Link-Sammlung
Menscheln statt googeln
Mister Wong ist ein deutsches Portal für "Social Bookmarking". Hinter dem Modewort steckt eine reizvolle Mischung aus Suchmaschine und Best-of-Internet-Sammelalbum. Im Interview mit SPIEGEL ONLINE erklärt Christian Clawien, wie der Faktor Mensch dabei sogar Google aussticht.
SPIEGEL ONLINE: Was ist Social Bookmarking?
Christian Clawien: Erstens: Ich kann meine Internet-Lesezeichen online verwalten. So habe ich überall Zugriff darauf - nicht nur vom Browser zu Hause oder am Arbeitsplatz. Außerdem kann ich sie nach meinen eigenen Schlagworten kategorisieren, den sogenannten Tags. Zweitens: Wenn das tausende Nutzer tun, entsteht eine Art menschliches Suchverzeichnis. Eine Linksammlung, die häufig viel größere Relevanz hat als die Ergebnislisten klassischer Suchmaschinen.
CHRISTIAN CLAWIEN
ist PR- Manager der Werbe- und Onlineagentur construktiv, die auch verschiedene Web- Projekte, unter anderem das Social- Bookmarking- Portal Mister Wong betreibt.
Der 28- Jährige verantwortet Kommunikation und Marketing. Zuvor hat er für eine Unternehmensberatung und eine PR- Agentur gearbeitet.
SPIEGEL ONLINE: Der Hauptzweck ist also - mal schauen, was derzeit die anderen im Netz gut finden...
Clawien: ...wir sprechen da immer von einer Art Surfmaschine. Man findet zu seinen Suchwörtern relativ schnell interessante Seiten - selbst wenn diese noch neu im Netz sind. Bei Google landen gerade neue Seiten ziemlich weit hinten oder stehen gar nicht im Index, selbst wenn sie relativ häufig besucht sind. Bei uns sind Nutzer als Trüffelschweine im Netz unterwegs: Sie finden solche Seiten über andere Kanäle viel schneller und bookmarken sie sofort bei uns. Neue Seiten, die gerade im Kommen sind, werden auf diese Weise viel schneller gelistet als in klassischen Suchmaschinen. Außerdem kann man sich die Ergebnisse nach Aktualität und Beliebtheit sortieren lassen.
SPIEGEL ONLINE: Warum aber Mister Wong? Das ältere US-Angebot
del.icio.us und andere Seiten funktionieren praktisch genauso.
Clawien: Im deutschsprachigen Raum gab es kein solches Portal, das einfach und komfortabel zu bedienen ist. Wer die populärsten Seiten bei del.icio.us ansieht, findet meist keine Seiten, die in Deutschland häufig besucht werden. Bei
Mister Wong findet man das Internetwörterbuch Leo, Chefkoch.de, "frag Mutti", auch SPIEGEL ONLINE und so weiter - Seiten, die bei Nutzern im deutschsprachigen Raum populär sind. Außerdem haben wir in den wenigen Monaten seit dem Start von Mister Wong viele Features eingeführt, die andere Social-Bookmarking-Dienste nicht haben.
SPIEGEL ONLINE: Zum Beispiel?
Clawien: Man kann private Mails an andere Nutzer schicken oder Tags matchen. Das bedeutet: Ich kann bei einem Bookmark auf "verwandte Links" klicken und bekomme dann andere Bookmarks mit ähnlichen Tags angezeigt. Bei einer gebookmarkten Seite mit Kochrezepten bekomme ich auf diese Weise vier, fünf Vorschläge für weitere Rezepte-Seiten. Oder ich kann mir anzeigen lassen, welche anderen Nutzer sich für meine Themen interessieren. So finde ich Gleichgesinnte. Kurz, Nutzer können sich bei uns stärker miteinander vernetzen und leichter beobachten, was andere bookmarken.
SPIEGEL ONLINE: Das berührt ja ziemlich private Dinge. Was müssen Nutzer von sich preisgeben?
Clawien: Wir haben die Möglichkeit, ein öffentliches Profil einzugeben. Da kann man seinen Namen angeben, seinen Arbeitgeber, seine Webseite, seinen Skype- oder ICQ-Namen und einen Link zum Profil bei OpenBC. Man muss das aber nicht. Jeder kann entscheiden, was privat und was öffentlich sein soll. Das gilt auch für jedes Bookmark, das man anlegt.
SPIEGEL ONLINE: Als Nutzer muss ich aber davon ausgehen, dass Sie als Betreiber alles sehen - auch privateste Bookmarks.
Clawien: Es geht ja nur um Links zu anderen Webseiten. Bei uns werden sicher weniger Pornografie-Seiten gebookmarkt, als das Menschen bei sich zu Hause tun - solche Bookmarks erklären wir ohnehin sofort für privat. Unsere Nutzer kommen außerdem bisher eher aus dem professionellen Bereich, und die meisten benutzen Fantasienamen. Bei uns wird nur der Anmeldename und die E-Mail-Adresse hinterlegt. Alles darüber hinaus entscheidet der Nutzer selbst. Ich selbst habe alle meine Daten ein- und freigegeben, weil ich darauf setze, dass ich durch meine Lieblingsthemen ein soziales Netz knüpfe. Das macht sich auch schon bemerkbar.
WEB 2.0: MITMACH-PLATTFORMEN UND SOZIALE NETZWERKE
Facebook, Myspace und Co - die bekanntesten sozialen Netzwerke und Mitmach-Plattformen im Überblick.
Facebook ging Anfang 2004 als soziales Netzwerk für Harvard-Studenten online. Zunächst konnten nur Menschen mit E-Mail-Adressen ausgewählter US-Hochschulen Mitglieder werden, seit 2006 ist die Seite für alle Über-13-Jährigen offen. Nach
eigenen Angaben hat Facebook derzeit 175 Millionen aktiver Mitglieder weltweit.
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Wer-kennt-wen wurde von den beiden Studenten Fabian Jager und Patrick Ohler gegründet. Das Netzwerk hat laut Betreiber knapp 5,8 Millionen Nutzer.
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Xing (früher OpenBC) wurde 2003 von Lars Hinrichs gegründet. Ende 2008 hatte Xing 6,5 Millionen Mitglieder, etwa eine halbe Millionen Nutzer haben einen kostenpflichtigen Premium Account. Bei Xing geht es vor allem um berufliche Kontaktaufnahme.
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Ehssan Dariani hat die Studenten-Community StudiVZ 2005 gegründet. Zuerst investierten Lukasz Gadowski und Matthias Spiess, später finanzierten StudiVZ vor allem die Gebrüder Samwer - bekannt für die Klingeltonfirma Jamba - und der Venture-Capital-Arm des Holtzbrinck-Verlags ("Die Zeit", "Handelsblatt"). Im Januar 2007
übernahm Holtzbrinck StudiVZ. Derzeit haben Plattformen studiVZ.net, schuelerVZ.net und meinVZ.net
nach eigenen Angaben mehr als zwölf Millionen Nutzer.
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MySpace.com ist die populärste unter den Community-Plattformen, mit über hundert Millionen registrierten Nutzern. Wie auch
Facebook.com,
Xanga.com oder
Friendster.com bietet MySpace den Nutzern die Möglichkeit, Profilseiten anzulegen und mit Bildern und Videos zu dekorieren, Musik und Text auf die Seite zu stellen und ihre persönliche Profilseite mit der von Freunden und Bekannten zu verknüpfen. MySpace ist sehr beliebt bei Nachwuchsmusikern und verhalf auch den britischen Arctic Monkeys zu ungeahntem Erfolg. In die Kritik geriet das Angebot, weil es von Pädophilen benutzt wurde, um Kontakt zu Minderjährigen aufzunehmen.
StudiVZ ist eine deutsche Studenten-Community, die Facebook ähnelt.
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Flickr.com ist eine Foto-Community. Nutzer können Bilder einstellen, mit Schlagworten ("Tags") versehen und Pools für bestimmte Themen einrichten. Im Zusammenhang mit Ereignissen wie den Terroranschlägen in der Londoner U-Bahn oder dem Hurrikan "Katrina" wurde Flickr auch zu einem Paradebeispiel für den sogenannten citizen journalism: Schnell entstanden Bildersammlungen von Privatleuten, die das Geschehen dokumentierten. Als deutsches Flickr-Pendant versucht sich zum Beispiel
Photocase.
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YouTube.com lässt Nutzer Videos online stellen. Wie bei
Flickr und ähnlichen Angeboten können andere Eingestelltes kommentieren und bewerten. Mit einem speziellen Werkzeug kann man YouTube-Videos auch auf seiner eigenen Webseite einbinden. Vergleichbare Dienste gibt es inzwischen zuhauf, Beispiele sind
Metacafe.com,
Vimeo.com und
ClipShack.com. Auch
Googles Videodienst funktioniert nach dem gleichen Prinzip.
Putfile.com ist ein genereller Upload-Service für Videos, Audio- und Bilddateien. Weiter gehen Angebote wie
Eyespot.com und
Jumpcut.com - dort können die Nutzer eingestellte Videos auch bearbeiten, zusammenschneiden und nachvertonen. Deutschsprachige Varianten von Youtube sind etwa
MyVideo und
FMarket. Eine Kombination aus Flickr und YouTube bietet
Sevenload.
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Eine Art Online-Bookmark-Sammlung mit Community-Eigenschaften. Bei
Del.icio.us kann jeder angemeldete Nutzer Web-Adressen speichern, sie mit Schlagworten ("Tags") versehen und so anderen Benutzern zugänglich machen. Verwandte Sites lassen sich so gruppieren, User mit ähnlichen Interessen können einander auf Interessantes hinweisen. Für Firefox-Benutzer gibt es sogar ein Browser-Plugin, das den Zugriff auf die Online-Linksammlung in die Navigationsleiste integriert.
Mr Wong ist eine deutsche del.icio.us-Variante.
Ursprünglich auf Technologie-Nachrichten spezialisiert war
digg.com. Die Selbstbeschreibung des Angebotes spricht von "nicht-hierarchischer redaktioneller Kontrolle": Indem Nutzer eingestellte Nachrichten bewerten, entscheiden sie mit über die Platzierung einer bei digg.com verlinkten Meldung auf der Seite. Eine deutsche Variante von Digg heißt
Yigg.
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Im Mai 2005 gegründet, hat das Netzwerk Lokalisten eigenen Angaben inzwischen etwa 3,4 Millionen Nutzer.
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Technorati.com ist die Mutter aller Blog-Suchmaschinen. Sie katalogisiert Weblogs, Blogeinträge können wiederum mit Tags versehen und so zusammengefasst oder effektiver durchsucht werden. Technorati beurteilt Blogs auch nach Bedeutsamkeit und Glaubwürdigkeit - Suchergebnisse können entweder danach oder nach dem Erscheinungsdatum sortiert werden. Durch die Hitliste der häufigsten Suchbegriffe ist Technorati auch zu einer Art Seismograph für die heiß debattierten Themen der Blogosphäre geworden. Eine Blog-Suche bietet auch Google an (
Google Blog Search) - mit weniger aufwendiger Funktionalität, aber teilweise anderen Ergebnissen.
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Mashups sind Multimedia-Collagen wie Video-Zusammenschnitte - oder aber Internetseiten, die durch das vermischen, verknüpfen oder neu konfigurieren vorhandener Inhalte entstehen. Häufig werden beispielsweise
Ortsinformationen aus Google Maps mit anderen Inhalten, etwa Lexikon- oder Branchenbucheinträgen verknüpft. Auch
Flickr und
del.icio.us sind beliebte MashUp-Zutaten. Viele Web-Unternehmen stellen Hobbyentwicklern für solche Projekte sogar ihre
"application programming interfaces" (APIs) zur Verfügung.
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Blogs oder Weblogs sind oft von Privatleuten geführte Internet-Publikationen. Sie basieren auf einer Software, die es erlaubt, Texte mit wenig Aufwand online zu stellen und Leser Artikel kommentieren zu lassen. Weblogs sind teilweise schlicht private Aufzeichnungen für den Freundeskreis, zum Teil aber durchaus ambitionierte Publikationsprojekte, die von den Betreibern als alternative journalistische oder literarische Form verstanden werden. Besonders themenspezifische Blogs können durch eingeblendete Werbung durchaus lukrativ sein. Es gibt auch organisierte Blogger-Verbände, die Zulieferer-Verträge mit Zeitungen und Nachrichtenagenturen haben.
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SPIEGEL ONLINE: Wie wollen Sie damit Geld verdienen?
Clawien: Wir denken im Augenblick vor allem an Kooperationen mit anderen Anbietern wie Verlagshäusern, in deren Internet-Angebote man unsere Funktionen einbauen könnte. Im Moment wäre Werbung auf der Seite zwar möglich - aber wir möchten zunächst werbefrei bleiben, bis sich attraktive Modelle anbieten.
SPIEGEL ONLINE: Fänden Sie es attraktiv, wie YouTube oder MySpace für viel Geld aufgekauft zu werden?
Clawien: Das wird die Zeit zeigen. Es gibt bereits Anfragen, allerdings legen wir viel Wert auf die Selbständigkeit in unseren Entscheidungen, was das Portal angeht.
Die Fragen stellte
Christian Stöcker