Von Friendster bis YouTube
Die Blase 2.0
Von Frank Patalong
Das Kunstwort Web 2.0 gilt als Zauberformel mit der Macht zur Geldvermehrung. Die Geschäftsmodelle der Vorzeigeunternehmen dagegen zeigen: Wirtschaftlicher Erfolg mit Web 2.0 ist schwierig - und noch schwieriger zu bewahren. Ein vorgezogener Abgesang.
Man stelle sich folgendes Business-Modell vor: In sehr reduzierter Grafik wird ein virtuelles Haus im Internet geschaffen, dessen einzelne Räume für verschiedene Tätigkeiten stehen. Sie sind offen für jedermann, und jeder darf sich einbringen und dort veröffentlichen. Auf der Sofaecke liegen virtuell die Poeten und Autoren und teilen ihre Ideen mit der Welt, an anderer Stelle zeigen und diskutieren die Fotografen und Maler ihre Werke. Im Schlafzimmer ist Raum für heimlichen dirty talk, während es am Küchentisch heiß her geht: Dort diskutiert die Community die aktuelle Entwicklung ihrer Heimstatt. Für Popularität und Erfolg Ihres virtuellen Hauses sorgt schon ein eingängiges Motto - wie wäre es zum Beispiel mit Erotik? Das wird brummen!
[M] DDP ; mm.de
Der Traum vom Web-2.0-Schlaraffenland: Kurz vor dem Platzen?
Und von vorn bis hinten, von oben bis unten ist alles
user generated content, wie man so schön sagt, und damit ja so was von in. Für Sie aber als Geschäftsperson ist das Tollste, dass sie letztlich nur die Instrumentarien zur Verfügung stellen müssen. Den Inhalt bringen die Nutzer mit, und wenn die erst einmal kommen, lässt sich ihre bloße Anwesenheit schon vermarkten - oder man verkauft den ganzen Kram samt Community für viel Geld an ein großes Medienunternehmen, das so etwas selbst nicht hinbekommt.
Ist ein solches Geschäftsmodell ein Web-2.0-Traum? Die Empfehlung einer cleveren Unternehmensberatung an einen großen Investor? Ein Ausschnitt aus dem Vortrag eines Netzkenners im Rahmen eines Web-2.0-Kongresses? Nicht ganz. Die Beschreibung umreißt die Idee zu Biancas Smut Shack (nur erweitert um eine Bilderbörse), erdacht im Winter 1993 und online gegangen am 14. Februar 1994 - als eine der 500 ersten Websites überhaupt.
Bianca gehörte bis Ende der neunziger Jahre zu den populärsten Adressen im Web. Ähnlich wie die Ur-Online-Community The Well, gegründet 1985, wurde sie als eine der heißesten Adressen gefeiert, bei denen es keine Veranstalter und Leser, sondern nur Mitmacher gab. Denn es waren ja gerade die kommunikativen und interaktiven Potentiale des Web, die dessen frühe Faszination ausmachten. Kommerzielle Anbieter und Publisher hingegen wurden in den ersten Jahren des WWW als Fremdkörper betrachtet und stießen auf einige Ablehnung.
Deshalb nehmen Onliner, die das Web vor dem Dotcom-Boom entdeckten, Web 2.0 auch als Retro-Bewegung wahr: In Blogs und flickr, YouTube und Wikis, digg und Co (siehe Kasten unten) leuchten Eigenschaften des Internets wieder auf, die für einige heiße Jahre unter einer Welle der Kommerzialisierung verschüttet waren. Trotzdem ist Web 2.0 etwas Neues: Anders als früher scheinen sich hier Community-Orientierung und Kommerzialität nicht zu beißen.
Sagt man, hört man, liest man allerorten. Doch ist das wirklich so? Web 2.0 fasst als Begriff Dienste zusammen, die auf einer starken Einbindung der Nutzer als Mitmacher basieren und auf neuen technischen Möglichkeiten, sich mit dem Webangebot interagierend einzubringen. Ist diese Idee wirklich eine so narrensichere Methode, im Web Geld zu verdienen - kurz, ein Erfolgsrezept?
Noch scheint die sicherste Methode, mit Web 2.0 Geld zu verdienen, die zu sein, darüber zu schreiben oder zu reden. Nachdem sich die Community in den letzten zwei Jahren einen Raum erobert hat, rückt nun das Kapital nach: Der Hunger, solche Projekte aufzukaufen oder an den Start zu bringen, ist so groß, als wäre wieder 1998. Und wieder werden irrwitzige Summen bezahlt für Unternehmen, deren Scheitern gar nicht so unwahrscheinlich ist. Dafür gibt es (auch das ein Deja-vu) wieder deutlich mehr Kongresse, Experten und Erfolgsrezepte als kommerziell erfolgreiche Web-2.0-Angebote.
Dabei steht der relativ kleinen Zahl erfolgreicher Web-2.0-Projekte eine weit größere gegenüber, die (zumindest kommerziell) scheiterten. Der Witz dabei ist, dass die Konzepte oft die gleichen waren - und die Gewinner nicht unbedingt jene, von denen man den Erfolg erwartete.
WEB 2.0: MITMACH-PLATTFORMEN UND SOZIALE NETZWERKE
Facebook, Myspace und Co - die bekanntesten sozialen Netzwerke und Mitmach-Plattformen im Überblick.
Facebook ging Anfang 2004 als soziales Netzwerk für Harvard-Studenten online. Zunächst konnten nur Menschen mit E-Mail-Adressen ausgewählter US-Hochschulen Mitglieder werden, seit 2006 ist die Seite für alle Über-13-Jährigen offen. Nach
eigenen Angaben hat Facebook derzeit 175 Millionen aktiver Mitglieder weltweit.
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Wer-kennt-wen wurde von den beiden Studenten Fabian Jager und Patrick Ohler gegründet. Das Netzwerk hat laut Betreiber knapp 5,8 Millionen Nutzer.
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Xing (früher OpenBC) wurde 2003 von Lars Hinrichs gegründet. Ende 2008 hatte Xing 6,5 Millionen Mitglieder, etwa eine halbe Millionen Nutzer haben einen kostenpflichtigen Premium Account. Bei Xing geht es vor allem um berufliche Kontaktaufnahme.
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Ehssan Dariani hat die Studenten-Community StudiVZ 2005 gegründet. Zuerst investierten Lukasz Gadowski und Matthias Spiess, später finanzierten StudiVZ vor allem die Gebrüder Samwer - bekannt für die Klingeltonfirma Jamba - und der Venture-Capital-Arm des Holtzbrinck-Verlags ("Die Zeit", "Handelsblatt"). Im Januar 2007
übernahm Holtzbrinck StudiVZ. Derzeit haben Plattformen studiVZ.net, schuelerVZ.net und meinVZ.net
nach eigenen Angaben mehr als zwölf Millionen Nutzer.
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MySpace.com ist die populärste unter den Community-Plattformen, mit über hundert Millionen registrierten Nutzern. Wie auch
Facebook.com,
Xanga.com oder
Friendster.com bietet MySpace den Nutzern die Möglichkeit, Profilseiten anzulegen und mit Bildern und Videos zu dekorieren, Musik und Text auf die Seite zu stellen und ihre persönliche Profilseite mit der von Freunden und Bekannten zu verknüpfen. MySpace ist sehr beliebt bei Nachwuchsmusikern und verhalf auch den britischen Arctic Monkeys zu ungeahntem Erfolg. In die Kritik geriet das Angebot, weil es von Pädophilen benutzt wurde, um Kontakt zu Minderjährigen aufzunehmen.
StudiVZ ist eine deutsche Studenten-Community, die Facebook ähnelt.
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Flickr.com ist eine Foto-Community. Nutzer können Bilder einstellen, mit Schlagworten ("Tags") versehen und Pools für bestimmte Themen einrichten. Im Zusammenhang mit Ereignissen wie den Terroranschlägen in der Londoner U-Bahn oder dem Hurrikan "Katrina" wurde Flickr auch zu einem Paradebeispiel für den sogenannten citizen journalism: Schnell entstanden Bildersammlungen von Privatleuten, die das Geschehen dokumentierten. Als deutsches Flickr-Pendant versucht sich zum Beispiel
Photocase.
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YouTube.com lässt Nutzer Videos online stellen. Wie bei
Flickr und ähnlichen Angeboten können andere Eingestelltes kommentieren und bewerten. Mit einem speziellen Werkzeug kann man YouTube-Videos auch auf seiner eigenen Webseite einbinden. Vergleichbare Dienste gibt es inzwischen zuhauf, Beispiele sind
Metacafe.com,
Vimeo.com und
ClipShack.com. Auch
Googles Videodienst funktioniert nach dem gleichen Prinzip.
Putfile.com ist ein genereller Upload-Service für Videos, Audio- und Bilddateien. Weiter gehen Angebote wie
Eyespot.com und
Jumpcut.com - dort können die Nutzer eingestellte Videos auch bearbeiten, zusammenschneiden und nachvertonen. Deutschsprachige Varianten von Youtube sind etwa
MyVideo und
FMarket. Eine Kombination aus Flickr und YouTube bietet
Sevenload.
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Eine Art Online-Bookmark-Sammlung mit Community-Eigenschaften. Bei
Del.icio.us kann jeder angemeldete Nutzer Web-Adressen speichern, sie mit Schlagworten ("Tags") versehen und so anderen Benutzern zugänglich machen. Verwandte Sites lassen sich so gruppieren, User mit ähnlichen Interessen können einander auf Interessantes hinweisen. Für Firefox-Benutzer gibt es sogar ein Browser-Plugin, das den Zugriff auf die Online-Linksammlung in die Navigationsleiste integriert.
Mr Wong ist eine deutsche del.icio.us-Variante.
Ursprünglich auf Technologie-Nachrichten spezialisiert war
digg.com. Die Selbstbeschreibung des Angebotes spricht von "nicht-hierarchischer redaktioneller Kontrolle": Indem Nutzer eingestellte Nachrichten bewerten, entscheiden sie mit über die Platzierung einer bei digg.com verlinkten Meldung auf der Seite. Eine deutsche Variante von Digg heißt
Yigg.
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Im Mai 2005 gegründet, hat das Netzwerk Lokalisten eigenen Angaben inzwischen etwa 3,4 Millionen Nutzer.
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Technorati.com ist die Mutter aller Blog-Suchmaschinen. Sie katalogisiert Weblogs, Blogeinträge können wiederum mit Tags versehen und so zusammengefasst oder effektiver durchsucht werden. Technorati beurteilt Blogs auch nach Bedeutsamkeit und Glaubwürdigkeit - Suchergebnisse können entweder danach oder nach dem Erscheinungsdatum sortiert werden. Durch die Hitliste der häufigsten Suchbegriffe ist Technorati auch zu einer Art Seismograph für die heiß debattierten Themen der Blogosphäre geworden. Eine Blog-Suche bietet auch Google an (
Google Blog Search) - mit weniger aufwendiger Funktionalität, aber teilweise anderen Ergebnissen.
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Mashups sind Multimedia-Collagen wie Video-Zusammenschnitte - oder aber Internetseiten, die durch das vermischen, verknüpfen oder neu konfigurieren vorhandener Inhalte entstehen. Häufig werden beispielsweise
Ortsinformationen aus Google Maps mit anderen Inhalten, etwa Lexikon- oder Branchenbucheinträgen verknüpft. Auch
Flickr und
del.icio.us sind beliebte MashUp-Zutaten. Viele Web-Unternehmen stellen Hobbyentwicklern für solche Projekte sogar ihre
"application programming interfaces" (APIs) zur Verfügung.
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Blogs oder Weblogs sind oft von Privatleuten geführte Internet-Publikationen. Sie basieren auf einer Software, die es erlaubt, Texte mit wenig Aufwand online zu stellen und Leser Artikel kommentieren zu lassen. Weblogs sind teilweise schlicht private Aufzeichnungen für den Freundeskreis, zum Teil aber durchaus ambitionierte Publikationsprojekte, die von den Betreibern als alternative journalistische oder literarische Form verstanden werden. Besonders themenspezifische Blogs können durch eingeblendete Werbung durchaus lukrativ sein. Es gibt auch organisierte Blogger-Verbände, die Zulieferer-Verträge mit Zeitungen und Nachrichtenagenturen haben.
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Mehr noch: Es sind die exponiertesten Marken, die größten Erfolgsgeschichten, die oft am spektakulärsten enden. Wer wollte sich darüber wundern? Wenn Freiheit, Wildwuchs und eine gewisse, auf Rechte pfeifende Web-Anarchie Teil des sogenannten Erfolgsrezepts sind, dann ist es oft der Erfolg, der das Ende einleitet. Exemplarisch wird SPIEGEL ONLINE das in den kommenden zwei Tagen an den zwei Bereichen von Web-2.0-Angeboten zeigen, die zur Zeit die meiste Aufmerksamkeit ernten: Social-Network-Seiten wie MySpace und die Video-Community YouTube.
Die Debatte um das Web 2.0 und das, was danach kommen könnte, wollen wir aber schon heute eröffnen: Was könnte mehr "Web 2.0" sein, als Ihre Inputs zum Teil der Auseinandersetzung mit dem Thema zu machen? Am Ende sind doch Sie die Experten: Besser als alle Investoren, Risiko-Kapitalgeber, Medienexperten und selbsternannten Web-2.0-Propheten wissen Sie, was Sie vom Web wollen. Diskutieren Sie mit!
P.S.: Es gibt nichts Neues unter der Sonne
Die Geschichte der Smut Shack, der weltweit ersten Web-basierten Chat-Community, endete übrigens erst in diesen Tagen. Die Community wuchs und bot sich erotische Unterhaltung, solange sie nicht zu erfolgreich war. Dann begannen die Medien zu berichten, die Mitgliederzahl stieg exorbitant, und die Armee der Schmutzfinken fiel ein.
Als die Selbstkontrolle der nicht als kommerzielle Unternehmung begonnenen Smut Shack kollabierte, kam der Verkauf an das Erotikportal Nerve fast als Befreiung. Der Versuch eines kommerziellen Anbieters, eine inhaltlich hochgradig verwandte freie Community zu sich herüberzuziehen, scheiterte jedoch: Der Nutzeffekt für Nerve blieb minimal, während sowohl die Kosten als auch die Probleme mit Copyrights und wild getauschter Pornografie wuchsen, was auch die engagierten Moderatoren wie Mitgründer David Thau nicht verhindern konnten. Der engagierte Teil der Community musste mitansehen, wie das Angebot im Trash versank.
Nerve stieß Biancas bereits 2001 wieder ab. Die Seite verkam und verkümmerte und wird seit 2003 nicht mehr gepflegt. Der erotische Chat, das letzte Überbleibsel, gab seinen Dienst erst in diesem Jahr auf.
In den kommenden Tagen lesen Sie:
Mittwoch, 1. November 2006:
Social Networks: Was heißt hier Treue?
Webangebote wie MySpace leben von einer äußerst jungen, flatterhaften Klientel. Was heute hip ist, ist morgen Flop, weil von gestern.
Donnerstag, 2. November 2006:
YouTube: Verkauf zur rechten Zeit?
Kaum ein Web-Angebot generiert so viele Nachrichten wie YouTube, genießt so große Aufmerksamkeit. Genau da liegt das Problem: YouTube droht, vom eigenen Erfolg in die Saubermann-Ecke gedrängt zu werden. Da will die Community aber gar nicht hin.