anno" zu wehren, und man ahnt, dass es jedem so gehen könnte bei diesem Spiel – auch Opa und Enkelin. Willkommen in der Mitte der Gesellschaft!
Auf anderen Social Networks posten:
Mich wuerde mal interessieren, wer von den Verbotsbefuerwortern eigentlich weiss WOHER Counterstrike kommt. Naemlich von den Spielern selbst. Das eigentliche Spiel war ja Half-Life 1 von Valve. Ein paar Jungs programmiern dann [...] mehr...
Ich finde es interessant das Sie sich wundern, dass in einem Spiegel Forum sich keine Kinder bzw. Jugendliche zu Wort melden. Ich weiß zwar nicht wie als Sie sind aber ich kann mir kaum vorstellen das sie mit 15 bis 20 Jahren [...] mehr...
Wollen Sie damit sagen: Die Volkskammer war selbstgewählt - demokratisch natürlich! Und die Leute auf den Montagsdemos haben nicht Kopf und Kragen riskiert, weil es ausgeschlossen war das Erich die Panzer rollen lässt ?! Ich [...] mehr...
Doch, ich bin sehr tolerant. Ich sagte doch, das ich ihre ablehnende Haltung zu "Egoshootern" akzeptiere. Sie können jedes Hobby und jede Freizeitgestaltung wählen, die sie mögen. Sie können auch begründen warum Sie [...] mehr...
"Abgesessen" passt wenn man "Wetten dass" denkt, moderiert vom "blonden Schimpansen des ZDF" (sorry, ich kann denn Mann nicht ab) Aber ernsthaft - was ist kreativer: Sich mehr oder weniger [...] mehr...
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Netzwelt | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Web | RSS |
| alles zum Thema Gamers' Corner | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH