Von Frank Patalong
Man stelle sich folgendes Business-Modell vor: In sehr reduzierter Grafik wird ein virtuelles Haus im Internet geschaffen, dessen einzelne Räume für verschiedene Tätigkeiten stehen. Sie sind offen für jedermann, und jeder darf sich einbringen und dort veröffentlichen. Auf der Sofaecke liegen virtuell die Poeten und Autoren und teilen ihre Ideen mit der Welt, an anderer Stelle zeigen und diskutieren die Fotografen und Maler ihre Werke. Im Schlafzimmer ist Raum für heimlichen dirty talk, während es am Küchentisch heiß her geht: Dort diskutiert die Community die aktuelle Entwicklung ihrer Heimstatt. Für Popularität und Erfolg Ihres virtuellen Hauses sorgt schon ein eingängiges Motto - wie wäre es zum Beispiel mit Erotik? Das wird brummen!
Der Traum vom Web-2.0-Schlaraffenland: Kurz vor dem Platzen?
Ist ein solches Geschäftsmodell ein Web-2.0-Traum? Die Empfehlung einer cleveren Unternehmensberatung an einen großen Investor? Ein Ausschnitt aus dem Vortrag eines Netzkenners im Rahmen eines Web-2.0-Kongresses? Nicht ganz. Die Beschreibung umreißt die Idee zu Biancas Smut Shack (nur erweitert um eine Bilderbörse), erdacht im Winter 1993 und online gegangen am 14. Februar 1994 - als eine der 500 ersten Websites überhaupt.
Bianca gehörte bis Ende der neunziger Jahre zu den populärsten Adressen im Web. Ähnlich wie die Ur-Online-Community The Well, gegründet 1985, wurde sie als eine der heißesten Adressen gefeiert, bei denen es keine Veranstalter und Leser, sondern nur Mitmacher gab. Denn es waren ja gerade die kommunikativen und interaktiven Potentiale des Web, die dessen frühe Faszination ausmachten. Kommerzielle Anbieter und Publisher hingegen wurden in den ersten Jahren des WWW als Fremdkörper betrachtet und stießen auf einige Ablehnung.
Deshalb nehmen Onliner, die das Web vor dem Dotcom-Boom entdeckten, Web 2.0 auch als Retro-Bewegung wahr: In Blogs und flickr, YouTube und Wikis, digg und Co (siehe Kasten unten) leuchten Eigenschaften des Internets wieder auf, die für einige heiße Jahre unter einer Welle der Kommerzialisierung verschüttet waren. Trotzdem ist Web 2.0 etwas Neues: Anders als früher scheinen sich hier Community-Orientierung und Kommerzialität nicht zu beißen.
Sagt man, hört man, liest man allerorten. Doch ist das wirklich so? Web 2.0 fasst als Begriff Dienste zusammen, die auf einer starken Einbindung der Nutzer als Mitmacher basieren und auf neuen technischen Möglichkeiten, sich mit dem Webangebot interagierend einzubringen. Ist diese Idee wirklich eine so narrensichere Methode, im Web Geld zu verdienen - kurz, ein Erfolgsrezept?
Noch scheint die sicherste Methode, mit Web 2.0 Geld zu verdienen, die zu sein, darüber zu schreiben oder zu reden. Nachdem sich die Community in den letzten zwei Jahren einen Raum erobert hat, rückt nun das Kapital nach: Der Hunger, solche Projekte aufzukaufen oder an den Start zu bringen, ist so groß, als wäre wieder 1998. Und wieder werden irrwitzige Summen bezahlt für Unternehmen, deren Scheitern gar nicht so unwahrscheinlich ist. Dafür gibt es (auch das ein Deja-vu) wieder deutlich mehr Kongresse, Experten und Erfolgsrezepte als kommerziell erfolgreiche Web-2.0-Angebote.
Dabei steht der relativ kleinen Zahl erfolgreicher Web-2.0-Projekte eine weit größere gegenüber, die (zumindest kommerziell) scheiterten. Der Witz dabei ist, dass die Konzepte oft die gleichen waren - und die Gewinner nicht unbedingt jene, von denen man den Erfolg erwartete.
Mehr noch: Es sind die exponiertesten Marken, die größten Erfolgsgeschichten, die oft am spektakulärsten enden. Wer wollte sich darüber wundern? Wenn Freiheit, Wildwuchs und eine gewisse, auf Rechte pfeifende Web-Anarchie Teil des sogenannten Erfolgsrezepts sind, dann ist es oft der Erfolg, der das Ende einleitet. Exemplarisch wird SPIEGEL ONLINE das in den kommenden zwei Tagen an den zwei Bereichen von Web-2.0-Angeboten zeigen, die zur Zeit die meiste Aufmerksamkeit ernten: Social-Network-Seiten wie MySpace und die Video-Community YouTube.
Die Debatte um das Web 2.0 und das, was danach kommen könnte, wollen wir aber schon heute eröffnen: Was könnte mehr "Web 2.0" sein, als Ihre Inputs zum Teil der Auseinandersetzung mit dem Thema zu machen? Am Ende sind doch Sie die Experten: Besser als alle Investoren, Risiko-Kapitalgeber, Medienexperten und selbsternannten Web-2.0-Propheten wissen Sie, was Sie vom Web wollen. Diskutieren Sie mit!
P.S.: Es gibt nichts Neues unter der Sonne
Die Geschichte der Smut Shack, der weltweit ersten Web-basierten Chat-Community, endete übrigens erst in diesen Tagen. Die Community wuchs und bot sich erotische Unterhaltung, solange sie nicht zu erfolgreich war. Dann begannen die Medien zu berichten, die Mitgliederzahl stieg exorbitant, und die Armee der Schmutzfinken fiel ein.
Als die Selbstkontrolle der nicht als kommerzielle Unternehmung begonnenen Smut Shack kollabierte, kam der Verkauf an das Erotikportal Nerve fast als Befreiung. Der Versuch eines kommerziellen Anbieters, eine inhaltlich hochgradig verwandte freie Community zu sich herüberzuziehen, scheiterte jedoch: Der Nutzeffekt für Nerve blieb minimal, während sowohl die Kosten als auch die Probleme mit Copyrights und wild getauschter Pornografie wuchsen, was auch die engagierten Moderatoren wie Mitgründer David Thau nicht verhindern konnten. Der engagierte Teil der Community musste mitansehen, wie das Angebot im Trash versank.
Nerve stieß Biancas bereits 2001 wieder ab. Die Seite verkam und verkümmerte und wird seit 2003 nicht mehr gepflegt. Der erotische Chat, das letzte Überbleibsel, gab seinen Dienst erst in diesem Jahr auf.
Mittwoch, 1. November 2006:
Social Networks: Was heißt hier Treue?
Webangebote wie MySpace leben von einer äußerst jungen, flatterhaften Klientel. Was heute hip ist, ist morgen Flop, weil von gestern.
Donnerstag, 2. November 2006:
YouTube: Verkauf zur rechten Zeit?
Kaum ein Web-Angebot generiert so viele Nachrichten wie YouTube, genießt so große Aufmerksamkeit. Genau da liegt das Problem: YouTube droht, vom eigenen Erfolg in die Saubermann-Ecke gedrängt zu werden. Da will die Community aber gar nicht hin.
Auf anderen Social Networks posten:
Das ist halt nur das Problem: Wenn ich 23 Arbeitsstunden in eine Video investiere, versuche Film und Ton, Handlung und alles aufeinander abzustimmen möcht ich diese Mühe nicht nur Mama, Papa und der Freundin zeigen. Gut, wie [...] mehr...
Rechtlich geschützte Musik in Privatvideos - etwa als Soundtrack - zu verwenden ist durchaus legal und wird auch nicht verfolgt. Werden sog. "Privatvideos" allerdings ausserhalb des Freundes- und Familienkreises [...] mehr...
Wobei da die nächste Beschränkung schon auftaucht. Da ja die Musikindustrie derzeit hinter ihren "Copyrightrechten" herstürmt wie die Wikinger hinterm Met sind grade viele Privatclips gefährdet die eben mit diesen [...] mehr...
Durch Plattformen wie YouTube, Myspace oder anderen Plattformen dieser Art ist es heute möglich sich selbst zu "Vermarkten". Wir zeigen, dass durch geschicktes Cross Marketing jeder ein star sein kann. Das ist Web 2.0! [...] mehr...
Und da bin ich leider nicht Ihrer Meinung. Kann mir mal jemand verraten, was es denn im Internet wirklich Neues gibt, mit dem man Geld verdienen kann? O.K., es dient ganz gut als neue Absatzplattform für die großen [...] mehr...
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